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Integration im österreichischen Bildungssystem: leider ein Fleckerlteppich!

27.02.2017 Hannes Sokopp

Integration ist und bleibt eine der erfolgskritischen Herausforderungen für unsere Gesellschaft. Knapp 24 Prozent der Schüler_innen in Österreich sprechen eine andere Umgangssprache als Deutsch. Das ist um rund acht Prozentpunkte mehr als noch vor zehn Jahren. In Wien beträgt der Anteil sogar bereits 50 Prozent.

Fleckerlteppich

Wie reagiert das Bildungssystem darauf?
Zu langsam und ohne erkennbarem Gesamtkonzept – ohne Vielfalt, aber mit einigen Unterschieden. Wir haben im Bildungsbereich unterschiedliche Integrationstöpfe, die unterschiedliche Maßnahmen setzen und unterschiedlich hoch dotiert sind. Das ist symptomatisch für den Integrationsbereich. Es ist nicht nur ein Fleckerlteppich, der hier bearbeitet wird, sondern eine Vielzahl an unterschiedlichen Fleckerlteppichen die teilweise übereinander liegen, während an anderen Stellen riesige Lücken klaffen. Ein Gesamtbild – ein strategisches Konzept –  ist jedenfalls nicht erkennbar. Das zeigt auch der  Rechnungshofbericht „Schüler_innen mit Migrationshintergrund, Antworten des Schulsystems“ .
Ein Auszug daraus: „Das BMB kann keine Angaben über die tatsächlich angefallenen Ausgaben für den muttersprachlichen Unterricht machen. Dadurch fehlen dem BMB Grundlagen zur Steuerung sowie zur Sicherstellung von Kostenwahrheit und Transparenz.“ Ernüchternd und erschütternd.

Aber es gibt auch positive Entwicklungen. So werden einige Mittel aus dem sogenannten Integrationstopf II nach einem Sozialindex an die Schulen verteilt. Das bedeutet, dass Schulen mit besonders großen Herausforderungen auch mehr Mittel zur Verfügung gestellt bekommen.
Als Kriterien dafür gelten:
Der Anteil der Schüler_innen deren Eltern maximal Pflichtschulabschluss haben
Der Anteil der Schüler_innen mit ausschließlich anderer Erstsprache als Deutsch

In der Verteilung liegt (vielleicht) die Tücke – ein Gesamtkoordinator könnte Abhilfe schaffen
Die genannten Mittel werden durch die zuständige Schulbehörde verteilt und auch damit ergeben sich fallweise unnötige Herausforderungen. So kommen die zugestandenen Mittel mitunter nicht, oder sehr spät an den Schulen an. Das bestätigt auch die NMS-Direktorin Andrea Walach im Mittagsjournal am 25.2.2017 http://oe1.orf.at/player/20170225/460806: Laut Sozialindex stünden ihr mehr Unterstützungslehrer und Schulsozialarbeiter zu – aber das zusätzliche Personal ist schlichtweg nicht da. Wir haben zwar einen Integrationsminister, er scheint aber zu wenig Zeit zu haben, sich dieser Aufgabe ausreichend zu widmen.  Der erste Schritt wäre es also, eine_n Gesamtkoordinator_in für Integration zu implementieren, der Ministerien übergreifend das Thema Integration koordiniert.

Integration und das Erlernen einer (neuen) Sprache muss zudem bereits in den ersten – elementaren – Bildungseinrichtungen beginnen – denen endlich eine Aufwertung und wesentlich mehr Anerkennen gebührt. Aktuell handelt es sich hier nämlich um einen weiteren Fleckerlteppich auf der Bildungslandkarte Österreichs. Aufgrund der Kompetenzzersplitterung gibt es 9 verschiedene Regelungen in 9 Bundesländern. Ein Umstand, der in der Bildungspolitik, nach dringendem Handlungsbedarf schreit: zersplitterte Kompetenzen, uneinheitliche Arbeits- und Rahmenbedingungen in den Bundesländern, keine faire und leistungsgerechte Entlohnung, Personalmangel, Österreich ist zudem das einzige Land in der EU, das seine Kindergartenpädagog_innen nicht tertiär ausbildet. Es braucht endlich ein verbindliches Bundesrahmengesetz mit bundesweit einheitlichen und gesetzlich verbindlichen Standards auf höchstem Niveau für Qualität und Rahmenbedingungen in Kindergärten, Krippen aber auch für Tageseltern oder Kindergruppen.

Umfassende Schulautonomie für maßgeschneiderte und individuelle Konzepte
Die bürokratische Gängelung im österreichischen Schulsystem ist umfassend und oftmals kontraproduktiv. Wie bereits oben bemerkt, kann zudem aufgrund der vorhandenen Kompetenzteilung zwischen Bund und Ländern nicht sichergestellt werden, dass die bereitgestellten Mittel auch tatsächlich bei den Schüler_innen ankommen. Vor diesem Hintergrund ist es sinnvoller, finanzielle Ressourcen für die Integration direkt den Schulstandorten– als autonom verfügbares aber zweckgewidmetes Qualitätsbudget – zur Verfügung zu stellen. Dort arbeiten die Profis vor Ort. Ihnen ist als Expert_innen zuzutrauen, dass sie dieses Budget bestmöglich einsetzen. Der Bund hat dabei die Qualitätsziele zu formulieren und deren Erreichung zu kontrollieren. Das BMB die Umsetzung zu begleiten, zu evaluieren und in beratender Funktion den Schulen zur Verfügung zu stehen. Das Geld muss dabei den Schüler_innen folgen. Damit hätten Schulstandorte die Möglichkeit, nach den jeweiligen Bedürfnislagen Fachpersonal (wie zum Beispiel Sprachlehrer_innen, Sozialarbeiter_innen, Lerncoaches usw.) einzusetzen. Die Schulstandorte sollen in Rücksprache mit dem Schulgemeinschaftsausschuss eigenverantwortlich entscheiden, welches Fachpersonal benötigt und beschäftigt wird. Damit bekommen die Schulen die Möglichkeit, die mit der Ankunft von Flüchtlingskindern einhergehenden Herausforderungen unbürokratisch, autonom und damit treffsicher anzugehen.

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Mit dieser Maßnahme, würde diese Entwicklung von maßgeschneiderten Konzepten an den jeweiligen Schulstandorten befeuert und gleichzeitig strukturiert werden.

Aufgabe der Politik ist es in diesem Zusammenhang, fixe Räume für Freiräume zu schaffen und Kooperationen zwischen den Schulstandorten zu forcieren. Damit geben wir den Verantwortlichen und Betroffenen die nötige Freiheit und Verantwortung, um in individuelle Konzepte und Lösungen zu kommen.