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Der Falter I Die Presse I Das Thema Asyl im NEOS Lab-Talk

Zwei Blattlinien, zwei Zugänge, zwei hochkarätige Journalisten zum Thema Asyl

Rund 250 Gäste füllten den Festsaal im Haus der Industrie, als das NEOS Lab die beiden Top-Journalisten Falter-Chefredakteur Florian Klenk und Die Presse-Innenpolitikleiter Oliver Pink zum NEOS Lab-Talk bat. Es ist unbestritten, dass das Thema Flüchtlingskrise und der Umgang der Politik damit, in den vergangenen Monaten medienbeherrschend war. In solchen Situationen können sich Qualitätsmedien bewähren und letztendlich auch Vorbilder für den Umgang mit Ängsten und Bedenken sein, wenn sie Tatsachen und Vorurteile kritisch hinterfragen und vermeintliche Wahrheiten überprüfen. „Wenn es gelingt, die tatsächliche Komplexität der Realität nachvollziehbar zu machen, dann können Sie damit zur Lösung vieler Konflikte beitragen und möglicherweise deeskalieren. Aber für uns alle gilt: nehmen wir solche schwierigen – aber keineswegs aussichtslosen Situationen – als Herausforderung an und auch zum Anlass Aufklärungsarbeit zu leisten. Das ist der einzige Weg der Furcht und dem Hass erfolgreich entgegenzutreten“, startet EU-Abgeordnete und NEOS Lab-Präsidentin Angelika Mlinar den Talk.

 

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Staubige Schuhe oder (gesunde) Distanz

In den letzten Monaten hat in der Flüchtlings- und Asylthematik in der Boulevardpresse, und nicht nur in dieser, eine reißerische Überschrift die nächste gejagt. Grund genug für das NEOS Lab, die Frage zu stellen: Wie aktivistisch darf und soll Journalismus sein?“ Florian Klenk erinnert an den Beginn der Flüchtlingskrise, als sich Journalist_innen auf den Weg gemacht haben, um die Situation und die Not des Flüchtlingsstroms aufzuzeigen.
Ist Lokalaugenschein also schon Aktivismus? „Nein, denn in Zeiten der sozialen Medien und der Propaganda von links und rechts bemerken wir, dass Leser das Bedürfnis haben, die Faktenlage zu erfahren“, antwortet Klenk und fügt hinzu: „Ich erwarte mir gerade jetzt, dass sich Chefredakteure auch staubige Schuhe holen und den Schreibtisch verlassen, um sich ein eigenes Bild zu machen. Journalisten sind zu einem großen Teil auch Reformer.“ Diese Einstellung teilt Oliver Pink definitiv nicht: „Man sollte sich als Journalist nicht mit einer Sache gemein machen, auch wenn es eine gute Sache ist. Als Journalist darf man sich nicht emotionalisieren lassen.“ Anders könnte man sagen: Die Nähe der Presse ist die Distanz, aber das wäre spitz und man weiß ja nicht, wie andere Ressorts das handhaben.

Verbesserung versus Sachverhalt

Im Falter bezieht man klare Stellung „Wir dürfen nicht leugnen, dass Journalisten politische Positionen haben“. Und hört man, zum Beispiel beim Öffifahren, auf Frauen und Herren Österreicher, dann könnte man dem zustimmen. Gut, wenn es ein Bekenntnis dazu gibt, denn bislang weisen Journalisten diesen Umstand gerne von sich (laut Lehrbuch?). Oliver Pink benennt das sogar als Grundproblem, „wenn Journalisten Weltverbesserer sein wollen.“ Ein paar davon täten der Welt vielleicht gar nicht so schlecht, aber das ist ein Kommentar.
Und dennoch spricht auch nichts gegen seine Linie, nämlich ein Journalist zu sein „der lediglich einen Sachverhalt wiedergeben möchte.“ Die unterschiedlichen Zugänge, damit auch Blattlinien und Zielgruppen liegen auf der Hand und NEOS Lab-Direktor Josef Lentsch spricht einen heiklen Umstand an, der ein Thema zu einer Geschichte (und zum Erfolg des Mediums) werden lässt: „Ist es legitim Informationen nicht zu bringen, um Leser_innen zu schonen?“ Es gibt diese Texte, die Kopfschütteln und einen Schauer am Rücken erzeugen sowie die Bilder, die man nie (nie!) sehen wollte und die unfassbar bleiben. Doch hier gibt es eine gemeinsame Richtung: „Nur Grausen ist zu wenig, der Informationsgehalt muss hoch genug sein.“ Unisono sprechen sich die beiden Journalisten gegen „betreute Berichterstattung“ aus. Die Wahrheit ist dem Menschen zumutbar.“1

Wer nicht dabei war, kann im NEOS Lab-TV nachsehen oder sich in der Bildergalerie einen Eindruck vom Event verschaffen.

1 Ingeborg Bachmann, aus der Dankrede bei der Entgegennahme des „Hörspielpreises der Kriegsblinden“ am 17. März 1959