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Individuen die Menschlichkeit absprechen- Ein Gespräch mit Professor Rick Halperin

Der Campus der Southern Methodist University (SMU) in Dallas liegt in unmittelbarer Nähe zum Georg W. Bush Presidential Centre. Auf großen interaktiven Bildschirmen wird dort die Geschichte eines US-Präsidenten nacherzählt, der aus Sicht von Prof. Rick Halperin ein Sinnbild für die Einstellung der US-Amerikaner_innen gegenüber Menschrechtsfragen ist: Die USA haben keine Kultur über Menschenrechte zu sprechen, insbesondere wenn es um menschenrechtliche Fragen in den USA selbst gehe: ″Wir werden hier in dem Glauben aufgezogen, dass wir im besten Staat der Welt leben. Probleme haben die anderen, die Chinesen, die Kubaner und der Nahe Osten.″ Halperin ist seit 1985 Professor für Menschenrechte an der Southern Methodist University, ist dort Direktor des Embrey Human Rights Program und war lange Zeit an der Spitze von Amnesty International USA. Auf meine Anfrage ein Interview mit ihm führen zu dürfen, antwortete er prompt.

Vor seinem Büro hängt ein Bildschirm, auf welchem der Twitter-Account des Instituts abgebildet ist. Laufend erscheinen neue Meldungen von Usern aus der ganzen Welt. In seinem Büro stapeln sich Bücher über das Erbe des Holocaust, die Vernichtung der Indianer Nordamerikas, die Sklavenhaltung in den USA, Gewalt gegen Frauen und vielen anderen menschrechtlichen Themen. Über den Regalen hängen Kunstwerke, die seine Student_innen im Rahmen ihres Studiums an der SMU anfertigen. Ein Traumfänger mit Bildern gefangener und ermordeter Indianer, ein kleiner elektrischer Stuhl mit der Inschrift ″Execution is not the solution″, das Bild einer nackten geknebelten Frau, auf deren Brust ″Bosnia″ zu lesen ist. Es sei ihm wichtig, dass die Student_innen Unrecht auch non-verbal zum Ausdruck bringen können.

Prager Frühling

Begonnen habe sein Engagement im Europa der 1960er. Als junger Student ging Halperin an die Sorbonne nach Paris, wo er im Mai 1968 eine Protestbewegung erlebte, die zu einem wochenlangen Generalstreik gegen den vorherrschenden Konservatismus führte. Er bereiste auch die damalige Tschechoslowakei, zu jener Zeit, als der Prager Frühling durch die Truppen des Warschauer Paktes niedergeschlagen wurde. Als sich in sei­ner un­mit­tel­ba­ren Nähe am 16. Ja­nu­ar  1969 der Stu­dent Jan Pa­la­ch aus Pro­test gegen die Nie­der­schla­gung der Be­we­gung selbst ver­brann­te, be­schloss Hal­pe­rin sein Leben dem Kampf für Men­schen­rech­te zu wid­men.  Er ging 1971 nach Großbritannien, lernte dort Vertreter_innen von Amnesty International kennen, kehrte in die USA zurück und begann ein Jahrzehnt später seine akademische Karriere als Experte für Menschenrechte und Professor an der Southern Methodist University in Dallas.

Wer sich in den USA für Menschrechte einsetzt braucht Geduld ″

Halperin, der sich insbesondere für eine Abschaffung der Todesstrafe einsetzt, wurde bereits zwei Mal vor dem USKongress bei Protesten verhaftet. ″Wer sich in den USA für Menschrechte einsetzt braucht Geduld. Sehr viel Geduld,″ betont Halperin. In den USA gebe es nur 7 Universitäten, an denen man im Bereich Menschenrechte einen Abschluss erlangen kann. Südlich und westlich von Dallas, also in jenen Teilen der USA, in denen die Bevölkerung einen hohen Anteil an nicht-Weißen aufweist, gibt es keine einzige. Halperin zufolge, sei dies Ausdruck eines mangelnden Bewusstseins über die Probleme, die die USA selbst haben. Und die Probleme werde nicht weniger. In Dallas leben derzeit 39% Latinos, ein Großteil von ihnen erfährt nicht die gleichen Zugangschancen zu Bildung und Wohlstand, wie die weiße Bevölkerung. Auch für Afro-amerikaner_innen sei die Erfüllung des amerikanischen Traums kein leichter. Dies spiegele sich in der Politik wider.

Sind Patriotismus und das Sprechen über Menschenrechte unverträglich?

Ein großes Problem sei, dass es keinen politischen Diskurs über Menschenrechtsverletzungen in den USA gebe. Es ist schlicht unpopulär und wird als Schwäche ausgelegt. Politik werde noch immer zum großen Teil von weißen Männern gemacht. Mit Präsident Barack Obama kam eine Hoffnung, die spätestens seit dem Ergebnis der midterm-elections, bei welchen die Republikaner die Mehrheit im Senat erringen konnten, vollends verflogen zu sein scheint. Für Halperin war bereits 2012, im Jahr der Wiederwahl Obamas, klar, dass dieser die Politik George W. Bushs in Sachen Menschrechte fortführen würde. Während sich Obama in seinem Wahlkampf 2008 noch dem Thema des Irakkrieges und der Folter widmete, verschwand dieses Thema 2012 vollkommen.

Problematisch sei, dass die Demokraten immer weiter nach rechts rückten und dies, seit den 1960er Jahren. Hillary Clinton sei das perfekte Beispiel für die aktuelle Tragödie der Demokraten: Sie befürworte den Einsatz von Drohnen, die Errichtung einer Mauer zwischen den USA und Mexico und -wie alle Präsidenten vor ihr- die Todesstrafe.

″Es ist und bleibt ein Kampf″

″Wir waren damals, als wir das Menschenrechtsprogramm am Institut für Geschichte etabliert haben, die fünfte Universität, die einen Abschluss in diesem Bereich in den USA ermöglicht.″ Die Student_innen durchlaufen ein umfassendes Programm, müssen 20 Stunden Sozialdienst leisten und nehmen an Reisen zu Holocaust-Gedenkstätten, nach Armenien, Südafrika oder Vietnam teil. Es gehe darum, ihnen Bilder zu vermitteln, ihnen zu zeigen, dass es sich bei Menschenrechten nicht um abstrakte Vorstellungen und erreichte Ideale, sondern um konkrete Probleme und immer noch stattfindende Verbrechen an der Menschheit handelt. ″In der Schule lernen sie es nicht″, so Halperin. Zwar werde über Sklavenhaltung und die Vertreibung der nordamerikanischen Indianer im Geschichtsunterricht berichtet und die Geschehnisse als Verbrechen durch die weißen Einwanderer anerkannt, dass es allerdings auch im heutigen Amerika Menschenrechtsverletzungen gebe, sei vielen nicht bekannt. Sie lernen es schlicht nicht.

Halperin ist nicht unumstritten in den USA. Er ist radikal. Er weiß, dass die Zunahme an Menschenrechtsverletzungen weltweit radikale Antworten verlangt. Er liefert sie. Als ich ihm mitteile, dass ich tags zuvor durch den Bürgermeister zur Ehrenbürgerin von Dallas ernannt wurde, lacht er. ″Nun, wissen Sie, ich glaube sie würden mich auch zum Ehrenbürger machen, aber nur nachdem ich die Stadt verlassen habe. Dies wäre in ihren Augen mein größter Verdienst.″

Derzeit forscht Halperin zur Dehumanisierung von Individuen vor US Gerichten und vergleicht die verwendete Sprache mit jener im nationalsozialistischen Deutschland. Es gebe viele Parallelen, die zeigen, dass die Strategien doch immer die gleichen bleiben: Individuen die Menschlichkeit absprechen.

 

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