« Zurück zur Übersicht

Den/die Wähler_in ernst nehmen

Die häufigsten Reaktionen aus meinem Umfeld zum Wahlsieg der FPÖ sind: Einerseits der trotzige, aber nicht ernst gemeinte Wunsch, auszuwandern, die Aufforderung an alle F-Wähler_innen, sich zu entfreunden beziehungsweise 36% der Österreicher_innen die Zurechnungsfähigkeit abzusprechen (vgl. FB-Postings mit Karl-Kraus-Zitat!!) oder (und auch nicht besser, weil ebenso die Realität verweigernd) eine Banalisierung einer Wahl wie der Bundespräsidentenwahl. Beide Extreme sind zynisch und vor allem arrogant und bilden vielleicht gerade selbst das Problem ab. 36% der Österreicher_innen sind nicht nur alle Kandidat_innen, die jemals bei “Teenager werden Mütter” und “Am Schauplatz” mitgemacht haben. SIE SIND UNTER UNS. Postings wie “Wo sind die alle? Ich kenne keinen einzigen, der FPÖ gewählt hat,” kann man getrost unter Verdrängung verbuchen. Jede_r von uns kennt wohl einige davon sehr gut. Ob sie es nun offen zugeben oder nicht.

Und bei eben jenen finde ich es auch gefährlich, die Verantwortung einzig beim politischen Establishment und der zu Recht(s) politik-frustrierten Öffentlichkeit einen gratis Gutschein für den ein Packerl Hass zu geben. Gerade bei dieser Wahl. Wir leben in einer freien Marktwirtschaft, nicht in Ostberlin des Jahres 1984 – wir haben auch im übertragenen Demokratiesinne die Wahl. Es gab Alternativen, die eindeutig gegen das Establishment standen und dennoch Haltung bewahrt haben. Die Regale waren voll davon: es gab sogar ein Angebot an Alternativen, wo für jeden Geschmack was dabei war. Hier sind die Bürger_innen nicht aus der Pflicht zu nehmen. Ganz im Gegenteil. Es war eine Kaufentscheidung sehenden Auges von mehr als einem Drittel der Österreicher_innen, FÜR eine hetzerische Politik. FÜR das Schließen von Grenzen. FÜR die Ausgrenzung der Ärmsten der Armen. Es war eine bewusste Entscheidung. Von jedem/r einzelnen der rund 1,4 Mio. Wähler_innen der FPÖ. Es gab Alternativen. Die FPÖ-Stimme war keine Proteststimme. Nicht bei dieser Wahl. Die Menschen haben aus Hass gewählt. Bewusst.

Ulf Schyldt von den schwedischen Liberalen schreibt in der Einleitung einer Essay-Sammlung über das Phänomen Victor Orban: “If we seek to win the debate against the ideas of our opponents, we must first seek to understand these ideas. What are we fighting? Why do these ideas appeal to so many people, many of whom who have previously voted for opposite politics? How do we counter the nationalist and populist rhetoric?

Wir müssen nicht nur unsere Gegner verstehen, wir müssen vor allen Dingen die Käufer_innen der Produkte unserer Gegner kennen. Kaufen sie aufgrund des besten Preis-Leistungs-Verhältnisses oder einfach nur, weil die Produkte im Supermarkt jene auf Augenhöhe sind, zu denen man sich weder bücken, noch strecken muss. Und was ist eigentlich das beste Preis-Leistungs-Verhältnis in den Augen der Käufer_innen? Die Antwort auf die Herausforderung Rechtspopulismus liegt im Fokus auf die Kund_innen. Allerdings ohne das jeweilige Produkt zu verändern – lediglich die Verpackung, so wie den Zugang zum Produkt. Jedenfalls ist die Antwort keinesfalls 36% der Kund_innen für nicht interessant zu erklären. Denn das brächte einen wesentlichen Wettbewerbsnachteil für alle Parteien außer der FPÖ.

Es ist, was es ist: Ein Marktplatz der Ideen. Nicht mehr und nicht weniger. Den größten Fehler, den wir begehen können, ist die Lager auf intellektuelle Niveaus zu reduzieren. FPÖ-Wähler_innen sind ebenso mündig wie alle anderen. Ich halte diesen Zugang für wichtig, denn sie in eine uns verschlossene Parallelwelt zu verschwören bedeutet auch, den Zugang zu ihnen zu verlieren.  Die FPÖ bespielte als einzige Partei 100% des Marktes, die restlichen 5 (?) teilen sich 64% des Marktes untereinander auf –> hier liegt nahe, dass die FPÖ ungleich höhere Startchancen hat. Das darf nicht passieren. Es gilt einfach, sie mit Ideen auf dem Marktplatz, der uns allen gemeinsam zur Verfügung steht, zu überzeugen. Alles andere bedeutet das Magifizieren einer Masse von Menschen, denen die gleichen Voraussetzungen wie “uns” beschert sind. Weder sind Wähler_innen weniger mündig, noch ist die Parteiführung der FPÖ schlauer oder geschickter als jede andere Parteiführung, ihr Produkt ist einfach billiger und leichter zugänglich. Ist halt einfach nur Ramsch. Im Notfall müssen wir die Leute halt reihenweise den Ramsch kaufen lassen und warten, bis er verschleißt und sie dann bei der nächsten Wahl das Produkt in etwas nachhaltigeres umzutauschen. Zum Glück gibt es ja alle 5 bzw. 6 Jahre eine allgemeine Rückholaktion.

Nun ist es an uns, die wir den Mut, die Nächstenliebe und die Zukunft schätzen, am 22. Mai ein Zeichen zu setzen und bis dahin unser Produkt hübsch einzupacken, in Augenhöhe zu stellen und zu bewerben. Es wird sich zeigen, ob wir stark genug sind.