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Bildungsgerechtigkeit: ein erfüllbarer Anspruch?

04.06.2015 Josef Lentsch

Das ist der erste Teil einer mini-Blogserie. Den zweiten Teil finden Sie hier.

Wie bewertet man Bildungssysteme moralisch? Unter welchen Bedingungen sind sie als gerecht oder ungerecht zu bezeichnen? Solchen Fragen widmete sich der zweitägige „Workshop Bildungsgerechtigkeit“ diese Woche in Wien. Organisiert hatte ihn die Österreichische Forschungsgemeinschaft unter der Führung von Prof. Christiane Spiel.

Workshop Bildungsgerechtigkeit

Bildungsgerechtigkeit ist als neuer interdisziplinärer Leitbegriff nach der ersten PISA-Studie aufgekommen. Philosophie, Psychologie, Soziologie, Rechts-, Wirtschafts-, Bildungs- und Politikwissenschaften: alles Disziplinen, die sich damit beschäftigen. Im Zentrum steht die Frage, wie Bildung in der Gesellschaft erworben und verteilt wird.

Österreich, Land der Bildungsungerechtigkeit

Bildungsgerechtigkeit interessiert sich etwa dafür, wie zugänglich ist Bildung unabhängig von der Herkunft und dem sozioökonomischen Status ist: In Österreich wird im Vergleich mit anderen OECD-Staaten etwa Bildung immer noch sehr stark vererbt.

Ebenso relevant: Wie sehr ermöglicht Bildung allen Bürger_innen die Teilhabe am sozialen, kulturellen und politischen Leben? Auch in diesem Sinne ist Österreich weniger bildungsgerecht als der OECD-Schnitt, insbesondere was Lesen betrifft: 20% können gegen Ende der Pflichtschulzeit nicht sinnerfassend lesen. Eine himmelschreiende Ungerechtigkeit. Aber auch in Mathematik erreichen derzeit nur 58% in Österreich die Bildungsstandards. 17% erreichen die Standards nicht einmal teilweise. Sie sind, so der Fachbegriff, kompetenzarm.

Wo entsteht Bildungsungerechtigkeit? Laut Michael Bruneforth vom bifie

  • an den Bildungsübergängen
  • zwischen Institutionen (zwischen unterschiedlichen Schulformen, zwischen unterschiedlich guten bzw. belasteten Schulen, und zwischen Regionen)
  • innerhalb einer Institution (aufgrund von Ungleichbehandlung, oder unterschiedlich guten Lehrer_innen).

Bildungspolitik und Sozialpolitik

Marius Busemeyer von der Universität Konstanz zeigte auf, wie unterschiedlich Staaten Bildungspolitik und Sozialpolitik zueinander in Beziehung setzen. Er attestierte 3 „Sozialstaats-Regime“:

  • angloamerikanisch
  • skandinavisch
  • kontinental-europäisch

Im angloamerikanischen Modell werden Bildung und Sozialpolitik als funktionale Äquivalente betrachtet – nach dem Motto „Bildung statt Sozialpolitik“. Es wird viel in die Bildung investiert, dafür winkt später eine entsprechend hohe finanzielle Kompensation. (Wobei die Rechnung etwa in den USA zusehends nicht aufgeht.)

Das skandinavische Modell ist sozialdemokratisch und damit etatistisch geprägt. Bildung wird als Bürger_innenrecht betrachtet, als wichtiger, komplementärer Teil von Sozialpolitik.

Das christdemokratisch geprägte kontinental-europäische Modell basiert auf einer starken Trennung zwischen Bildungs- und Sozialpolitik, im Kontext einer hierarchisch geordneten Gesellschaft, die skeptisch gegenüber Individualismus ist. Es ist korporatistisch, und geht auf das mittelalterliche Ständewesen zurück.

Als positiv am kontinentalen Modell wurde der Erhalt der beruflichen Bildung als eigene Schiene genannt. Als negativ die geringe Durchlässigkeit, und die damit einhergehend niedrige Bildungsgerechtigkeit und niedrige soziale Mobilität.

Österreich steckt zuviel Geld in Reparatur

Der Workshop räumte mit einigen Mythen auf, und zeigte Ansatzpunkte für eine bildungsgerechtere Politik:

  • Man sollte besser in guten Unterricht investieren, als in teure Nachhilfe. „Österreich steckt zuviel Geld in Reparatur.“ (Michael Bruneforth, BIFIE)
  • Der Unterschied zwischen guten und schlechten Schulen in Österreich ist derzeit 100 Punkte, oder eineinhalb Schuljahre. (Michael Bruneforth, BIFIE)
  • Indexbasierte Finanzierung für Brennpunktschulen, so wie auch NEOS sie vorschlägt, wird als effektives Mittel gesehen, Ungerechtigkeiten zu vermindern. (Johann Bacher, JKU Linz)
  • Die Studierendenquote zu maximieren führt nicht zu niedrigerer sozialer Ungleichheit. (Marius Busemeyer, Uni Konstanz)
  • Die Finanzströme innerhalb des Bildungssystems sind selbst für ausgewiesene Expert_innen nicht nachzuvollziehen (Lorenz Lassnigg, IHS). Hier versickert Geld, und keiner weiß wo. Es braucht ganz eindeutig mehr Transparenz.
  • Länder mit mehr Schulautonomie, wie auch NEOS sie fordert, schaffen es besser die Zahl der Risikoschüler_innen zu senken (Johann Bacher, JKU Linz). Autonomie ist damit eine Frage der Gerechtigkeit.

NEOS Konzepte sind bildungsgerechter

Nicht alle bestehenden Bildungsungerechtigkeiten wurden beim Workshop thematisiert. Die doppelte Ungerechtigkeit im Schulsystem blieb unerwähnt: Nicht nur dass öffentliche und private Schulen unterschiedlich gefördert werden, so werden auch konfessionelle und nicht-konfessionelle Privatschulen unterschiedlich gefördert. NEOS spricht sich mittelfristig für die Gleichstellung aller Schulen aus.

Insgesamt bestätigte die präsentierte Evidenz , dass die NEOS Pläne im Bildungsbereich richtig sind und dem Expert_innendiskurs standhalten.

Das Konzept der mündigen Schule, dem ich mich im nächsten blog widmen werde, kann ganz eindeutig als bildungsgerechter als das derzeitige System bezeichnet werden.

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