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Menschen wissen, was sie denken, wenn sie sehen, was sie sagen.

Kürzlich war gegenderte Sprache Thema im Nationalrat – auf Initiative des FPÖ Abgeordneten Wolfgang Zanger, der einen Antrag zur Abschaffung des Binnen-Is einbrachte. Gleichzeitig wurde die Rückkehr zum Text der Bundeshymne ohne „Töchter“ gefordert. (Siehe Parlamentskorrespondenz Nr. 37 vom 21.01.2015)

Beide Anträge wurden mit deutlicher Mehrheit abgelehnt – aber immer noch zeigen sich in Redebeiträgen erstaunliche Denkmuster. Selbst Frauen sprechen zum Teil – je nach politischer Heimat – dem Gendern jegliche Wirkung ab.
NEOS Abgeordneter Michael Pock hat in einer differenzierten, aber eindringlichen Rede auf wissenschaftliche Belege für die Notwendigkeit und Wirksamkeit geschlechtergerechter Sprache hingewiesen.

Ein kurzer Streifzug durch Philosophie und Soziolinguistik soll einige Belege dazu liefern:

Die Grenzen meiner Sprache bedeuten die Grenzen meiner Welt. meint Ludwig Wittgenstein. Sprache ist für ihn folglich Ausdruck des Denkens – und darüber hinaus. Die Bedeutung von sprachlichen Ausdrücken – von Wörtern und Sätzen – ist einzig durch ihren Gebrauch geprägt. Daher kann es keine Wirklichkeit und wohl auch kein Denken über den Sprachgebrauch hinaus geben.

Der Impact dieser Haltung auf geschlechtergerechte Sprache ist eindeutig – und jener auf das Mensch-Sein als solches ebenso, beschrieben oftmals in Geschichte und Literatur.

Traurige Legende sind die Experiment des ägyptischen Königs Psammetich I sowie des Kaisers Friedrich II. Ersterer setzte zwei neugeborene Kinder bei einem Ziegenhirten in der Wildnis aus, dem jedoch verboten war, mit den Kindern zu sprechen. Immerhin lernten die Kinder wie Ziegen zu meckern. Wohingegen Das Experiment Friedrichs II zum Tod der Kinder führte.
Sprache formt nicht nur Denken und Sozialverhalten, sie kann Lebensgrundlage sein!

Die Sapir Whorf-Hypothese (siehe: Edward Sapir und Benjamin Lee Whorf ) aus den 1950er Jahren postuliert:
Sprache formt unser Denken“ – noch klarer als bei Wittgenstein wird hier der Einfluss der Sprache auf unser Denken und somit Verhalten als soziale Wesen.

Sapir/Whorf erforschen, wie sich eine bestimmte Sprache mit ihren grammatikalischen und lexikalischen Strukturen auf die Welterfahrung einer Sprachgemeinschaft auswirkt. Ihre Arbeit gründet auf scheinbar banalen Beispielen für die Prägung von Denken durch Sprache aus dem betrieblichen Alltag in einer Brennerei: Die Isoliermasse der Destillierkolben ebendort war aus gerührtem Kalkstein hergestellt. Die Arbeiter nannten das Material schlicht Kalkstein. Bis eines Tages der Kalkstein zu brennen begann. Was war passiert? Das Wort „Stein“ in der Benennung des Isoliermaterials führte dazu, dass allgemein angenommen wurde, dass dieses unbrennbar sei. Dämpfe des Feuers unter dem Destillierkolben aber drangen in das poröse Material ein, chemische Reaktionen formten Azeton und somit war der vermeintlich unbrennbare Stein brennbar.

Eine analoge Beobachtung machte übrigens die Sprachwissenschaftlerin Lera Boroditsky: Sie stellte fest, dass bei Aborigines bereits Kleinkinder zielsicher und präzise die Himmelsrichtungen benennen und natürlich anzeigen können. Warum? Im Sprachgebrauch der Aborigines gibt es kein links und rechts – jede Position wird über Himmelsrichtungen bezeichnet – wodurch räumliches Denken sich immer an diesen orientiert.

Analog dazu lässt sich die Hypothese aufstellen, dass konsequente Verwendung geschlechtergerechter Sprache zur Überwindung der manifesten sexistischen Denkmuster führt.

Gewaltfreie Kommunikation nach Marshall Rosenberg
Auch Rosenberg stellt eindeutige Zusammenhänge von Sprach- und Denkmustern fest: Die GFK (Gewaltfreie Kommunikation) meint eine bestimmte Art des Umgangs miteinander, die den Kommunikationsfluss erleichtert, der im Austausch von Informationen und im friedlichen Lösen von Konflikten notwendig ist.

Dabei wird der Fokus der Kommunikation auf Werte und Bedürfnisse gelegt, die alle Menschen miteinander teilen. Die GFK leitet mit Hilfe ihrer vier Komponenten (Beobachtungen, Gefühle, Bedürfnisse und Bitten) dazu an, durch Veränderung von Sprache und Sprachgebrauch eine Veränderung im Denken zu bewirken.
Gewaltfreien Kommunikation zielt darauf ab, das eigene Denken und die eigene Sprache zu reflektieren und zu verändern – um letztlich kollektive Denkmuster und die dominante Sprache zu verändern. Durch die Veränderung des Denkens wird gleichzeitig auch das Verhalten der Einzelnen beeinflusst. Eine 2007 von Burleson, Martin und Lewis durchgeführte Studie belegt, dass sich die Anwendung der gewaltfreien Kommunikation insbesondere in verbesserten Beziehungen, einer bewussteren Wahrnehmung von Bedürfnissen und Gefühlen sowie in einem verbesserten Verständnis bzw. in einer insgesamt verbesserten Kommunikation manifestiert.

Geschlechtergerechte Sprache
Die in einem Text verwendeten Formulierungen haben einen signifikanten Einfluss auf die Assoziationen und Reaktionen der Leserinnen und Leser, denn die Sprache steuert die kognitiven Funktionen wie Wahrnehmung, Bewertung von Sachverhalten, Gedächtnisspeicherung oder Problemlösung der Sprecherinnen und Sprecher.“ – meinen Luise F. Pusch und Senta Trömel-Plötz, die Begründerinnen der feministischen Sprachwissenschaft und untermauern somit die Erkenntnisse der oben genannten Herren.

Geschlechtergerechte Sprache ist ein wichtiges Instrument, um unsere Gesellschaft nachhaltig und tatsächlich zur Gleichberechtigung zu führen, denn sie beeinflusst Wahrnehmung, Denken und unsere Realität. Geschlechtergerechte Formulierung besteht aus der Sichtbarmachung (Mitarbeiter und Mitarbeiterin), der Verwendung neutraler Formen (Mitglied) und der Vermeidung bestimmter Formulierungen (generisches Maskulinum).
Sprache kann darüber „gesellschaftliche Realitäten stabilisieren oder verändern, Stereotypen über die Rollen von Frauen und Männern verstärken oder ihnen entgegenwirken.“ (Pusch/Trömel-Plötz).
Die Nichtverwendung der weiblichen Form in unserer Sprache bedingt, dass Frauen und deren Leistung und Platz in der Gesellschaft, einer sozialen Gruppe oder im Beruf unsichtbar gemacht werden. Wird ausschließlich in der männlichen Form gesprochen, manifestiert sich im Gehirn der Eindruck, dass es in der jeweiligen Sache auch nur um Männer geht, auch wenn Frauen implizit mitgemeint wären.

Übrigens: Sprache lebt und wird seit jeher verändert und adaptiert. Es ist an der Zeit, Geschlechtergerechtigkeit einzuführen. Ganz normal, als Teil unser aller Entwicklung.

Evidenzen für den zirkulär kausalen Zusammenhang von Sprache und Denken (Sprache formt Denken formt Sprache) sind also zahlreich und deren Negation nichts anderes als das Verleugnen objektiver Realitäten vor dem Hintergrund unveränderlicher Denkmuster – oder auch: Konservativer, männlich geprägter Weltbilder.

Arbeiten wir an unsere Sprache und wir arbeiten an unserer Welt – denn, wie Friedemann Schulz von Thun meint: Kommunikation ist nicht weniger als Lebenskunst.

 

 

 

 

  • Joachim Losehand

    Dein Beitrag läßt leider vermuten, daß die philosophische Beschäftigung mit Sprache erst Mitte des 20 Jahrhunderts eingesetzt hat und sich nur vom Poststrukturalismus beeinflußte oder diesem nahestehenden Denker diesem Thema angenommen haben. Tatsächlich zeigt sich vonseiten der Verfechter „geschlechtergerechter Sprache“ (auch: geschlechtersensibel, geschlechterneutral, gender~ usw.) der grundlegenden Argumentationslinie im deutschen Sprachraum seit Luise F. Pusch keine wesentliche Weiterentwicklung. Nichts davon ist neu.

    Die ja nicht falsche Beobachtung, daß Sprache und Wirklichkeitswahrnehmung miteinander korrelieren (Sapir-Whorf, et al.) wird jedoch gerade in der feministischen Linguistik heruntergeprochen auf Funktions- und Personenbezeichnungen, wobei völlig ausgeblendet wird, daß „Sprache“ (i.S. auch von Wittgenstein) sich nicht im Wortschatz erschöpft, sondern Morphologie, Syntax und Aspekte (Fälle) usw. usw, umfaßt. Diese komplexe Wechselwirkung wird bei der Diskussion regelmäßig auf „grammatikalisches vs. natürliches Geschlecht“ reduziert und alle anderen Faktoren ausgeblendet..

    Die von Dir angeführte Beobachtung und Interpreation von Bo­ro­dit­s­ky läßt sich so auch nicht ohne weiteres auf „Geschlechtergerechtigkeit in der Sprache“ übertragen: Denn keineswegs sind Gesellschaften, deren Sprache kein grammatikalisches Geschlecht kennen, geschlechtergerechter oder geschlechterneutraler verfaßt. Bo­ro­dit­s­ky und auch Sapir-Whorf läßt sich auch genau umgekehrt interpretieren, heißt, daß Sprache nicht Wirklichkeit „schafft“, sondern Wirklichkeit „interpretiert“, d.h. das der Mensch mit seiner Sprache auf die zeifellos vorsprachlich und außersprachlich existierende Wirklichkeit reagiert und sich so die Wirklichkeit aneigent und in ihr zurechtfindet.

    In der Entwicklung verändert sich dann durch Kommunikation der Wortschatzt („Fremd“- und „Lehn“wörter) usw., es verändert sich aber auch bei anderen Entwicklungen der Wortinhalt. So hat Anatol Stefanowitsch mal in einer kurzen empirischen Untersuchung die Historie des Begriffs „Studierende“ (alternativ zu „Studenten) das Ergebnis zutage gefördert (Sprachlog. 18.11.11), daß wir im ab der Mitte des 19 Jhd. bis zur Jahrhundertwende eine quantitativ gleiche oder höhere Verwndung von „Studierende“ gegenüber „Studenten“ beobachten können. Ich kenne eine Stich von ca. 1848, der Untertitel ist – aus dem Gedächtnis – „Die Studierenden erstürmen das Zeughaus“ (Erg.: Am Hof in Wien). Zu sehen sind ausschließlich junge Männer. Wie Stefanowitsch richtig sagt, ist im 19. Jh. der Begriff historisch nicht als „geschlechtsneutral“ zu verstehen, so wie wir heute mit diesem Begriff eben „Geschlechterneutralität“ transportieren. Das heißt aber auch – und diesen Schritt macht Stefanowitsch nicht – daß der Begriff selbst unabhängig vom historisch-gesellschaftlichen Kontext selbst neutral ist und seine Bedeutung als „alle Geschlechter ansprechend“ nur im Kontext gewinnt. Was umgekehrt bedeutet, daß der Begriff „Student“ (Sg.) oder „Studenten“ (Pl.) für sich alleinestehend ebenfalls diese Neutralität besitzt und nur im Kontext geschlechtergerechter Sprachkritik aufgrund seines grammtikalischen Geschlechts als rein „mäünnlich“ identifiziert wird.

    Daß die Gleichberechtigung der Geschlechter so betont über Sprache verhandelt wird, ist historisch im den politisch-philosophisch Diskurs sehr stark beeinflussenden Dekonstruktivismus zu sehen, der sich vornehmlich der Sprache zuwendet und von ihr ausgeht. Aus meiner Sicht greift das in Summe zu kurz und ignoriert sogar, daß wir, um Begriffe (und wir reden ja immer nur über Begriffe, wenn wir „geschlechtergerechte Sprache (sic!)“ sagen), eben „sehen müssen, was wir sagen“. Es ist weitgehend nutzlos, wenn wir von „Astrophysikerinnen und Astrophysikern“ oder „Kindergärtnerinnen und Kindergärtnern“ sprechen, aber sich keine vor unserem inneren Auge präsentieren, weil wir keine männlichen Kindergärtner oder weiblichen Astrohphysiker kennen („sehen“). Ich weiß, die Ergebnisse psycholinguistischer Untersuchungen werden dahingehend interpretiert, daß, wer „Sängerinnen und Sänger“ liest, signifikant mehr Frauen mit Namen nennt, als wenn nur nach „Sängern“ (Pl.) gefragt wird. Das ändert aber nichts daran, daß da, wo nicht die Kategorie „Geschlecht“ inhaltlich relevant ist, sondern die Kategorie „Beruf“ oder „Status“ oder „Amt“ usw. angesprochen ist, die außersprachliche Realität konstituierend ist. Wer den Gebrauch des Begriffs „Ärzteschaft“ als Gesamheit aller in diesem Beruf Tätigen als nicht geschlechtergericht kritisiert, muß sich selbst kritisch fragen lassen, wie hoch die Wahrscheinlichkeit ist, daß rund die Hälfte aller in der Humanmedizin Tätigen nicht Teil dieses Begriffs ist. (Der Begriff „mitgemeint“ ist m.W. erstmal beim Phänomonoligen Husserl nachweisbar, dort i.Zshg. von „Wenn von Haus die Rede ist, ist das Dach und sind die Fenster mitgemeint“.) Vielleicht erklärt das ja, warum
    mindestens 95% der deutschsprachigen Textproduktionen (v.a. auffällig: die Belletristik) auf „geschlechtergerechte Sprache“ verzichten.

    Was uns zur grundsätzlichen Frage führt, ob die Kategorie „Geschlecht“ in allem und jedem, worüber wir sprechen, präsent sein muß, d.h. ob wir sprachlich immer alle sexuellen Identitäten an- und aussprechen müssen. Diese Antwort ist aber keine wissenschaftliche, sondern kann nur eine politische sein. (Nebenbei: Was bedeutet es für die Zukunft der Geschlechter, wenn die Sapir-Whorf umfassend zutrifft? Wird nach der sprachlichen Trennung in Geschlechter nicht auch – wieder – eine reale Trennung möglich werden, werden „Bürger“ andere Rechte und Pflichten haben als „Bürgerinnen“?)

    Im Umfeld femeinistischer Linguistik gibt es immer wieder innovative und spannende Ansätze und Modelle, wie die Entwicklung geschlechtergerechter Pronomen („xie“, ich glaube von Anna Heger), die zu ener Weiterentwicklung unserer Sprache in welcher Form auch immer beitragen werden und Zeichen von Lebendigkeit sind. Die „Apelle“ (mit oder ohne immer den gleichen wissenschaftlichen Argumenten) und die „Leitfäden“ sind es, die hier stören. Sprache ist ein Akt der Autonomie und es gibt objektiv sowohl Gründe für wie auch Gründe gegen die Verwendung von mehr oder mindert offiziell als „geschlechtergerecht“, „geschlechtersensibel“ oder „geschlechterneutral“ bezeichneten Formulierungen. Auch hier gilt doch „der Buchstabe tötet, der Geist aber macht lebendig“ (2. Kor. 3,6).