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Die gläserne Decke sichtbar machen

(Strukturelle) Strategien und Gegenstrategien im Genderdiskurs

Warum hoch qualifizierten Frauen die Chance verwehrt bleibt in Führungspositionen aufsteigen, warum Frauen und Männer in argumentative Bedrängnis geraten, wenn sie sich für Chancengleichheit einsetzen und warum jene, die evidenzbasiert auf strukturelle Ungleichheit zwischen den Geschlechtern hinweisen immer wieder mit „ja aber“-Argumenten zu kämpfen haben, ist symptomatisch für das Phänomen der „Gläsernen Decke“. Diese hängt in Österreich besonders tief, was der „glass-ceiling“ Index des „Economist“ auf Grundlage von 9 Indikatoren, basierend auf Daten der OECD, der Europäischen Kommission und anderen Datenquellen, zeigt. Ein Potpourri an Daten, die auf den ersten Blick einleuchtend, auf den zweiten Blick willkürlich und auf den dritten Blick hilflos wirken und es bei näherer Betrachtung auch sind.

In Österreich studieren derzeit 157.534 Frauen und 140.592 Männer. Wie sich dies in 20-30 Jahren auf die Verteilung von Führungspositionen auswirken wird und ob sich das Verhältnis von derzeit 504 weiblichen zu 1.829 männlichen Professuren an Österreichs Unis umkehren wird, ist nicht voraussehbar. Dazu kommt noch das Problem, dass in den technischen Disziplinen nach wie vor ein deutlicher Männerüberhang herrscht.

Ob sich das Verhältnis angleichen wird bleibt offen, wie lange es dauern wird, spekulativ, und ob sich etwas ändern soll ist letztlich auch eine normative Frage. Dass die ausgeglichene Anzahl an weiblichen und männlichen Studierenden erstmals in der Geschichte ein Gleichgewicht kennt, ist historisch bemerkenswert und auf das aktive Beharren auf Menschenrechte und Chancengleichheit spätestens seit der französischen Revolution zurückzuführen.

Zu dieser Zeit wurden vermehrt alternative Rollenbilder- etwa das Bild der gelehrten Frau als Teil eines neuen Bürgertums – entworfen und verbreitet. Die Emanzipation der Frau als Teil der Abkehr vom Adel; die Entstehung von Frauennetzwerken als Anstoß zur Herausbildung eines neuen Narratives: die gelehrte Frau. Bereits John Stuart Mill und Adam Smith gehen davon aus, dass Frauen sich bewusst für ein Leben nach dem Modell des Mannes entscheiden können. Jedoch, so argumentieren sie, erfordere dies eine Abkehr vom traditionellen Rollenbild der Frau als Hausfrau, Ehefrau und Mutter. Ein Entweder-Oder also, welches das Wiedererstarken des „natürlichen Geschlechtscharakters“ als Reaktion auf das propagierte Bild der gelehrten Frau antizipiert. Nichtdestotrotz zählten die in der Mitte des 19. Jahrhunderts in Deutschland entstandenen politischen Gruppen und Vereine bis zu 40% weibliche Mitglieder, parallel zu einer entstehenden männlich dominierten Studentenschaft, die sich in Bruderschaften zu organisieren begann und Frauen kategorisch ausschloss. Auf das Wahlrecht musste der weibliche Teil der Bevölkerung dennoch fast 100 Jahre warten; auf eine dem Frauenanteil entsprechende (deskriptive) Repräsentation im Parlament warten wir noch immer.

Das Spiel mit Daten und Fakten ist reizvoll. Wissen und Wissenschaft sind seit jeher auch eine Waffe im Kampf um Wahrheitsansprüche und Problemdeutungshoheit. Insbesondere Statistiken eigenen sich hervorragend als Mittel der Überzeugung, aber auch als Instrumente der Manipulation. In ihrem Anspruch auf Objektivität sind sie stärker als Bilder. Daten sind Information und nicht Wissen. Daten, Fakten und Statistiken sind niemals ausschließlich objektiv. Zudem sind Voraussagen Spekulation, auch wenn sie auf plausiblen Annahmen beruhen. Ihre Verwendung jedoch ist immer auch Teil diskursiver Strategien und Macht. Die Annahme, dass wissenschaftliches Wissen ein neutrales Argumentarium darstellt, welches in der Lage ist, Wertehaltungen und normative Grundsätze legitim auszuhebeln, ist schlicht veraltet. Zu behaupten, aufgrund fehlender Daten und mangelnder Prognostizierbarkeit gesellschaftlicher Entwicklungen gäbe es keinen Handlungsbedarf, unterminiert einen qualifizierten gesellschaftlichen Diskurs, der im 21. Jahrhundert durchaus politisiert und normativ sein darf. Konzerne wie Facebook und Google haben das Problem erkannt und betreiben massiv Programme, um Geschlechtergerechtigkeit herzustellen. Ihr Ausgangspunkt: Viel stärker noch als Daten und Fakten sind (Rollen-) Bilder.

Die gläserne Decke mag für manche nicht hinreichend objektiv sichtbar und somit nicht existent zu sein. Der Versuch jegliche Hinweise auf zugrundeliegende Indikatoren, Mechanismen, subjektive Empfindungen und Meinungen mit dem Argument wissenschaftlicher Glaubwürdigkeit auszuhebeln, und dies auf Grundlage ungewisser Zukunftserwartungen, bleibt im Zusammenhang mit einem der wichtigsten humanitären Projekte der Menschheit fragwürdig.