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Es muss einfach viel mehr gespielt werden

oder: Ein Plädoyer für feministische Gelassenheit

von Susanne Wunderer

In einem früheren Leben war ich CEO eines Industrieunternehmens in der Elektronikbranche. Als Frau in einer männerdominierten Branche, die oft in Begleitung von Technikern unterwegs war (und nein, ich habe an dieser Stelle nicht das Gendern vergessen – es waren tatsächlich ausschließlich Männer), habe ich alles erlebt: die breite Palette von Begegnungen auf Augenhöhe gänzlich ohne sexistischer Vorurteile (Schweden, Norwegen, Belgien, Frankreich) bis hin zu, dass man mir nicht einmal die Hand gegeben (China) oder mich bestenfalls für die Sekretärin gehalten hat (Ukraine). Im Umgang damit habe ich mir eine gewisse Gelassenheit angeeignet, mit der ich immer gut gefahren bin. Nicht, dass es mir wurscht wäre. Im Gegenteil. Ich bin auch die allerletzte, die behauptet, Männer und Frauen würden bereits gleiche Chancen vorfinden. Das tun sie nicht, auch nicht in Österreich. Und besonders offensichtlich wird der Unterschied, wenn dann noch Kinder dazukommen. Aber ich bin der Meinung, dass uns eine gewisse Gelassenheit in der Diskussion darüber gut anstünde.

Feminismus, nein danke – oder doch?
Es tut mir in der Seele weh, wenn – Männer wie Frauen gleichermaßen – vehement abstreiten, Feministen_innen zu sein. Auf Nachfrage, warum, ob es die Art der Kommunikation, die Priorisierung der Themen oder tatsächlich die Ziele der Frauenbewegung wären, relativieren die solcherart Angesprochenen dann eh gleich wieder. Mit der Aufgeregtheit, mit der so manche Debatte geführt wird, oder mit der auf so manchem Recht bestanden wird, tun wir uns nichts Gutes.
Frauen haben es manchmal immer noch richtig schwer: ihre Kompetenz wird als Besserwisserei abgetan, ihren Handlungen wird zu hohe Emotionalität vorgeworfen (übrigens von den gleichen Männern, die Legionen an Psychotherapeuten über der Suche nach ihren eigenen Gefühlen verschleißen) und der Zugang zu Managementpositionen wird ihnen mit dem Hinweis auf die schwierige Vereinbarkeit mit der Familie verwehrt. Aber auch Männer kämpfen mit Klischees und Rollenzuschreibungen. Manchmal bin ich richtig froh, Frau zu sein. Zum Beispiel, wenn Männer rund um mich herum in lautem Gockelgeschrei um den Platz am Misthaufen kämpfen. Wie anstrengend. Da eindeutig außen vor zu sein, fand ich oftmals entlastend. Oder, wenn ich frisch frei von der Leber weg sagen konnte „Das weiß ich nicht.“ ohne stundenlange Kämpfe mit meinem inneren Programm ausfechten zu müssen, das mir sagt: „Du darfst nicht etwas nicht wissen.“

Ich möchte im Folgenden mit Euch eine Erkenntnis teilen, die ich anlässlich eines Seminars mit der großartigen Zita Küng gewonnen habe. Sie hat mir wesentlich geholfen, dieses ganze Mann-Frau-Dingens im Berufsleben entspannter zu sehen.
Liebe Frauen, jetzt mal aufzeigen: wer von Euch hat sich schon mal – mehr oder weniger ernst gemeint – über „das Kind im Manne“ lustig gemacht oder darüber, dass „Männer nie erwachsen werden, nur ihre Spielzeuge teurer würden“? Na? Hand aufs Herz! Eben.

Und jetzt kommt’s: da ist was dran. Männer spielen gerne. Völlig altersunabhängig. Es ist kein Zufall, dass die Wutzler in den Kreativräumen so mancher Werbeagenturen mehrheitlich von Männern genutzt werden. Oder dass Männeraugen zu leuchten beginnen, wenn sie mit den Kindern kicken dürfen. Wir Frauen sind keine Spaßbremsen, aber diese Lust am Spiel teilen wir eben nicht. Und jetzt überlegt Euch mal: warum sollte diese Lust am Spiel nur auf die Freizeit beschränkt sein?
Bingo. Männer spielen auch im Berufsleben gerne und das äußert sich u.a. darin, dass sie berufliche Situationen als Spiel (er)leben, dass sie sich und mitunter Euch als Figuren in einem Spiel sehen und das Spiel selbst mit großer Lust zelebrieren. Als Frau ist man Teil des Spiels, freiwillig oder unfreiwillig, und damit den Regeln des Spiels ausgesetzt. Was mir ein Affront auf das eigene Frausein erscheint, weil ich keine andere Erklärung für das Verhalten finde, könnte auch einfach nur ein Zug in einem Spiel sein, das ich als solches nicht erkenne. Es gilt also, das dahinterliegende Spiel zu identifizieren.

Zita Küng stützt ihre Seminare auf den französischen Organisationssoziologen Michel Crozier, der in den 60er und 70er Jahren des 20. Jahrhunderts geforscht und die Frage gestellt hat, wie Organisationen funktionieren. Als wesentliches Kriterium einer Organisation hat er den gemeinsamen Willen der Akteur_innen identifiziert. Fehlt der gemeinsame Wille, löst sich eine Organisation auf oder kommt gar nicht zustande. Daher sollte bei der strategischen Organisationsanalyse der Fokus nicht auf den Störfällen liegen, sondern auf den Gründen, weshalb die Akteur_innen diese Organisation aufrechterhalten.
Dazu hat Crozier gemeinsam mit dem Österreicher Erhard Friedberg geforscht und vier Elemente zu Tage gefördert:

  • MACHT, weil sie in allen menschlichen Beziehungen steckt, und eine Unausgewogenheit in den Machtverhältnissen wesentlicher Motor für Bewegung ist.
  • STRATEGIE, weil mit dem Dabeisein auch eigene Ziele verfolgt werden.
  • Das VERHÄLTNIS, in dem eine Organisation ZU IHRER UMWELT steht, weil eine Organisation wesentlich von der Umwelt bestimmt und ihr Verhältnis zur Umwelt durch die Akteur_innen gestaltet wird.
  • Und SPIELE, weil sie soziale Konstrukte sind, die Menschen zusammenbringen.

Zita Küng versucht in ihren Seminaren, durch Identifikation eines Spiels, das einer konkreten Situation zu Grunde liegt, zu Handlungsoptionen zu kommen. Im Folgenden fasse ich ein Beispiel aus ihrem Buch „Praktische Organisationsanalyse: Strategien verstehen und gestalten – erkennen, was gespielt wird“  zusammen, um deutlich zu machen, worum es mir geht:

Beschreibung der IST-Situation
In einer großen Verwaltungsorganisation sind viele verschiedene Reformprojekte im Gang. Denn die politische Führung und das Parlament haben sich ehrgeizige Ziele gesetzt. A ist Abteilungsleiter und leitet eines dieser Projekte, das in seiner Abteilung angesiedelt ist. Die Arbeiten gehen gut voran, die Mitarbeitenden sind motiviert und kreativ. A sieht seine Aufgabe u.a. darin, für seine Mitarbeitenden, die zusätzlich zu ihrer Normalarbeit die Arbeit in der Projektgruppe leisten, möglichst optimale Rahmenbedingungen zu schaffen. Dazu trägt er regelmäßig Informationen über den laufenden Stand in die nächsthöhere Ebene, um von dort die Zustimmung für seine nächsten Schritte und die dazu gehörenden Ressourcen zu bekommen. Als Schnittstelle zu ebendieser Ebene fungiert X, die rechte Hand des Regierungschefs. Mit der Zeit beobachtet A, dass X sich einmischt: er nimmt A’s Ansuchen um Ressourcen eigenmächtig von der Tagesordnung oder nimmt sie unangekündigt wieder auf, er leitet Informationen nicht weiter, unterschreibt an Stelle seiner Vorgesetzten A’s Berichte usw. A beobachtet, dass X dies offenbar mit allen Abteilungsleitenden macht und damit agiert, als wäre er eine zusätzliche Entscheidungs- und Gestaltungsebene. Störfaktor: X breitet sich über alles aus!
An diesem Spiel sind A, die andere Abteilungsleitenden und X beteiligt. Die Mitglieder der Regierung sind nur in einer sehr passiven Art und Weise mit von der Partie, eigentlich eher als Publikum. Das Spiel ist sehr ruhig und kommt ohne Worte aus. Es wird da gespielt, wo X ist, weil X mit seinem Verhalten sich mit allen Abteilungsleitenden verbindet. Die Abteilungsleitenden agieren, X reagiert usw. X weitet sein Terrain aus, steckt sich fremde Federn an den Hut und macht sich wichtig.

Identifikation des Spiels
Ein Kartenspiel kann es nicht sein, das hier gespielt wird, denn bei den meisten Kartenspielen ist eine wesentliche Grundregel, dass man versucht, die Karte der anderen zu stechen, weil die eigene einen höheren Wert hat. Dies kommt hier nicht in Frage. X agiert nämlich ohne Ermächtigung, er hat also nicht die besseren Karten. Bei Brettspielen hingegen, die wie z.B. „Mensch ärgere dich nicht“ oder „Malefiz“ zum Ziel haben, die Figuren der eigenen Farbe ins Siegfeld zu bringen, kann man die anderen zurück nach Hause schicken, wenn sie im Weg stehen. Auch das scheint hier nicht zuzutreffen: Die Arbeiten der Abteilungsleitenden werden nicht zurückgewiesen, vielmehr werden sie annektiert. „Fang den Hut“ trifft diese Situation sehr gut. „Fang den Hut“ ist ein Brettspiel, bei dem alle Mitspielenden jeweils fünf Figuren in einer eigenen Farbe haben. Die Form der Figur ist ein Kegel und erinnert deshalb an einen spitzen Hut, der dem Spiel den Namen gibt. Es wird reihum gewürfelt und die Person, die am Zug ist, bewegt einen Hut entsprechend der Augenzahl, egal in welche Richtung. Ziel ist, auf ein Feld zu kommen, auf dem ein Hut anderer Farbe steht. Dort wird der eigene dem anderen Hut übergestülpt. Der fremde Hut ist gefressen. Mit dem – jetzt – zweistöckigen Hut geht das Spiel weiter. Die fremden Hüte sollen ins eigene Haus gebracht und damit endgültig aus dem Spiel genommen werden. Ist ein ganzer Turm aus Hüten unterwegs, dürfen die eigenen Hüte im eigenen Haus auch wieder befreit und wieder auf die vielen möglichen Wege losgeschickt werden. Selbstverständlich schauen die anderen Mitspielenden nicht tatenlos zu. Sie haben die gleichen Möglichkeiten, die andersfarbigen Hüte einzuholen und zu fressen, bevor sie ihr Haus erreicht haben. Das Spiel ist zu Ende, wenn nur noch Hüte in einer Farbe auf dem Brett stehen. Gezählt werden die fremden Hüte im eigenen Haus.
Spannung entsteht, wenn eine Übernahme droht oder ein mehrstöckiger Hut sich erfolgreich dem eigenen Haus nähert: Entstehen nun kurzfristige Allianzen oder muss sich der/die Betroffene allein wehren? Wie lange halten eventuell entstehende Allianzen?

Mögliche Spiel-Strategien für „Fang den Hut“
Sobald gewürfelt wird, verlassen die Spielenden mit einem der Hütchen das Haus und jagen oder werden selbst gejagt. Alle beobachten, wohin die anderen ihre Hütchen setzen. Nun kann man offensiv werden und auf eines der Hütchen zugehen, in der Hoffnung, es fressen zu können. Oder man bleibt defensiv und versucht, den Abstand zu den nächsten Hütchen so groß zu halten, dass es mit einmal Würfeln nicht erreicht werden kann. Jede Bewegung eines anderen Hütchens verändert das Verhältnis auf dem Brett. Ist man mit einem einzelnen
Hütchen beschäftigt, kann man unter Umständen die anderen Hütchen kurzfristig aus dem Blick verlieren und sie nicht genügend schützen. Vielleicht profitieren andere davon und schnappen sich eines. Dann hat die defensive Strategie Priorität: Wer ein Hütchen verloren hat, wird alles versuchen, damit der/die andere das gefressene Hütchen nicht heil in sein/ihr Haus bringen kann, wo das geschnappte Hütchen definitiv verloren wäre. Die Verfolgung dieses Doppelstockers wird also aufgenommen. Der Doppelstocker ist auch für die anderen Mitspielenden interessant: Sie können sich mit einem Schlag gleich zwei Hütchen schnappen. Wer sich da Chancen ausrechnet, mischt sich also ebenfalls ein. Je mehr Hütchen übereinander gestapelt sind, desto attraktiver wird es, diesen Turm zu fangen. In solchen Situationen kann es sich lohnen, ein großes Risiko einzugehen.

Allianzen im Spiel
Die Chance zu fressen birgt immer auch ein Risiko: Wer sich auf ein Hütchen zubewegt, muss auch damit rechnen, von dem Hütchen geschnappt zu werden, weil sich alle Hütchen immer in alle Richtungen bewegen dürfen.
Dabei soll man sich folgende wichtige Fragen stellen: Spielen tatsächlich alle Beteiligten immer für die eigene Farbe oder bilden sich – zumindest zeitweilige – Allianzen? Schont da Grün Blau und frisst mit Vorliebe Gelb, obwohl ein blaues Hütchen direkt vor der Nase steht und der Würfel die passende Augenzahl hat? Welche Schlüsse kann ich daraus ziehen? Kann ich von dieser Allianz profitieren oder ist es klüger, gegen sie anzutreten? Ist es geschickt, eine eigene Allianz anzubieten, die mich in eine günstigere Situation bringt? Wer könnte ein Interesse an einem gewissen Stillhalten haben? In welchem Augenblick soll ich die Allianz verlassen und mich gegen ehemalige Verbündetet wenden? Womit habe ich dann zu rechnen? Wer geht dann auf meine Hütchen los? Alle oder nur der/die „Verratene“?

Entwickeln konkreter Handlungsoptionen für A
*) A und seine Kollegen werden aktiv werden. Solange sie passiv sind, wird X alle Hütchen, die ihm begegnen, schnappen und seelenruhig in sein Haus bringen. Eine offensive Strategie würde zudem zu einer Beziehung des Aushandelns zwischen A und X führen.
*) A wird seine Ideen, Vorschläge und Ansuchen mit möglichst großem Abstand zu X einbringen, sodass X sie nicht mit einem Federstreich annektieren und nach seinem Gutdünken damit verfahren kann. Oder er wird so lange in der Nähe von X bleiben, dass er seine Ideen, Vorschläge und Ansuchen sofort zurückholen kann, sollte X einen Antrag annektieren. Dann hätte A ein Hütchen von X in seiner Gewalt und A kann sich überlegen, was er mit diesem Pfand anfangen kann. Interessant wird auch sein, welche Kollegen mit welchem Aufwand A oder X zu Hilfe kommen, und wie viel Risiko sie dabei eingehen.
*) Nicht zu unterschätzen ist, was unter den Kollegen läuft: Wahrscheinlich wird auch dort gefressen, nur ist die Aufmerksamkeit eher bei X, weil er so deutlich agiert. Daher ist Vorsicht geboten.
*) X bekleidet mit seiner Nähe zu den politisch Entscheidenden eine Position, über deren Kompetenzen und Möglichkeiten sich A Informationen beschaffen wird, um diese Machtquelle besser nutzen zu können. Zusätzlich wird er Autorenschaft und Verantwortlichkeit seiner Ideen und Vorschläge aktiv kommunizieren, bevor X dies auf seine unerwünschte Art tut.
*) Mittelfristig wird „Fang den Hut“ für X an Attraktivität verlieren, wenn er mit seinen Strategien nicht mehr durchkommt. A wird sich daher überlegen, was ein interessanteres nächstes Spiel sein könnte, und wird beobachten, welche Regeln X nicht befolgt oder neu einbringt. Dies könnten Anzeichen dafür sein, in welche Richtung sich das Spiel verändern wird.

Liebe Frauen, versucht es selbst. Denkt Euch in eine Situation, in der Ihr das Gefühl hattet, Ihr habt die Welt nicht mehr verstanden und wart dem Geschehen ohnmächtig ausgeliefert, nichts von dem, was Ihr versucht habt, hat gegriffen. Versucht, nach obigem Muster ein Spiel zu finden, nach dessen Regeln möglicherweise gespielt wurde. Beliebte Spiele sind z.B. „Blinde Kuh“, „Ochs am Berg“, „Scharade“ oder „Stille Post“. Kramt alle Spiele hervor, an die Ihr Euch aus Eurer Kindheit erinnern könnt. Und dann checkt die Spielregeln mal quer mit dem, was sich damals so abgespielt hat. Ihr werdet erstaunliche Aha-Erlebnis haben!

Und warum schreibe ich das alles, wo es doch um Frauen und Politik geht? Weil es uns Frauen Handlungsoptionen gibt, statt in der Ohnmacht des Haderns über das Frausein zu erstarren. Und weil mir in meiner langjährigen Berufslaufbahn keine Branche untergekommen ist, wo das Spiel einen so hohen Stellenwert hat wie in der Politik.