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An der Gabel der Geschichte

09.11.2016 Josef Lentsch

Ich bin derzeit nach einer Woche Familienurlaub in den Vereinigten Staaten auf dem Heimweg nach Österreich. Wir waren in New York, in Brooklyn, in einem Viertel wo die schwarze untere Mittelklasse wohnt, und das langsam gentrifiziert. Hier haben fast 80% der Menschen Hilary Clinton gewählt.

Was ist da gestern passiert?

Das ist noch nicht klar, und wir sollten uns vor vorschnellen Interpretationsmustern hüten, wie Anthony Painter konzise in seinem blog formuliert.

Was aber jetzt schon klar ist:

1. Es gibt nicht eine zentrale Bruchlinie, die sich durch die amerikanische Gesellschaft zieht, sondern mehrere, wie die Exit Polls zeigen. Das Stadt/Land-Gefälle, Geschlecht, ethnischer Hintergrund, Religiosität und Alter zeigen alle große Unterschiede auf. Nur Einkommen scheint sich als Prädiktor für das Wahlverhalten immer mehr aufzulösen – Trump hat insbesondere bei den untersten Einkommen rasant aufholen können – strukturell ähnliches gilt für die Bildung. Identität, insbesondere die der Weissen, scheint auch in den USA zu einer immer zentraleren national(istisch)en Frage zu werden.

2. Klar ist auch, dass die wenigsten dieses Ergebnis voraus gesehen haben. Auch ich nicht. Beim Brexit lag ich leider richtig, hier lag ich komplett daneben. Mit mir aber auch so gut wie die gesamte Meinungsumfrageindustrie, diese dafür zum wiederholten Male. Ist sie damit am Ende?

Nate Silver’s blog Fivethirtyeight zufolge ging Trump mit einer 20% Gewinnchance in den Abend. Das bedeutet bei einem Wahlzyklus von 4 Jahren, dass er statistisch gesehen alle 20 Jahre gewinnt. Und gestern war so ein Abend, der einmal in einer Generation passiert. So wie er einer bei Brexit war. Ja, die Meinungsumfragen lagen daneben, aber nicht sie sind es, die sich verschoben haben – es ist die Gesellschaft.

3. Klar ist zuletzt, dass diese Wahlentscheidung zusammen mit den kommenden Wahlen in Österreich, Deutschland, Niederlande und Frankreich den Rest des 21. Jahrhunderts entscheidend mitprägen wird. In den Sozialwissenschaften gibt es das Konzept „Pfadabhängigkeit“, das besagt, dass frühere Entscheidungen spätere mitdefinieren, indem sie den Entscheidungsspielraum dafür einengen.

So gesehen stehen wir nach der Finanzkrise, dem Brexit und der Wahl Trumps an einer Gabel der Geschichte: wollen wir zurück in das 20., oder vorwärts in das 21. Jahrhundert? Es geht um nichts anderes als die Zukunft Europas als offenes Wohlstands-, Friedens- und Freiheitsprojekt. Sind wir bereit, es gegen Rassismus, Misogynie und nationalistische Abschottungstendenzen zu verteidigen? Die Chance ist, dass Europa jetzt zu sich selbst kommt, und sich gegenüber sich selbst, den USA und der Welt neu definiert. Die Gefahr ist, dass Europa an Kleinstaaterei und Populismus zerbricht.

Es liegt an uns, zu entscheiden, in welche Richtung sich dieses Jahrhundert entwickelt.

The fight is on.