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Impfen. Das 19. Jahrhundert hat einen Brief geschrieben und will seine Debatte zurück.

Dieser Blog ist Teil 3 zum österreichischen Gesundheitssystem

Macht Impfen Sinn? Gibt es wirklich überzeugende Beweise für einen gesundheitlichen Vorteil für Geimpfte gegenüber Ungeimpften? Fragen wie diese hört man sehr schnell wenn es um das Thema Impfen geht, egal ob am Spielplatz, in der Straßenbahn oder im Wartezimmer des Hausarztes. Wohl kaum ein gesundheitspolitisches Thema in Österreich ist mittlerweile derart emotionalisiert. Generell lassen sich hier drei Lager identifizieren: Menschen die Impfungen (vehement) befürworten, jene die diese (vehement) ablehnen und dann gibt es noch diejenigen, die dazwischen stehen und in dem Hin und Her der Argumente nur noch Verwirrung empfinden. Bis zu einem gewissen Grad erinnert die Debatte an jene, ob es einen Klimawandel gibt und wenn ja inwiefern menschliches Verhalten dazu beiträgt. Der Konflikt zwischen Gegner_innen und Befürworter_innen von Impfungen ist so alt, wie die Möglichkeit sich impfen zu lassen:

Französische Karikatur von ImpfgImpfgegnern rund um 1800; Quelle: http://bit.ly/1QuVqFE
Französische Karikatur von ImpfgImpfgegnern rund um 1800; Quelle: http://bit.ly/1QuVqFE

Dennoch hat sich in den letzten Jahren einiges geändert. Impfgegner_innen nehmen an Fahrt auf und der Diskurs geht immer öfter nicht mehr um die Frage welche Impfung elementar und welche optional sein sollte, sondern ob Impfen generell Sinn macht bzw. ob Impfen nicht sogar krank macht. Fakten zum Thema werden zwar oft präsentiert, und insbesondere in Österreich sind diese nicht selten medial sehr gut aufbereitet, dennoch scheint sich die Debatte festgefahren zu haben. Lassen wir daher einmal die Daten sprechen, da die OECD Studie „Health at a Glance: Europe 2016“ sich explizit mit Infektionskrankheiten & Präventionsmöglichkeiten beschäftigt, da in den meisten EU-Mitgliedsländern für bestimmte Erkrankungen eine Meldepflicht besteht:

02_OECD monitoring definition

Beginnen wir mit Hepatitis B, einer infektiösen Entzündung der Leber, die unter gewissen Bedingungen auch chronisch verlaufen kann. Leider schwankt in den EU-Mitgliedsstaaten die Datenqualität, weshalb Ländervergleiche nur bedingt möglich sind, dennoch lassen sich einige interessante Informationen aus den vorliegenden Daten gewinnen.
03_ hepatitis B rate

Im Jahr 2014 wurden in der EU etwas mehr als 22400 Fälle von Hepatitis B gemeldet. Angesichts der Muster zeigt sich, dass in einigen Ländern nur akute bzw. chronische Fälle von Hepatitis B protokolliert werden (hierzu dürfte auch Österreich gehören, da 50% der aufgezeichneten Fälle chronisch waren und nur 6,5% akut), während andere Staaten wie z.B. die Slowakei für beide Formen genaue Informationen sammeln.  Spannend an den österreichischen Daten ist, dass 1. wir zu den Ländern mit dem höchsten Anteil an Fällen die nicht zugeordnet werden können gehören. Angesichts der sehr unterschiedlichen Behandlungswege (Stichwort chronische Krankheit) und Folgekosten ist dies doch ziemlich überraschend. 2. Wenn auf 100000 Personen 7 chronisch Kranke kommen und das bei einer Krankheit, die durch eine Impfung verhindert werden kann, dann haben wir ein Problem. Das wir mit diesem Problem nicht alleine dastehen zeigt die Grafik, aber angesichts der schlechten Datenlage (wie ist das im Jahr 2016 eigentlich möglich?) fehlt uns eigentlich ein genaueres Bild auf dem eine verbesserte europaweite Strategie zur Eradikation von Hepatitis B aufbauen könnte.

Keuchhusten (engl. pertussis) ist eine hochinfektiöse bakterielle Infektionskrankheit der Atemwege. Keuchhusten wird oftmals als Kinderkrankheit gesehen, jedoch können auch Erwachsene daran erkranken wie unter anderem das Robert Koch Institut mit anschaulichen Zahlen belegen kann:

Die Pertussis-Inzidenz liegt bei Kindern und Jugendlichen zwar weiterhin höher als bei Erwachsenen. Dennoch treten zwei Drittel aller Erkrankungen bei Personen > 19 Jahre auf. Daher empfiehlt die STIKO seit 2009 allen Erwachsenen eine Impfung mit einem Pertussis-haltigen Kombinationsimpfstoff bei der nächsten fälligen Auffrischimpfung gegen Tetanus und Diphtherie.

04_keuchhusten

Im Jahr 2015 wurden knapp 4000 Fälle von Keuchhusten gemeldet, wobei in 5 Ländern kein Fall auftrat. Auf 100000 Einwohner kommen im Schnitt 9 Fälle, die Niederlande können mit 48 Fällen auf 100000EW als Ausreißer betrachtet werden. In Österreich kommen 4 Fälle auf 100.000 Einwohner, womit wir auf Platz 13 von 27 im EU-Mittelfeld landen. Klingt gut, ist es aber nicht. Die 2010 Studie von Health at a Glance zeigt, dass Österreich im Zeitraum 2006-2008 pro Jahr im Schnitt 1,6 Fälle gemeldet hat (Platz 15 von 27), womit die Anzahl an Fällen sich mehr als verdoppelt hat. Österreich teilt mit vielen anderen EU-Mitgliedsstaaten ein trauriges Schicksal, jedoch stellt sich auch hier die Frage: Wenn bei einer schwer infektiösen Krankheit, die übrigens auch tödlich enden kann, welche mittels einer Impfung flächendeckend supprimiert werden kann, seit Jahren eine steigende Anzahl an Fällen beobachtet wird, wo bleibt die mediale Diskussion bzw. der nationale Aktionsplan? Das beste Indiz dafür das dieses Thema für die Bundesregierung von minimaler Relevanz ist, zeigt sich darin, das keine Inserate zu diesem Thema geschalten werden.

 

Wesentlich häufiger, wenngleich nicht zwingend ungefährlicher, ist Masern, eine hochinfektiöse Viruskrankheit, die oftmals als „harmlose“ Kinderkrankheit angesehen wird. Diese kann für Säuglinge, Kinder aber auch Jugendliche und Erwachsene schwerwiegende Folgen haben, was unter anderem daran liegt, dass im Kranheitsverlauf das Immunsystem massiv geschwächt ist und die Patienten für andere (z.B. bakterielle Infektionen) Krankheiten empfänglich sind. Übrigens: Masern kann auch die Augen schädigen, Expert_innen schätzen das weltweit jährlich ca. 60000 Personen wegen einer Masernerkrankung erblinden.
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In 11 Ländern wurde im letzten Jahr keine einzige Masernerkrankung gemeldet, im EU-Schnitt sind es 8 Personen auf je 1 Million Einwohner. Österreich ist an peinlicher trauriger zweiter Stelle, geschlagen nur von Kroatien. Wobei es hier auf die Zählmethode ankommt, in anderen Studien liegen wir „nur“ auf dem dritten Platz. Die Dramatik dieses Werts zeigt sich, wenn wir Vergleichszahlen (beispielsweise aus der 2010 Version der OECD-Studie) nehmen: vor sechs Jahren wurden in Österreich noch 20 Fälle auf 1 Million Einwohner gemeldet, ein saftiger Anstieg um 75%. Wenn man bedenkt, dass beispielsweise Säuglinge unter 11 Monaten nicht geimpft werden können und auf die sogenannte „Herdenimmunität“ angewiesen sind oder das im Laufe einer Erkrankung an Masern (oder Keuchhusten) möglicherweise auch zusätzliche Erkrankungen auftreten, gegen die sich andere Personen nicht impfen lassen können, so ist die Frage ob Impfen eine individuelle Entscheidung ist, oder ob die eigene Entscheidung auch Folgen für die Allgemeinheit hat, geklärt.

 

Wie in diesem Blogbeitrag mehrmals erwähnt wurde, kann man sich gegen alle genannten Krankheiten impfen lassen. Wie sieht nun die Impfrate aus? Nehmen wir als Fallbeispiel Masern: In Österreich ist der Impfstoff für alle Personen (egal ob Kinder, Jugendliche oder Erwachsene) kostenfrei erhältlich. Zusammen mit regelmäßigen Aufklärungskampagnen und einer Vielzahl an Broschüren und Ratgebern, sollte man meinen, dass in Österreich die Impfrate bei annähernd 100% liegt.
07_impfrate masern

Österreich ist jedoch trauriges Schlusslicht bei der Impfrate für einjährige Kinder. Nur drei von vier Einjährigen in Österreich sind gegen Masern geimpft. Während andere Länder die Ausrottung von Masern feiern (good work Jamaica!) gelingt es uns nicht einmal mit einem GRATIS IMPFSTOFF FÜR ALLE diese Krankheit in den Griff zu bekommen. Wer nun meint, dass dies ein Ausreißer ist und die Impfrate für andere Krankheiten (z.B. Keuchhusten oder Tetanus) andere Ergebnisse liefert, soll selbst zur eingangs erwähnten OECD Studie greifen, da wir auch dort europaweit auf dem letzten Platz liegen.

 

Nun könnte man glauben hierbei handelt es sich um ein Thema von renitenten Eltern, die ihre Kinder nicht impfen lassen. Das Problem an der Sache: es stimmt nicht. Sehen wir uns hierzu die Impfrate für Influenza an. Die Grippeimpfung wird jedes Jahr angeboten, besonders empfehlenswert ist diese für einige Personengruppen (z.B. chronisch Kranke oder ältere Personen), da für diese Gruppen eine Erkrankung besonders gefährlich wäre (u.a. erhöhte Sterbewahrscheinlichkeit).

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Der EU-Durchschnitt für die Personengruppe 65+ liegt bei 49,5%, Österreich liegt auf Platz 17 mit 20,3% – also nicht einmal der Hälfte des Durchschnitts. Während in den letzten Jahren die Impfrate europaweit für diese Altersgruppe sogar um einige Prozentpunkte gesunken ist, sehen wir in Österreich eine Stagnation auf niedrigem Niveau. Immerhin.

 

Warum ist dies so und warum sind gerade in Österreich diese Werte so dramatisch schlecht? Erklärungsansätze dafür gibt es viele: einige meinen, dass es daran liegt das wir mit vielen Krankheiten im Alltag nicht mehr konfrontiert werden (Fortschritt!), Skepsis gegenüber der Wirksamkeit und möglichen Impfschäden oder schlichtweg Bullshit. Man muss es so klar sagen.

Nehmen wir ein Fallbeispiel aus Österreich: Das Portal impffrei.at die laut eigener Aussage „zahlreiche Websites durchleuchtet, viele Bücher gelesen, mit Ärzten, Medizinjournalisten, Wissenschaftlern und Fachkundigen gesprochen und die wichtigsten Fakten übersichtlich aufbereitet“ haben, „informiert“ die Allgemeinheit unter welchen Bedingungen Hepatitis B übertragen werden kann:

impffrei

Hier wird suggeriert, dass die Wahrscheinlichkeit einer Hepatitis B Erkrankung sehr gering ist und setzt einen Frame  der glaubhaft machen soll, dass Hepatitis B eigentlich ungefährlich ist (zumindest für bestimmte Gruppen). Doch das ist schlichtweg falsch. Sehen wir uns hierzu die Informationen des österreichischen Gesundheitsportals an:

gesundheitsportal

Diese Liste ist 1. deutlich länger und 2. bei Hepatitis-B-Infizierten ist selbst die Tränenflüssigkeit infektiös, sprich eine Übertragung ist sehr leicht möglich und somit besteht auch für Säuglinge ein Ansteckungsrisiko.  Doch damit nicht genug.

Auf jeder Seite von Impfkritiker_innen finden sich Zitate von Ärzt_innen oder Wissenschafter_innen die dem Impfen bzw. bestimmten Impfungen kritisch gegenüberstehen. Ja liebe Leute das ist in der Wissenschaft so. Bei jedem Thema! Die Wissenschaft ist wahrscheinlich die älteste etablierte Schwarmintelligenz der Welt. Es werden sich in jeder Wissenschaftssparte und bei jedem Thema Personen finden, die den derzeitigen Status Quo kritisch gegenüberstehen. Aber nur wenn sich deren Meinungen wissenschaftlich belegen und mehrfach replizieren lassen werden diese im jeweiligen Fachgebiet übernommen. Wir haben es hier mit einer der  – aus gesundheitlicher Sichtweise – gefährlichsten Form der Wissenschaftsfeindlichkeit zu tun. Wenn dir 98 Mediziner_innen sagen, du sollst nicht aus dem 14. Stock eines Hochhauses springen, da dies sehr wahrscheinlich zum Tod führt und zwei Mediziner_innen sagen „kein Problem, viel Spaß beim Fliegen“, dann wäre es wohl nicht so schlecht das eigene Verhalten zu überdenken bevor man zum Fenster schreitet.

 

Morgen an dieser Stelle: Wann ist ein Gesundheitssystem eigentlich effektiv und wieso kann man nicht anhand der Anzahl der Spitalbetten auf die Qualität unseres Gesundheitssystems schließen. Für alle die nach der Lektüre dieses Blogs angesichts der Fakten genauso deprimiert sind wie ich während dem Schreiben: hier ist die Notfallmedizin