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Bildungsgerechtigkeit und die mündige Schule

11.06.2015 Josef Lentsch

Die Aufklärung ist ein unvollendetes Projekt. In der österreichischen Bildungspolitik der letzten 30 Jahre merkt man das besonders schmerzlich. Schulautonomie ist eine historische Chance für mehr Bildungsgerechtigkeit – aber nur, wenn sie richtig umgesetzt wird. Teil 2 der mini-Blogserie zu Bildungsgerechtigkeit.

Schulautonomie ist in kurzer Zeit zum Thema Nummer 1 in der bildungspolitischen Debatte geworden. Und das aus gutem Grund: wie Johann Bacher von der Universität Linz beim Workshop Bildungsgerechtigkeit der Österreichischen Forschungsgemeinschaft letzte Woche betonte, „gelingt es Ländern mit mehr Schulautonomie besser, die Zahl der Risikoschüler zu senken.“ Wie ich in meinem letzten Blog ausgeführt habe, ist Autonomie ist daher nichts anderes als eine Frage der Gerechtigkeit.

Autonomie eine Frage der Gerechtigkeit

NEOS-Vorsitzender Matthias Strolz ist zu dem Thema bereits in Vorlage gegangen, und hat im „Buntbuch Schulautonomie“ das Konzept der mündigen Schule präsentiert. Was aber bedeutet mündig in diesem Zusammenhang eigentlich, und welche Ideen von Gerechtigkeit stehen dahinter?

Mündige Schule

Mündigkeit kennen wir zunächst einmal als rechtlichen Begriff: die Mündigkeit erreicht man mit einem bestimmten Alter, in Österreich mit 14 Jahren. Das ist in diesem Falle aber nicht gemeint.

Habe Mut!

Als philosophischer Begriff kommt die Mündigkeit bereits bei Kant vor, als die Befreiung von ihrem Gegenteil, der Unmündigkeit. In seinem berühmten Essay „Was ist Aufklärung?“ erklärt er, dass Aufklärung der Ausgang des Menschen aus der selbst verschuldeten Unmündigkeit sei: „Unmündigkeit ist das Unvermögen, sich seines Verstandes ohne Leitung eines anderen zu bedienen. Sapere aude! Habe Mut dich deines eigenen Verstandes zu bedienen! ist also der Wahlspruch der Aufklärung.“

Kant betont damit die Eigenverantwortung und die Freiheit zur Mündigkeit. Nicht aufgeklärt ist in dem Sinne, wer sich unkritisch auf den Verstand und das Urteil anderer verlässt.Selbst-Gesetzgebung, das deutsche Wort für Auto-Nomie, war für Kant die höchste Form der Freiheit, und damit auch der Verantwortung.

Von der Mentalität der Unterwerfung zum Geist der Kritik

Carlo Strenger, ein zeitgenössischer Philosoph, fasst die Aufklärung auf gesellschaftlicher Ebene so zusammen: „Die Mentalität der Unterwerfung wurde durch den Geist der Kritik abgelöst.“ Man könnte auch sagen: von der Autorität des Paternalismus zur Autorität der kritischen Vernunft. Ein aufgeklärter Staat braucht kritische Staatsbürger_innen.

Die mündige Schule stellt sich begrifflich also ganz bewusst in die ideengeschichtliche Tradition der Aufklärung.

Inzwischen wissen wir aber, dass Kant’s Mündigkeitsbegriff zu eng gefasst war. Auch Umgebungsfaktoren spielen eine wichtige Rolle bei der individuellen Entfaltung. Die Verantwortung für die eigene Entwicklung dem Individuum ganz allein zu zuzuschreiben, übersieht den Einfluss der Umwelt. Sie auch noch zu moralisieren („selbst verschuldet“) führt zu einer Rechtfertigung von strukturellen Benachteiligungen, wie etwa der Feminismus kritisiert hat.

Der Ökonom und Nobelpreisträger Amartya Sen hat diese Umfeldfaktoren in seinem „Befähigungsansatz“ berücksichtigt: Für Autonomie und Freiheit bedarf es individueller Verwirklichungschancen, der Abwesenheit von Hindernissen (was Sen als passive Freiheit bezeichnet) und der Möglichkeit, nach eigenen Wünschen zu handeln (aktive Freiheit). Dazu gehören auch soziale Chancen wie Bildung. Wie wir aus Untersuchungen wissen, wird Bildung in Österreich immer noch zu einem großen Teil vererbt, und soziale Mobilität ist vergleichsweise niedrig.

Verwirklichungschancen eröffnen, Hindernisse aus dem Weg räumen

Die mündige Schule ist also nicht nur eine, die sowohl individuelle als auch institutionelle Autonomie ermöglicht, sondern auch eine, die Chancen eröffnet, und -wo möglich- Hindernisse aus dem Weg räumt.

In konkrete Politik übersetzt heißt das, um nur ein paar Beispiele zu nennen:

  • Die Gewährleistung von Schulautonomie in dreifacher Hinsicht, nämlich budgetär, pädagogisch-didaktisch und personell. (In Österreich gibt es derzeit nur pädagogisch-didaktisch Gestaltungsspielraum.)
  • Fokus auf die individuellen Po­ten­zia­le, Be­dürf­nis­se und Ta­len­te der Schü­le­rin­nen und Schü­ler.
  • Die Verbindung von subjektbasierter Finanzierung („das Geld folgt dem Schüler/der Schülerin“) mit indexbasierter Finanzierung– einem „Sozialindex“ für Brennpunktschulen.
  • Das alles eingebettet in einen partizipativen politischen Diskurs.

Schulautonomie steht im Zentrum der bildungspolitischen Debatte, und wird es auf absehbare Zeit bleiben. Skepsis bei der Umsetzung ist angebracht. Agere aude – „Wage, es zu tun!“ will man der Regierung mit Kant zurufen.

Hundertprozentige Bildungsgerechtigkeit wird es wohl nie geben. Die Aufklärung ist ein unvollendetes, vielleicht ein unvollendbares Projekt. Wir müssen daran festhalten. Die mündige Schule wäre ein großer Schritt auf dem Weg.