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Ein etwas anderes Fellowship Programm

The Marshall Memorial Fellowship of the United States

Als Marshall Memorial Fellow bereise ich seit einer Woche in einem Team aus 20 Europäer_innen die Vereinigten Staaten. Finanziert durch den German Marshall Fund, einer unabhängigen US-amerikanischen Stiftung, die sich seit 1972 der Förderung der transatlantischen Beziehungen verschrieben hat, sind wir Teil eines Leadership-Programms, das sich an Europäer_innen und US-Amerikanerinnen zwischen 28 und 40 aus unterschiedlichen beruflichen Bereichen richtet. Das Auswahlwahlverfahren für das Marshall Memorial Fellowship, eines von vielen Förderprogammen des GMF, ist langwierig und kompetitiv.

Das Bewerbungsverfahren- Diversität und Leadership

Auf eine Nominierung durch eine vom GMF anerkannte Partnereinrichtung (staatliche und nicht-staatliche Einrichtungen können sich entsprechend bei GMF registrieren) folgt ein Bewerbungsprozess, der neben den traditionellen Bewerbungsunterlagen das Verfassen von Essays, das Einholen von Empfehlungsschreiben und ein ein-stündiges Hearing vor einer 6-köpfigen Jury umfasst. Die Kriterien des GMF sind vielfach und umfassen beispielsweise persönliche Integrität, Leadership-Fähigkeiten und Kreativität, ein Bekenntnis zu Vielfalt und den Willen, Veränderungen in Politik und Gesellschaft anstoßen zu wollen.

Nominiert wurde ich vor einem Jahr durch das European Liberal Forum, in meiner damaligen Funktion als Vize-Präsidentin des Liberalen Zukunftsforum und Research Fellow an der ICCR- Foundation. Als Österreicherin wurde ich der ″Danube Region″ zugeordnet und musste mich folglich gegen Bewerber_innen aus Ungarn, Slowenien, Tschechien und der Slowakei durchsetzen, wobei in diesem Jahr insgesamt 5 Personen aus der Region ausgewählt wurden. Das Hearing fand in Bratislava im Februar 2014 statt und umfasste Fragen über meine persönliche und berufliche Entwicklung ebenso, wie über aktuelle politische Problemlagen, gesellschaftliche Entwicklungen und Projektionen in die Zukunft. Etwa wurde ich gebeten die damaligen Unruhen in Bosnien-Herzegowina zu erklären, die Hauptursache aus meiner Sicht darzulegen und mögliche Maßnahmen für die Lösung der Konflikte zu erläutern.

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Das Programm und erste Eindrücke

Seit April 2014 durchlaufen alle Fellows ein Trainingsprogramm. Über Eigenlektüre und Telefonkonferenzen zu Themen wie dem Stand der Verhandlungen über das transatlantischen Handelsabkommen, oder die Zukunft der US-Sicherheitspolitik, wurde der Aufenthalt der europäischen Fellows in den USA und der US-amerikanischen Fellows in Europa vorbereitet. In Washington haben wir uns in der vergangen Woche getroffen, bevor die US Fellows nach Brüssel abgereist sind und parallel zu uns Europa bereisen.

Vom ″Melting Pot″ zum ″Cookie Cutter Mold″

Dass es immer noch persistente Vorurteile der beiden Kulturen einander gegenüber gibt und diese auch teils begründet sind, hat auch Prof. Gary Weaver (American University) in seinem Vortrag im GMF Headquarter in Washington dargelegt: Das Klischee, dass es so etwas wie eine „Amerikanische Kultur“ nicht gäbe, sei zwar einerseits richtig, andererseits aber auch mit der Tatsache verbunden, dass im Gegensatz zu Europa nicht offen diskutiert werde, was die amerikanische Kultur in all ihrer Vielfalt und vor dem Hintergrund ihrer erst jungen Geschichte überhaupt ausmache. Das Bekenntnis zu kultureller Vielfalt und dem Bild des ″Melting Pots″ (Schmelztiegel), das als Metapher für das konstante Vermischen der zahlreichen ethnischen und kulturellen Hintergründe der Amerikaner dient, sei ausreichend für das was unter amerikanischer Kultur verstanden werde.

Ihm zufolge sei der fehlende Diskurs auch darauf zurückzuführen, dass im Vordergrund des amerikanischen Denkens und Handelns das Individuum und der inhärente gesellschaftliche Imperativ der Selbstverwirklichung und der individuellen Unabhängig und Freiheit stünden und nicht der Versuch das Kollektiv in ein kulturelles Korsett zu drängen. Der oder die US-Amerikaner_in definieren sich nicht entlang der Kategorien des ″to be″ also dessen was er oder sie ist, sondern über das ″to do″, also entlang der Frage wie er oder sie handelt, sich verwirklicht und was dabei erreicht wird.

Dem diametral entgegen stünde die Vorstellung, dass der persönliche Status, die Familie, Beziehungen und der Drang nach Stabilität und Harmonie, die individuellen Erfolgschancen in einer Gesellschaft determinierten. Die US-amerikanische Realität jedoch sieht anders anders aus, was auch aus einem Vortrag einer afro-amerikanischen Repräsentantin der U.S. Helsinki Kommission hervorging: das Erfolgsmodell in den USA sei immer noch der ″weiße Mann″, der sich zu Beginn des 17. Jahrhundert als Abkehr zum absolutistischen und verarmenden Europa einen ganzen Kontinent zu Eigen gemacht habe, um seine Vision von einem System ohne Staatlichkeit und tausend Möglichkeiten zu verwirklichen. Eine Anpassung an dieses Modell, das ein Bekenntnis zu Individualität, Wettbewerb und Eigenverantwortung leichter mache, erfordere ″bi-kulturell″ zu sein. Eben hierin besteht die Notwendigkeit eines kritischen Blicks auf den ″Melting Pot″, der durch die Einführung und die kritische Reflektion der Metapher des ″Cookie Cutter Mold″ (Kecksform) als (Über-)Lebensprinzip in der US-Amerikanischen Gesellschaft, eine Relativierung erfährt.

In den folgenden drei Wochen besichtigen wir in unterschiedlich zusammengesetzten Kleingruppen amerikanische Städte, sprechen mit Bürgermeister_innen, Stadt- und Raumplaner_innen, Jurist_innen, Künstler_innen, Repräsentant_innen von NGOs, Bildungseinrichtungen, Umweltagenturen, Krankenhäusern, Kleinbetrieben, Großindustrien, Universitäten und Museen. Eine außerordentliche Möglichkeit die USA besser zu verstehen und kritisch zu hinterfragen, evidenz-basiert.