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Globalisierungsverlierer untere Mittelklasse? Einleuchtend, und falsch

17.09.2016 Josef Lentsch

Kennen Sie die Elefantenkurve? Sollten Sie sie noch nicht gesehen haben, dann haben Sie sicher schon davon gehört. Die Kurve, die der Form eines Elefanten ähnelt, bildet nämlich die Grundlage der Argumentation vieler Globalisierungskritiker. Und so sieht sie aus:

Die "Elefanten-Kurve"

Kurz gefasst besagt die Kurve und das von Lakner und Milanovic für die Weltbank verfasste einflussreiche Papier in dem sie abgebildet ist, dass die Gewinner der Hochphase der Globalisierung zwischen 1988 und 2008 zwei Gruppen waren: die schnell wachsenden Wirtschaften in Asien (30stes bis 50stes Perzentil in der Grafik), und die globale Elite (die globalen Top 1%). Als Globalisierungsverlierer identifizierten die Autoren die untere Mittelklasse der westlichen Welt (die sich einkommensmäßig in der Grafik um das 80ste globale Perzentil befindet). So weit, so einleuchtend. Und falsch, wie ein neuer Report der britischen Resolution Foundation, die eher dem Mitte-Links Spektrum zuzurechnen ist, zeigt.

Ein Datenartefakt

Grund für die spezifische Form der Kurve sei nämlich einerseits das außer Acht lassen von wichtigen Variablen wie Bevölkerungswachstum, die das Bild verzerrten, und andererseits ein inkonsistentes Set von Ländern, deren Daten in der ursprünglichen Studie Eingang fanden. Heißt also: die spezifische Auswahl der Daten hat zur Aussage geführt, ein so genanntes Datenartefakt.

Die entsprechend berichtigte Kurve sieht dann so aus:

Die bereinigte "Elefanten-Kurve"

Einkommen der unteren Mittelklasse sind gewachsen

Und so kommt der Report zu dem Schluss, dass die Einkommen für die untere Mittelklasse in der westlichen Welt während dieser zwei Dekaden nicht stagniert, sondern im Gegenteil gewachsen sind. Auch die Ungleichheit habe sich mit Ausnahme der USA nicht so entwickelt wie dargestellt.

Das heißt nicht, dass es keine ökonomischen und sozialen Themen gibt, die es für die Politik zu bearbeiten gilt – aber die Gründe dafür sind vielfältig, der Handel ist dafür nicht einfach verantwortlich zu machen.

Die Resolution Foundation kommt also zum Schluss: „Die Aufgabe für die Politik ist zu verhandeln wie die Gewinne durch Handel verteilt werden, nicht seine Existenz.“ Das wäre doch eine mutige Positionierung für die Sozialdemokratie. In Deutschland geht die Argumentationslinie der SPD auch in diese Richtung. In Österreich eher nicht. Man wird doch wohl noch träumen dürfen.