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Nein Frau Ministerin, Bildung ist nicht die Konsequenz von Belohnungsaufschub

16.08.2015 Josef Lentsch

Ich weiß schon, bei Interviews sagt man manchmal Dinge, über die man sich nachher beim Lesen selbst wundert. Möglicherweise ist es Familienministerin Sophie Karmasin so gegangen beim Sommergespräch mit dem Standard. Ich jedenfalls bin bei dieser Passage hängen geblieben:

STANDARD: (…) Besteht in Österreich in Hinblick auf Zukunftschancen ein gravierender Unterschied, ob man in finanziell besser gestellten Verhältnissen aufwächst oder eben nicht?

Karmasin: Das besagen sämtliche Studien. Es geht nicht nur um Bildungschancen, sondern um tiefliegende psychologische Mechanismen, die in einem sozialen Umfeld gelernt oder genetisch übertragen werden. Geduld ist die ausschlaggebende Kompetenz. Diese Geduld ist in der Oberschicht vermutlich stärker ausgeprägt.

STANDARD: Die Geduld der Eltern mit ihren Kindern?

Karmasin: Ich meine, die Fähigkeit des Kindes, geduldig zu sein. Die Frage, ob ich es als Kind schaffe, meine Wünsche für eine spätere Belohnung zurückzustellen, ist entscheidend für den Bildungsweg und das Lebensglück des Kindes. Wer zum Beispiel eine Ausbildung abschließen will, braucht Geduld. Das ist ein starker psychologischer Faktor, der im Zusammenhang mit dem sozialen Umfeld steht. Bildung ist die Konsequenz dessen, dass Familien Belohnungsaufschub gelehrt haben. [fett vom Autor]

Davon ausgehend, dass die Zitate korrekt wieder gegeben (und frei gegeben) wurden, wundert es einen so etwas von einer promovierten Psychologin zu hören. Auch wenn die Aussagen nicht gänzlich unwahr sind, sind sie doch falsch.

Zur Evidenz:

Die Geduld, von der sie spricht, heißt in der Psychologie Selbstkontrolle. Das Konzept geht zurück auf Walter Mischel und seinem berühmten „Marshmallow“-Test in den 60ern, bei dem er feststellte, dass schon im Alter von 4 Jahren Selbstkontrolle unabhängig vom sozioökonomischen Status ein guter Prädiktor für spätere outcomes ist. Und tatsächlich korreliert Selbstkontrolle mit sozioökonomischem Status. So weit, so korrekt.

Unterschlagung individueller Belastungen

Warum korreliert Selbstkontrolle nun mit sozioökonomischem Status? Gute Gewohnheiten, meint Karmasin, und die Genetik. Das erste ist weitgehend unbestritten, das zweite zumindest kontroversiell. Was sie aber komplett unterschlägt, sind erhöhte individuelle Belastungen im Umfeld von Kindern mit niedrigem sozioökonomischen Status. Dazu gehört etwa

  • Weiters führt Armut unter Anderem dazu, dass Menschen laufend Entscheidungen treffen müssen, die reiche Menschen nicht treffen müssen. Menschen haben aber nur begrenzte Entscheidungs- und Selbstkontrollkapazität. Mehr Entscheidungen treffen zu müssen über Dinge, die für andere selbstverständlich sind, heißt, weniger für Selbstkontrolle  zur Verfügung zu haben. Eltern mit niedrigem sozioökonomischen Status werden sich daher schwerer tun, Rollenmodelle für Selbstkontrolle zu sein.

Wer nicht lesen kann, dem nützt auch Geduld nichts

Dazu kommen systemische Bildungs-Ungerechtigkeiten, zB aufgrund der frühen Selektion im Schulsystem, oder der schlicht miserablen Bildung für weite Teile der Bevölkerung. Die Bildungschancen, um die es laut Karmasin „nicht nur geht“, schauen in Österreich so aus: Bildung wird immer noch zu einem großen Teil vererbt, jeder vierte Jugendliche kann nicht sinnerfassend lesen. Dass das immer noch so ist, dafür ist die ÖVP gemeinsam mit der SPÖ hauptverantwortlich. Dass Bildung angesichts dieses Desasters „die Konsequenz dessen, dass Familien Belohnungsaufschub gelehrt haben“ sein soll, klingt dann schon etwas nach Hohn.

Solche systemischen Ungerechtigkeiten haben ihren individuellen Preis: Die Kombination der höheren Belastungen führt zu schlechteren Gesundheits-Outcomes für Kinder mit sozioökonomisch niedrigerem Status. Ja, Selbstkontrolle ist zu einem bestimmten Grad lernbar. Und Kinder mit niedrigem sozioökonomischen Status und hoher Selbstkontrolle haben bessere outcomes. Aber: wie eine neue Studie zeigt, altern sie schneller.

Gute Kinder kommen aus guten Familien, schlechte aus schlechten, meint die ÖVP

Was Karmasin unterschlägt ist, dass Kinder aus sozioökonomisch niedrigeren Schichten mit Herausforderungen zu kämpfen haben, die Kinder (und Eltern) in der Oberschicht einfach nicht kennen. Karmasin mag als Ministerin parteifrei sein, aber mit ihren Aussagen spiegelt sie genau die ideologische Haltung der ÖVP wieder: „Gute“ Kinder kommen aus „guten Familien“, „schlechte“ Kinder kommen aus „schlechten Familien“.

Nein, Bildung ist nicht allein Konsequenz von Belohnungsaufschub. Allen Kindern die Flügel heben heißt, manchen mehr Wind mitzugeben. Für mehr Bildungsgerechtigkeit braucht es daher zum Beispiel eine indikatorbasierte Finanzierung von Schulen, wie NEOS sie fordert. Davon ist bei der ÖVP aber keine Rede. Ihre Bildungspolitik ist im letzten Jahrhundert stehen geblieben, wie das die Familienministerin in ihrem Interview eindrucksvoll bestätigt hat.

  • Christine Hahn

    danke für den faktencheck. das familienbild und die bildungspolitik der övp sind sichtlich in stein gemeißelt, auch für jüngere regierungsmitglieder ist dieser stein zu hart zum bearbeiten!

  • Doris Hager-Hämmerle

    Vielen Dank für diesen sehr gute Artikel! Ein guter Beitrag gegen den schampigen Umgang mit Halbwahreiten.

  • Dabei bin ich mir sicher, dass die meisten gut/besser stehenden Köpfe, die solche und ähnliche Aussagen treffen, die hier ergänzten Tatsachen nicht bewusst unterschlagen. Meiner Erfahrung nach, können sie diesen Druck und den Stress, der aus finanziellen Lasten entsteht und auf Familien einwirkt, einfach nicht nachvollziehen. Jemand, der nie mit hungerndem Bauch lernen musste, weiß nicht, wie schwer Selbstkontrolle in dieser Situation ist.
    Das mag eine Erklärung, aber keine Entschuldigung dafür sein, warum Politiker_innen solche Aussagen tätigen.

  • Fabian Füreder

    Ich würde auch ja Sagen, wenn die Frau Ivana Baric-Gaspar gemeint hat