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Bildung ermöglicht Gesellschaft und Wandel: Émile Durkheim und die Bildungswende

Die Bedeutung von Bildung für die Entfaltung des Individuums innerhalb einer Gesellschaft ist unumstritten. Bildung ermöglicht -im besten Fall- sozialen Aufstieg und trägt insbesondere im Zeitalter der so genannten Wissensgesellschaft, in welcher dem individuellen und kollektiven Wissen ein besonderer Stellenwert zukommt, zum sozialen und ökonomischen Wohlstand einer Gesellschaft bei. Bildung ist nicht nur eine strategische Ressource für den Wohlfahrtstaat des 21. Jahrhundert, sondern avanciert gleichsam zum Indikator und Kriterium für Chancengleichheit und –gerechtigkeit. Bildung ermöglicht politische Teilnahme und die Inklusion des Individuums auf allen Ebenen gesellschaftlichen Seins. Demokratie setzt mündige Bürger_innen voraus und dies verlangt dem Bildungssystem mehr als nur Qualifikationserwerb ab. Eine demokratische pluralistische Gesellschaft bedarf insbesondere auch eines pluralistischen Bildungswesens und einer mündigen Schule zur Förderung individueller Talente und Neigungen.

Dies ist es, was der französische Soziologe Émile Durkheim Ende des 19. Jahrhunderts antizipierte, als er die Grundlagen für seine These formulierte, dass Bildung Gesellschaft ermöglicht. Er legt hierdurch nicht nur den Grundstein für die Etablierung der Soziologie als moderne Wissenschaft, sondern zeichnet gleichsam ein differenziertes Bild der Rolle von Bildung (und Erziehung) für die gesamtgesellschaftliche Entwicklung. Durkheim zufolge ermöglicht Bildung sozialen Wandel, indem sie das Individuum an die Gesellschaft bindet. Auf dieser Grundlage begründet Durkheim, dass die Gesellschaft mehr sei als nur die Summe der in ihr lebenden Individuen. Eine wissenschaftliche Analyse entsprechender Interaktionen, die Durkheim als „soziale Fakten“ beschreibt, ermöglicht deren systematische Erfassung.

Veränderungen im Bildungssystem als Ausdrucksformen sozialer Veränderungen

Durkheim war Positivist und glaubte in Anlehnung an den französischen Philosophen Auguste Comte an die Gesetzmäßigkeit gesellschaftlicher Prozesse. Er glaubt aber auch an Wandel. Er war überzeugt davon, dass soziale Phänomene wissenschaftlich erfasst und auf dieser Grundlage Handlungsanleitungen für eine gerechtere Gesellschaft entwickelt werden können. Wesentlich ist ihm zufolge Bildung bzw. eine permanente Reform dieser. Bildung müsse sich an die sozialen Gegebenheiten anpassen und auch vor dem Hintergrund unvollständigen Wissens die Zeichen der Zeit als Impetus für Veränderungen nutzen. Durkheim hat Veränderungen im Bildungssystem als Ausdrucksformen sozialer Veränderungen beschrieben und im Umkehrschluss Veränderungen in der Bildung als Spiegel bzw. als Folge sozialen Wandels analysiert. Ebenso wie das Bildungssystem Aufschluss über den Zustand und die Entwicklung der Gesellschaft gibt, ermöglicht eine Analyse gesellschaftlicher Realitäten angemessene Bildungsinnovation.

Bildung macht den Menschen

Was ihm als forschungsleitende Prämisse galt, ist auch praktisch anwendbar und hängt mit Durkheims Verständnis zusammen, dass das Individuum erst über Sozialisation Teil der Gesellschaft wird. In seinem postum erschienen Werk „Bildung und Soziologie“ (1922) schreibt Durkheim, dass der Mensch, den das Bildungssystem aus uns macht, nicht der Mensch ist, wie ihn die Natur hervorgebracht hat, sondern wie die Gesellschaft den Menschen wünscht und die politische Ökonomie ihn verlangt. „Die“ Gesellschaft ist bei Durkheim aber ein Mosaik aus sozialen Fakten, zu welchen er auch soziale Klassen und Milieus rechnet, die letztlich auch die Bildung und den Bildungserfolg der einzelnen Schülerin oder des einzelnen Schülers determinieren.

Allen Talenten Rechnung tragen

Daher forderte Durkheim ein differenziertes Schulsystem, das allen Talenten Rechnung trägt, jedoch den Sprung über den Graben der Klassen- und Milieuunterschiede nicht schafft. Hier bleibt Durkheim ein Gefangener seiner eigenen (allzu funktionalistischen) Theorie oder aber ein (semi-kritischer) Realist, der die Trägheit gesellschaftlichen und politischen Wandels in seine Kalkulation miteinbezogen hat. Vielleicht auch deshalb fordert er bereits im Jahr 1902 in einem Vortrag an der Sorbonne, dass es nicht mehr darum gehe, verifizierte Ideen umzusetzen, sondern neue Ideen zu entwickeln, indem man schlicht die gesellschaftliche Realität als Grundlage nimmt.

Kurz gesagt: Eine Bildungswende stößt immer auch einen Wandel in der Gesellschaft an und kann zur Stärkung von Chancengerechtigkeit beitragen. Voraussetzungen dafür aber sind 1) der Fokus auf das Individuum und die zentrale Rolle zwischenmenschlichen Handelns für die Entfaltung des Menschen, 2) die Analyse und Kenntnis sozialer Probleme und Ungerechtigkeiten innerhalb einer Gesellschaft und 3) die Orientierung an individuellen Talenten und Neigungen, die ein Bildungssystem voraussetzt, das für jede und jeden den richtigen Schultypus und Bildungszugang bereithält.