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Ausbildungspflicht bis 25? Ein bildungspolitisches Placebo.

Bundeskanzler Christian Kern ist derzeit mit einem bildungspolitischen Vorschlag medial präsent: Der Verlängerung der Ausbildungspflicht bis zum 25. Lebensjahr. Dies ist notwendig, so das Argument des Bundeskanzlers,  „damit jeder junge Mensch in Österreich eine gute Ausbildung bekommt, um auf die Eventualitäten des Arbeitsmarktes vorbereitet zu sein“.  Bevor auf die inhaltliche Bewertung des Vorschlages eingegangen wird, sollte zu Beginn kurz erwähnt werden was denn die Ausbildungspflicht überhaupt ist, da diese vor nicht einmal zwei Monaten (genauer gesagt am 30. Juli 2016) beschlossen wurde:

 

Die Ausbildungspflicht schließt unmittelbar an die Schulpflicht an und schreibt gesetzlich Aus- und Fortbildungsmaßnahmen zur Weiterqualifizierung von Jugendlichen bis zum 18. Lebensjahr vor. Hierbei sollen neben Monitoring- und Koordinierungsstellen unter anderem die Angebote des AMS bzw. die Leistungen des Sozialministeriums (u.a. Ausbau des Jugendcoachings) ausgebaut werden. Das Ziel der Ausbildungsgarantie ist wie folgt definiert:

 „Weniger frühzeitige (Aus-)Bildungsabbrüche erhöhen in weiterer Folge das Ausbildungsniveau junger Menschen, was zu einer besseren Integration in Arbeitsmarkt und Gesellschaft führt.“

 

Nun zur inhaltlichen Bewertung: Was bringt eine Verlängerung der Ausbildungspflicht bis zum 25. Lebensjahr? Lassen wir einfach mal außer Acht, dass die Ausbildungspflicht um 7 Jahre verlängert werden soll, noch bevor diese überhaupt implementiert wurde (von einer Evaluation der im Nationalrat beschlossenen Gesetze auf deren tatsächliche Wirkung wage ich gar nicht zu träumen), so stellt sich die Frage, welche Verbesserungen für 19-25-jährige eine Verlängerung der Ausbildungspflicht mit sich bringen würde. Hierbei handelt es sich um Personen, die – wenn sie eine berufliche Ausbildung gewählt haben – ihre Lehre (und ev. sogar die Meisterprüfung) schon abgeschlossen haben und mit 25 einige Jahre Berufserfahrung besitzen, oder sich für ein Studium entschieden haben und mit 25 im Idealfall einen Masterabschluss besitzen. Für diese Personengruppe bringt eine Verlängerung der Ausbildungspflicht nichts, da diese ja – siehe oben – dazu dient Bildungsabbrüche und damit einhergehend einen formal niedrigen Bildungsgrad zu vermeiden. Diese jedoch finden (mit der Ausnahme von Studienabbrüchen) in überwiegender Anzahl vor dem 19. Lebensjahr statt.

 

Grundsätzlich ist ein Augenmerk auf Bildungsabbrüche und geringe formale Bildung ja sehr begrüßenswert, hierbei geht es aber nicht um die formelle Bildung, sondern um die dahinterliegenden Qualifikationen. Insbesondere die Lese-, Schreib-, Problemlösungskompetenzen bzw. Mathematikkenntnisse sind von besonderem Interesse. Wie wichtig diese Schlüsselkompetenzen sind, zeigt nicht zuletzt die PIAAC– Studie der OECD, die genau ebendiese von Erwachsenen misst:

labourQuelle

Probleme mit diesen Schlüsselkompetenzen sind jedoch im Schulsystem zu lösen, also noch bevor Schüler_innen sich entscheiden ob sie einen beruflichen oder tertiären Ausbildungsweg einschlagen. Hierzu gibt es eine Vielzahl an Vorschlägen, wie wir unsere Kinder besser auf das Arbeitsleben vorbereiten können. Hier eine kleine Auswahl:

  • Mittlere Reife mit 15 (um einheitliche Qualifikationsprofile zu schaffen, die einen weiterführenden Schulbesuch oder eine hochwertige Berufsausbildung gewährleisten)
  • Schulautonomie (der Bund gibt die Ziele und (monetären) Ressourcen vor, über den Weg dorthin entscheiden die Schulen selbst)
  • Moderne Lehrpläne (beispielsweise Programmierkenntnisse stärker berücksichtigen)
  • Aufwertung und Verbesserung der Lehre (modulare Lehre für alle und verpflichtende regelmäßige Evaluation der Ausbildungspläne)

Diese Liste ist im Übrigen beliebig fortsetzbar: Lehrerdienstrecht abschaffen, Aus- und Fortbildung von Lehrer_innen reformieren, einheitliches Berufsbild für Schulsozialarbeit einführen und für eine fixe Verankerung von Schulsozialarbeiter_innen in den Schulen sorgen, …

 

Unabhängig davon handelt es sich bei der Personengruppe der 19-25-jährigen um Personen die in den Bereich der Erwachsenenbildung fallen. Diese unterscheidet sich maßgeblich von der Schulbildung, da „ … die Ziele der Erwachsenenbildung sehr viel unterschiedlicher sind als die Ziele herkömmlicher Erziehungsmaßnahmen oder arbeitsplatzspezifischer Programme.“ 

 

Nicht zuletzt stellt sich die Frage warum die Grenze mit 25 Jahren gewählt wurde. Diese wirkt auf den ersten Blick etwas willkürlich. Gerade in Zeiten der Digitalisierung wird ein konstanter Erwerb von Qualifikationen in Zukunft immer wichtiger. Ein Blick in die Praxis beispielsweise zeigt, dass Österreich gerade bei den über 25-jährigen Probleme im Bereich der Weiterbildung aufweist:

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Quelle

Bei Personen mit geringen Lesekenntnissen beispielsweise ist der Anteil an Personen zwischen 25 und 64, die an Weiterbildungsmaßnahmen teilnehmen unter dem OECD Schnitt, bei Personen mit besonders hoher Lesekompetenz liegt Österreich nur im Durchschnitt. Hier müssen Anreiz- und Finanzierungsstrukturen geschaffen werden, damit eine Weiterbildung am Arbeitsplatz für alle beteiligten (Arbeitnehmer und Arbeitgeber) als gute und nachhaltige Investition gesehen wird.

Die bisher genannten Vorschläge würden wahrscheinlich nach der Definition von Christian Kern unter „klein-klein“ fallen, daher eine schöne Alternative zur Ausbildungspflicht bis 25 aus Portugal: Dort gibt es seit 2007 ein nationales Qualifikationssystem, welche den Rahmen für alle Bildungswege (berufs- und allgemeinbildend) festlegt. Eine (!) nationale Agentur für Qualifikation und berufliche Bildung (Agência Nacional para a Qualificação e o Ensino Profissional) verwaltet diesen Qualifikationskatalog, in dem alle Informationen über Ausbildungsinhalte und –wege für mehr als 270 Qualifikationen im nichtuniversitären Bereich enthalten sind. Fast alle Qualifikationen können über alternative Ausbildungswege erreicht werden und sind doppelt qualifizierend (sie führen also zu einem Schul- wie auch beruflichen Abschluss).

 

Die Qualifikationen sind modular organisiert, werden in regelmäßigen Abständen evaluiert und können auch einzeln zertifiziert werden. Damit wird die Durchlässigkeit zwischen einzelnen Bildungswegen erhöht, Studien- oder Lehrabbrecher können leichter andere Angebote zur (Nach-)Qualifizierung annehmen und dank des modularen Aufbaus werden diese auch in der Erwachsenenbildung eingesetzt.  Dies könnte man beispielsweise kombinieren mit einer Aufwertung der Berufsschulen in Österreich. Ziel sollte es sein, ein Kompetenzzentrum für berufliche Aus- und Weiterbildung zu schaffen, die im Laufe eines Arbeitslebens mehrfach besucht wird (Stichwort „lebenslanges Lernen“).

 

Eine solche Vision wäre in der Tat ein „New Deal“, da dieser die bestehende Struktur nachhaltig verändern würde. Dazu müsste man sich aber mit „dem System“ anlegen, da beispielsweise die Wirtschaftskammer sich mit der Meisterausbildung ein nettes Körberlgeld verdient, Gewerkschaften jede minimale Veränderung im Schulsystem ablehnen (wozu sollen sich auch Schulen die Lehrer_innen aussuchen können) und die Länder unter Schulautonomie einfach nur den eigenen Machtzuwachs verstehen.

 

Angesichts der bildungspolitischen Realität fällt es mir schwer diesen Vorschlag der SPÖ ernst zu nehmen. Ein abschließendes Beispiel:  Wenn es in der Stadt Wien mehr Bezirksvorsteher-Stellvertreter (46) als Schulsozialarbeiter (31) gibt, dann kann auch eine Verlängerung der Ausbildungspflicht bis 25 nichts bewirken. Es fehlen schlichtweg die Grundlagen um z.B. Bildungsabbrüche zu vermeiden. In Summe ist der Vorschlag des Bundeskanzlers eine reine Placebo-Politik, denn mangelnde Ressourcen, ein veraltetes und verkrustetes Bildungssystem sowie fehlendes Vertrauen in unser Lehrpersonal (Stichwort Schulautonomie) können nicht durch eine willkürliche Verlängerung der Ausbildungspflicht kaschiert werden.