« Zurück zur Übersicht

Gesundheitsdeterminanten und chronische Krankheiten. Österreich wählt den einfachen (und teuren) Weg.

Dieser Blog ist Teil 2 zum österreichischen Gesundheitssystem

  • MO: Grundlegendes über das österreichsiche Gesundheitssysten und wer finanziert eigentlich was ?
  • DI: Grundsätzliche Gesundheitsdeterminanten (Alkohol- & Nikotinkonsum, Ernährung) und das diesjährige Spezialthema chronische Krankheiten
  • MI: Impfen – Impfgegner auf dem Vormarsch und welche gesundheitlichen Risiken hier für unsere Gesellschaft bestehen
  • DO: Wann ist ein Gesundheitssystem effektiv und welche Rolle (sollen) eigentlich Spitäler hier spielen?
  • FR: Wie gut werden neue medizinische Entwicklungen in unser Gesundheitssystem implementiert und haben wir eigentlich genügend Personal im Gesundheitssystem?

Der individuelle Gesundheitszustand hängt u.a. auch vom persönlichen Lebensstil ab, weshalb sich relevante Gesundheitsstudien u.a. auch mit Alkohol- oder Nikotinkonsum beschäftigen. So weit so trivial. Die OECD Studie „Health at a Glance: Europe 2016“ widmet sich in einem Kapitel den Themen Alkohol- und Nikotinkonsum, Übergewicht, Ernährungsgewohnheiten und physischen Aktivitäten. Maßnahmen in diesem Bereich sind sehr komplex, da individuelles Verhalten hier sehr oft auch mit sozialen Normen („Feierabendbier“) zusammenhängen und die Grenze zwischen verantwortungsvollem und medizinisch bedenklichem Konsumverhalten fließend ist. Ungeachtet dessen zeigt sich, dass z.B. Nikotinkonsum in der EU das größte vermeidbare Gesundheitsrisiko darstellt. Laut OECD sterben Raucher_innen im Durchschnitt 14 Jahre früher als Nichtraucher_innen und das Risiko beispielsweise an chronischen Krankheiten wie Asthma zu erkranken ist ebenso erhöht.

01_rauchverhalten

Der Nikotinkonsum im zeitlichen Vergleich zeigt, das der Nikotinkonsum in Europa seit 2000 leicht gesunken ist. Besonders starke Rückgänge sind in Dänemark, Irland und den Niederlanden zu verzeichnen. Am anderen Ende des Spektrums befinden sich die Slowakei (das einzige Land das einen Anstieg an Raucher_innen zu verzeichnen hat) und Österreich, wo sich der Anteil an Raucher_innen mit knapp 25% nicht verändert hat. Dies ist insofern von Interesse, da die öffentliche Hand mit diversen Initiativen und Inseraten kontinuierlich Geld investiert für Präventionsmaßnahmen bzw. um Raucher_innen dazu zu bewegen aufzuhören. Besonders effektiv dürften die Maßnahmen der letzten 14 Jahre nicht gewesen sein.

02_rauchverhalten jugendliche

Aus gesundheitspolitischem Blickwinkel ist besonders der Nikotinkonsum von Jugendlichen von besonderem Interesse, da sich hier besonders schwerwiegende langfristige Gesundheitsrisiken nachweisen lassen (u.a. Erkrankungen des Herz-Kreislauf-Systems oder die Wahrscheinlichkeit an Krebs zu erkranken). Hier zeigt sich, dass in Österreich knapp 15% der 15-jährigen regelmäßig rauchen, womit wir im OECD-Schnitt liegen. Hier ist tatsächlich ein massiver Fortschritt zu erkennen, noch 2010 war Österreich in der Spitzengruppe und der Anteil an rauchenden Jugendlichen hat sich binnen fünf Jahren knapp halbiert. Angesichts dieser Zahlen stellt sich die Frage: Was machen wir bzw. der Staat hier richtig, was uns in vielen anderen Bereichen nicht gelingt? Angesichts derart diverser Resultate stellt sich die Frage ob die im Budget festgelegten Wirkungsziele wirklich systematisch evaluiert werden und entsprechende Schlussfolgerungen und Maßnahmen gezogen werden.

03_alkoholkonsum

Ein medial durchaus oftmals diskutiertes Thema ist der Alkoholkonsum. Hier liegt Österreich regelmäßig im europäischen Spitzenfeld, auch in diesem Fall. Gleichzeitig sehen wir, dass sich der durchschnittliche Alkoholkonsum seit dem Jahr 2000 reduziert hat (wenngleich wir weiterhin auf einem Spitzenplatz sind). Hier zeigt sich eine der wesentlichen Vorteile der OECD Publikation: Dadurch das jährlich standardisierte Daten veröffentlicht werden können wir ein genaueres Bild zeichnen: Der Rückgang des Alkoholkonsums hat sich in den ersten 2000er Jahren ereignet, da die OECD Studie von 2010 exakt die gleichen Werte ausweist wie die diesjährige Publikation. Damals lag Österreich übrigens nur auf Platz 6, mittlerweile sind wir wieder auf dem dritten Rang da in den meisten Ländern der Alkoholkonsum weiterhin sinkt. Wenn man berücksichtigt, dass der EU-Raum weltweit den höchsten Konsum aufweist, wird relativ schnell aus einem vermeintlichen Fortschritt ein Rückschritt.

04_bingedinking

Neben dem generellen Konsumverhalten ist vor allem der exzessive Alkoholkonsum von besonderem Interesse. Zwar können wir über den generellen Konsum Langzeittrends feststellen, übermäßiger Alkoholkonsum („regular binge drinking“) wirkt sich sowohl auf die Sterblichkeitsrate als auch auf diverse Erkrankungen (z.B. Suchtverhalten) aus. Die Österrreicher_innen mögen zwar viel trinken, exzessiv wird es aber verglichen mit anderen Ländern deutlich seltener. Wenn jeder vierte männliche Österreicher regelmäßig einen bedenklichen Alkoholkonsum aufweist ist dies nicht zu beschönigen, aber verglichen mit anderen Ländern (UK 30%, DE 42%, DK 47%, RO 50%) ist das Problem in Österreich zumindest schwächer ausgeprägt. Übrigens: Der Anteil an Personen die regelmäßig exzessiv Alkohol konsumieren steigt mit dem Bildungsgrad (Zahlen für AT: geringster Bildungsgrad 14,2%, mittlerer Bildungsgrad 19,9%, höchster Bildungsgrad 20,5%). Vergleichen Sie diese Informationen einmal mit dem medial vermittelten Bild von „Komasaufen“.

 

05_obesity

Während bei Alkohol- und Nikotinkonsum in ganz Europa in den letzten 10-15 Jahren mehrheitlich ein Rückgang verzeichnet werden konnte, gilt dies für den Anteil an Menschen mit Übergewicht nicht. Dieser steigt in ganz Europa, im Durchschnitt geben 16% aller Europäer_innen an, dass sie massives Übergewicht („obesity“) haben. Österreich liegt mit 15% knapp unter dem EU-Schnitt, wenngleich der Wert vor 6 Jahren nur bei 12,5% lag. Damals lag der EU-Schnitt bei 15,5%. Der Anstieg hat sich also europaweit abgeflacht, in Österreich leider nicht.

 

Zusätzlich zu den jährlich erhobenen – standardisierten – Kennzahlen setzt die OECD jedes Jahr einen individuellen Schwerpunkt. In diesem Jahr geht es um chronische Krankheiten und deren Auswirkung auf den Arbeitsmarkt. Dies ist ein hochkomplexes Thema, da Gesundheit und Arbeit auf vielen Ebenen miteinander verschränkt sind. So können Gesundheitsprobleme zu geringeren Jobchancen bzw. einer geringeren Partizipation am Arbeitsmarkt führen, einem geringeren Einkommen oder einer längeren Dauer der Arbeitslosigkeit. Diese Faktoren wiederum können eine Negativspirale in Gang setzen (u.a. erhöhter Stress, Depressionen), die wiederum die physische und psychische Gesundheit weiter einschränkt. Gleichzeitig wirken sich die Arbeitsbedingungen und das Arbeitsumfeld auch auf unsere Gesundheit aus. Zwar ist eine der wesentlichen Ziele der Gesundheitspolitik die Vermeidung von chronischen Krankheiten, gleichzeitig muss Gesundheitspolitik aber auch jene im Blick haben, die mit einer (oder mehren) chronischen Krankheiten im Arbeitsleben bzw. dem Arbeitsmarkt zur Verfügung stehen. Die Gesundheitsökonomen der OECD haben sich angesehen, wie viele frühzeitige Todesfälle auf premature non-communicable diseases (NCDs) – also vorzeitigen Tod durch nicht übertragbare Krankheiten, insbesondere Krebs, Diabetes, Herz-Kreislauf-Erkrankungen) sterben und wie stark sich dies auf die Arbeitswelt (Produktivitätsverlust ) auswirkt.

06_chronische krankheiten _ verlustraten

Sowohl bei den Todesfällen, als auch bei den Zahlen zum Produktivitätsverlust liegt Österreich – ähnlich den gestrigen Zahlen zur allgemeinen Mortalität – Österreich unterhalb des OECD-Schnitts. Die gute Antwort ist also, dass derartige Erkrankungen nicht überproportional häufig zu einem (vorzeitigen) Tod führen. Gleichzeitig zeigt sich jedoch, dass insbesondere bei chronischen Krankheiten in Verbindung mit dem Arbeitsmarkt die Lage bei weitem nicht so rosig aussieht.

 

Grundsätzlich zeigen (u.a. aber nicht nur) die OECD-Daten, dass verdienen Menschen mit chronischen Krankheiten weniger verdienen, signifikant öfters und länger Arbeitslos sind und deutlich größere Schwierigkeiten überwinden müssen um (wieder) in den Arbeitsmarkt einzusteigen.

07_employment rate

SHARE ist ein EU-Projekt, dass sich u.a. den Themen Gesundheit (allgemein und am Arbeitsplatz) oder Pensionen widmet, und hat insbesondere die Altersgruppe 50-59 – also jene die noch im Erwerbsleben stehen – im Fokus. Hier zeigt sich, dass die Beschäftigungsquote sinkt wenn eine chronische Krankheit vorliegt (grauer Balken). Bei 2+ chronischen Krankheiten ist die Beschäftigungsquote um ca. 40% geringer verglichen mit Menschen ohne chronischer Krankheit. Ein genauerer Blick hier zeigt, dass in einigen Ländern Menschen mit einer chronischen Krankheit effektiv keinen Rückgang der Beschäftigungsquote aufweisen  (NED, SUI, SWE), in anderen Ländern wie Österreich zeigt sich eine deutliche Differenz. Besonders schwach schneidet Österreich bei der Beschäftigungsquote von Menschen mit 2+ chronischen Krankheiten auf. Mit einer Beschäftigungsquote von knapp 42% weisen nur Spanien und Slowenien schlechtere Werte auf.

08_medium sick days

Ein ähnliches Bild zeigt sich bei der durchschnittlichen Anzahl der Tage im Krankenstand. Zwar ist es trivial, dass mit einem schlechteren Gesundheitszustand (in diesem Fall der Anzahl an chronischen Krankheiten) die Krankenstandstage erhöhen (7 Tage im Schnitt ohne chronische Krankheit, 10 mit einer und 20 mit 2+), aber Österreich gehört zu den Ländern die einen überdurchschnittlich starken Anstieg aufweisen (von 7 auf 21 Tage). Dies bedeutet, dass wir ganz allgemein den Arbeitsprozess von Menschen mit chronischen Krankheiten nicht so gut managen, wie beispielsweise Schweden (von 5 auf 10 Tage) oder Dänemark (von 4 auf 8 Tage). Die OECD weist darauf hin, dass insbesondere die psychische Gesundheit (also nicht zwingend die „ursprüngliche“ chronische Krankheit) für eine Vielzahl an Krankenstandstagen von chronisch Kranken verantwortlich ist.

09_ early retirement and unemployment

Neben der Beschäftigungsquote und der Krankenstandstage sind sowohl die Arbeitslosenzahlen bzw. die Frühpensionierungen von Interesse. Im Bereich der Arbeitslosigkeit zeigen die Daten, dass in Österreich  chronisch Kranke seltener arbeitslos sind als im EU-Vergleich. Dies liegt aber daran, dass (siehe linke Grafik) Österreich eine sehr typische Lösung gewählt hat. Hier sehen wir den Anteil der 50-59 jährigen die in Frühpension geschickt wurden. Österreich ist hier Weltmeister. Im EU-Durchschnitt  sind 4% der Menschen ohne chronische Krankheit in Frühpension, bei Personen mit einer chronischen Krankheit liegt dieser Wert bei 5%. Bei 2+ chronischen Krankheiten verdoppelt sich dieser Wert auf 9%.

In Österreich ist die Lage nochmals dramatischer: 15,3% aller Personen ohne chronische Krankheit sind in Frühpension (zur Erinnerung: der EU-Schnitt bei Menschen mit 2+ chronischen Erkrankungen liegt bei 9%), er steigt auf 18,9% wenn eine chronische Krankheit vorliegt und bei 2+ chronischen Erkrankungen sind fast vierzig (!) Prozent (38,6% um genau zu sein) der Menschen in Frühpension und damit einhergehend oftmals auch mit Altersarmut konfrontiert. Anstatt sich Gedanken zu machen, unter welchen Bedingungen auch Personen mit chronischen Krankheiten in einem guten, gesundheitsstabilisierenden und wertschätzenden Arbeitsumfeld arbeiten können bzw. Arbeitslosigkeit vermieden werden kann, wählt man in Österreich wieder einmal die simple – und gleichzeitig teuerste – Lösung, Frühpension.

 

Lesen Sie morgen, wie es um die Impfrate in Österreich und der EU bestellt ist, in welchen Bereichen Österreich Schlusslicht ist und ob Impfgegner nur in Österreich und Deutschland oder in ganz Europa am Vormarsch sind.