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Demokratisierung des Wissens?

NEOS Lab war zu Gast beim Columbia University/IWM/SSRC Event „Threats to scholarly Knowledge“ in der Sky Lounge der Universität Wien am Oskar-Morgensternplatz in Wien.

In der Veranstaltung mit Vortragenden renommierter Universitäten, Forschungs-, Bildungs- und anderer „Wissensinstitutionen“ aus der ganzen Welt zeichnet sich bisher das Bild eines irreversiblen Wandels ab:

Die neuen Informations- und Kommunikationstechnologien haben sowohl Wissensproduktion als auch Wissensweitergabe und Wissenserwerb nachhaltig verändert. Die Aufgabe von Universitäten bestünde schon lange nicht mehr nur in der Wissensvermittlung, sondern (idealerweise) in der Weitergabe von Instrumenten zur kritischen Reflektion und Verdauung von Wissensbeständen und Information. Dies geht einher mit einem Verlust an Autorität seitens der Lehrenden; einer Autorität, die durch Wikipedia und die „unsichtbaren Algorithmen von Google und Microsoft“ scheinbar durch eine demokratische Form des Wissens ersetzt worden sei. Die Gatekeeper seien heutzutage eben nicht mehr die Professor_innen, Journalist_innen oder Intellektuellen, die in der Vergangenheit entweder zu wenig objektiv oder zu wenig kritisch den Mainstream reproduziert haben, sondern die „Technologien“, die mit Hilfe entsprechender Algorithmen scheinbare Objektivität versprechen. Ganz ähnlich des Social Science Citation Index von Reuters zur Messung wissenschaftlicher Qualität (im weitesten Sinne).

Wissen ist aber auch ein entscheidender Faktor in Demokratisierungsprozessen. Bürger_innen erhalten Zugang zu Wissen und gestalten dieses entsprechend ihrer Anliegen mit. Die neuen technologischen Möglichkeiten seien hier ein entscheidender Faktor für ein „Mehr“ an Demokratisierung. Gleichzeitig bedarf es einer Demokratisierung des Wissens als solchem, das aber aufgrund zahlreicher technologischer Neuerungen, vor allem im Bereich der Informations- und Kommunikationstechnologien, zunehmend dem Vorwurf der Willkür ausgesetzt ist.

Was zählt nun als wahres Wissen, wer entscheidet über die Validität von Wissen, wie kann Wissen an der Schnittstelle zwischen Wissenschaft, Politik und Gesellschaft hergestellt werden und was bedeutet dies für unsere Universitäten und letztlich auch für die westlichen Demokratien?

Man kann die aktuellen Entwicklungen auch als Materialisierung der Foucaultschen Dispositive betrachten, bzw. anhand der Algorithmen – etwa von Google – empirische Beweise für die Wissen/Macht Verknüpfung bei Foucault heranziehen, insofern als bestimmte Aussagen im öffentlichen/virtuellen Diskus bewusst sichtbar andere bewusst unsichtbar gemacht werden können, eben auf Grundlage eines vorab programmierten Kanons an Handlungsvorschriften eines digitalisierten Systems.

Die Antworten der Podiumsgäste fielen recht unterschiedlich aus, wobei vor allem zwei recht pointiert und bewusst provokativ formulierte Aussagen herausgestochen sind:

  1. Demokratie beschützt uns vor den Fehlern der Expert_innnen (etwas, das Adam Smith bereits vor 250 Jahren angemerkt hat). Dies zeigt die Notwendigkeit breiter Partizipation und einer Ausweitung von Mechanismen der Einbindung von Bürger_innen in Wissensproduktion und Endscheidungsprozessen
  2. Es muss eine Expertenregierung geben, da die breite Bevölkerung nicht fähig ist die wesentlichen Aspekte zu verstehen und auch Politiker_innen nicht in der Lage seien die Reichweite ihrer Entscheidungen kognitiv zu erfassen. Eine Ersetzung dieser durch Algorithmen wäre ein Fortschritt für die Gesellschaft, da die Willkür einzelner Politiker_innen ausgeschaltet werden könnte.

Ein dritter Handlungsweg muss möglich sein und wird vielleicht im Rahmen des Teils II des Seminars angedacht werden.
Die Hoffnung stirbt zuletzt.

Siehe zum Thema auch die Themengruppenstudie des NEOS Lab.