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# Industrie, Deals und Geopolitik

**Europa will seine Industrie stärken und damit Autonomie gegenüber den USA und China erlangen. Dafür müsste die EU geeint und entschlossen auftreten. Das Potenzial wäre da, doch die Umsetzung schwächelt.**

8. September 2025

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Am **9. September 2024** veröffentlichte **Mario Draghi** seinen berühmten [Bericht über die europäische Wettbewerbsfähigkeit](https://commission.europa.eu/topics/eu-competitiveness/draghi-report_en). Mit mahnenden Worten forderte der ehemalige EZB-Chef und Ex-Premierminister von Italien weitreichende **Reformen**, die notwendig sind, wenn Europa in Zukunft politisch und ökonomisch in der Welt noch eine Rolle spielen möchte. Im Zentrum dieser Anstrengungen stehen **Industriepolitik** und offene [**strategische Autonomie**](https://lab.neos.eu/thinktank/glossar/strategische-autonomie) als Ziel.

**Industriepolitik als Merkmal der neuen Epoche**

Die regelbasierte internationale Ordnung ist morsch. **Wer sich für sich für stark genug hält, bricht das Völkerrecht** – meist **ohne** ernste **Konsequenzen**. Dazu meinte Draghi [in seiner Rede](https://www.meetingrimini.org/en/turn-skepticism-into-action-mario-draghis-speech-at-the-meeting/) beim Rimini-Meeting im August: „Wo man sich **einst** auf **Märkte** verließ, um die Wirtschaft zu leiten, setzt man **heute** auf **umfassende Industriepolitik**. Wo einst Respekt für Regeln herrschte, zählt man nun auf militärische und wirtschaftliche Übermacht, um nationale Interessen zu schützen. Wo einst der Staat seine Kräfte schwinden sah, wird heute jedes mögliche Instrument genutzt, um die Staatsmacht zu mehren.“

Auf umfassende **Industriepolitik** setzt **China** **schon seit langem**, etwa durch massive Subventionen. Seit Donald Trumps erster Amtszeit sind auch die **USA auf den Zug aufgesprungen**. Mit dem CHIPS Act und dem Inflation Reduction Act rollten sie ebenso weitreichende Subventionen aus, unter anderem mit dem Ziel, die Halbleiterproduktion in die USA „zurückzuholen“, was übrigens [bis heute nicht gelungen](https://www.economist.com/briefing/2025/08/21/the-worlds-biggest-chipmaker-needs-to-move-beyond-taiwan) ist.

**EU: Der Weg zur Reindustrialisierung**

Die **EU** [**entstand aus industriepolitischen Instrumenten**](https://www.bruegel.org/sites/default/files/private/2023-08/Bruegel%20Blueprint%2033_chapter%201.pdf) wie EURATOM und der EGKS. Während Europa zunächst auf einen interventionistischen Ansatz setzte, folgte **ab den 1980er Jahren** eine **Phase der Liberalisierung** mit Fokus auf Rahmenbedingungen. **Nach der Finanz- und Eurokrise** 2008/2009 begann die EU auf „**Reindustrialisierung**“ zu setzen; bisher jedoch mit [gemischten Ergebnissen](https://www.tandfonline.com/doi/full/10.1080/00343404.2022.2050894).

Mit dem Green Deal und dem [Clean Industrial Deal](https://lab.neos.eu/thinktank/glossar/clean-industrial-deal) wird dieser **Kurs fortgesetzt**, erweitert durch das übergeordnete Ziel „offene strategische Autonomie“. Das von externen Energie- und Rohstofflieferungen abhängige **Europa soll nicht mehr erpressbar sein**. Vorgesehen sind etwa ein massiver Ausbau des EU-Clean-Tech- und High-Tech-Sektors, eine europäische Kapitalmarktunion sowie eine gemeinsame europäische Rüstungsproduktion und -beschaffung. Doch die [Umsetzung lässt zu wünschen übrig](https://www.politico.eu/article/mario-dragi-eu-policy-donald-trump-clean-industrial-deal/).

[Nur 11,2 Prozent der Draghi-Empfehlungen umgesetzt](https://datawrapper.dwcdn.net/2rxv2/2/)

**Strategische Autonomie braucht Stärke und Entschlossenheit**

Um strategisch autonom zu werden, **muss die EU entschlossen, geeint und proaktiv handeln**. Dafür muss sie sich radikal verändern. Draghi brachte es in seiner Rimini-Rede auf den Punkt: „Um den Herausforderungen der heutigen Zeit zu begegnen, muss sich die Europäische Union von einem Zuschauer – oder bestenfalls Nebendarsteller – zu einem Protagonisten wandeln. Auch ihre politische Organisation muss sich ändern, da diese untrennbar mit ihrer Fähigkeit verbunden ist, ihre wirtschaftlichen und strategischen Ziele zu erreichen.“

Die **EU-Reaktion auf Zölle und Schikanen der Trump-Regierung** lässt allerdings wenig Hoffnung aufkommen: **Zögerlich, schwach und reaktiv** trat die Kommission auf, dabei sollte sie entschlossen, stark und der eigenen Vision folgend handeln. Das [**EU-US-Handelsabkommen,**](https://materie.at/k/was-der-us-eu-handelsdeal-im-klartext-bedeutet/) das im August infolge massiver Zollandrohungen geschlossen wurde, liest sich wie eine [**Bankrotterklärung.**](https://www.politico.eu/article/us-eu-turnberry-trade-deal-donald-trump-transatlanticism/)

Die **finale Entscheidung** über den bisher nur politisch bindenden Deal liegt freilich **beim Rat und beim Europäischen Parlament**. Ihnen präsentierte die Kommission am 28. August [zwei Gesetzesentwürfe](https://ec.europa.eu/commission/presscorner/detail/de/ip_25_1993), mit denen die in der gemeinsamen Erklärung festgehaltenen Zollsenkungen vonseiten der EU umgesetzt werden sollen. Die **Sozialdemokraten** haben bereits [**Widerstand angekündigt**](https://www.politico.eu/article/european-socialists-come-out-against-trade-deal-donald-trump/?reg-wall=true).

**US-Gericht erklärt Zölle für illegal: Folgen für Europa**

In den Verhandlungen rund um die neuen EU-Gesetze dürften aktuelle Entwicklungen in den USA eine Rolle spielen: Ein **Berufungsgericht** [erklärte](https://www.cafc.uscourts.gov/opinions-orders/25-1812.OPINION.8-29-2025_2566151.pdf) die **US-Zölle** für Waren aus Kanada, Mexiko und China sowie den Basiszoll von 10 Prozent Ende August für **gesetzwidrig und damit ungültig**. **Nicht betroffen** sind jedoch ältere Zölle gegen China sowie über den Basiszoll hinausgehende **sektorale Zölle** auf **Stahl, Aluminium, Kupfer oder Autos**. In Kraft tritt das Urteil erst am 14. Oktober. Trump kündigte an, es am Obersten Gerichtshof anzufechten.

Trotz der republikanischen Mehrheit der Richter:innen ist es [**wahrscheinlich, dass das Höchstgericht das Urteil bestätigt**](https://www.congress.gov/crs-product/IF12077). Das könnte **weitreichende Auswirkungen auf** bestehende **Handelsabkommen** haben und laufende Verhandlungen weiter komplizieren. Zudem **würde** es das politische Kapital und die **Handlungsfähigkeit der Trump-Regierung beschädigen**.

Auch wenn andere Rechtsgrundlagen infrage kommen, ist es **wahrscheinlich**, dass die **neuen EU-Gesetze** **angenommen** werden, weil sie beide eine **Schutzklausel** enthalten, durch die sie außer Kraft gesetzt werden, **wenn die USA sich nicht an ihre Seite des Deals halten** oder die **Umstände sich radikal ändern**.

**Autoindustrie kann aufatmen**

**Als** **Gegenleistung** für die neuen EU-**Gesetze senken die USA ihre Zölle auf Autos aus der EU** – auf „nur“ 15 Prozent. Die deutsche Autoindustrie, die besonders von den USA abhängig ist und zugleich stark [unter chinesischer Konkurrenz leidet](https://www.strategyand.pwc.com/de/en/industries/automotive/automotive-supplier.html), kann also aufatmen; zumindest teilweise. Doch in den vergangenen Monaten sind erneut [**mehrere zehntausende Arbeitsplätze** in der Autoindustrie **verloren gegangen**](https://www.ey.com/de_de/newsroom/2025/08/ey-industriebarometer-q2-2025).

Auch in Österreich arbeiten seit Jahrzehnten immer weniger Menschen in der Industrie. Das ist nicht nur eine Krisen-Erscheinung, sondern hat auch damit zu tun, dass es bei hohen Lohnstückkosten einfach sinnvoll ist, noch mehr auf **Automatisierung** zu setzen, um die **Produktivität** zu **steigern** und damit international **wettbewerbsfähig zu bleiben**. Das zeigt sich auch daran, dass immer weniger in der Industrie Beschäftigte in der Fertigung arbeiten.

[Immer weniger Arbeiter:innen in der Industrie](https://datawrapper.dwcdn.net/mjCfh/2/)

**Dasselbe Ziel, verschiedene Zwecke und Mittel**

Die **EU, die USA und China** verfolgen derzeit alle **dasselbe Ziel**: Sie wollen ihre **eigene Industrie stärken**. Trump will damit Arbeitsplätze für Fabrikarbeiter:innen zurückholen, was schon in seiner ersten Amtszeit nicht funktioniert hat. China will eine technologisch und industriell autarke Supermacht werden und so das „[Jahrhundert der nationalen Demütigung](https://www.bpb.de/themen/asien/china/552198/das-jahrhundert-der-demuetigung/)“ ein für alle Mal hinter sich lassen.

**Europa** hingegen **geht es** um **Autonomie**. Diese gründet auf einer soliden Wirtschaft, und die ruht in der EU auf dem **Dienstleistungssektor**. Damit dieser leistungsfähig bleiben kann, **braucht** er eine **starke Industrie** als **Auftraggeberin** und Testlabor. Es ist essenziell, **Industriestandorte zu halten**, weil Studien zeigen, dass einmal **abgewanderte** **Industrien** **nie mehr zurückkehren**.

[Die USA sind nicht die Welt](https://datawrapper.dwcdn.net/gGPc1/4/)

Um ihr Ziel zu erreichen, **setzen alle drei** Handelsmächte **auf massive Subventionen**. **Worin sich** die **EU** aber von den USA und China **abhebt**, ist, dass sie Zölle und Ausfuhrbeschränkungen deutlich vorsichtiger nutzt als die anderen, und dabei penibel auf die **Einhaltung der WTO-Regeln** achtet.

Hier ruht wesentliches Potenzial: Die **Europäische Union** könnte sich global **als Champion für das internationale Handelsrecht und Partnerschaften auf Augenhöhe** profilieren. (Neue Bewegung gibt es gerade beim [EU-Mercosur-Abkommen](https://ec.europa.eu/commission/presscorner/detail/en/ip_25_1644).) Damit könnte sie ihre Industrie stärken, unliebsame Abhängigkeiten abstreifen und international als dringend benötigte **liberale und demokratische Ordnungsmacht** auftreten. Sie muss es nur tun.

(Bild: [wildpixel/iStock](https://www.istockphoto.com/portfolio/wildpixel?mediatype=photography))

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