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Ökonomische Kompetenz: gemeinsam vorwärts statt im Kreis diskutieren

02.09.2015 Josef Lentsch

Heute war ich im Rahmen des Forum Alpbach bei einem Podium zum Thema Ökonomische Bildung.

Anlass war die Präsentation einer neuen Studie von Prof. Bettina Fuhrmann von der Wirtschaftsuniversität Wien, sowie die kürzliche Vorstellung einer ÖNB-Studie und Initiative zum selben Thema.

Warum das Thema so wichtig ist: Laut Prof. Fuhrmann

  • Leben 750,000 Menschen in Österreich in überschuldeten Haushalten
  • Mit einer durchschnittlichen Verschuldung von €67,000
  • Jede_r 3. Schuldner_in ist unter 30
  • 40% dieser Personen haben nur einen Pflichtschulabschluss

Der Durchschnitt der Befragten war 14 Jahre. Da die Umfrage an Schulen durchgeführt wurde, mussten die jeweiligen Landesschulräte genehmigen. Wie Prof. Fuhrmann anmerkte, lautete die Rückmeldung des Salzurger Landesschulrats: „Eine Studie zu ökonomischer Bildung ist nicht von Interesse“. Klar, das Land Salzburg ist ja auch für seine Finanzkompetenz berühmt.

Ernüchternde Erkenntnisse

Trotz der Vielzahl an Aktivitäten im Bereich Ökonomische Kompetenz, die es mittlerweile gibt, sind die Erkenntnisse der Studie ernüchternd:

  • Wirtschaftswachstum ist für die meisten ein unklares Konzept
  • Zwar werden wirtschaftliche Themen als sehr bedeutsam für das eigene Leben wahrgenommen, aber bei „erklären, warum wir wirtschaften“ und „beschreiben, welche Aufgaben der Staat erfüllt“ – fühlen sich viele unsicher
  • Bei einem Test des Wirtschaftswissens konnten im Durchschnitt nur 11 Aufgaben von 25 gelöst werden.
  • Fast jeder fünfte glaubt, wenn wir mehr Geld drucken, könnten wir die Steuern senken.
  • 40% glauben, der Staat entscheidet über die Preise der Produkte und Dienstleistungen.
  • Und ganze 60% glauben, ein hoher Mindestlohn senke die Arbeitslosigkeit.

Ein moderner Staat im 21. Jahrhundert braucht kritische und aufgeklärte Staatsbürger_innen – dafür braucht es auch ökonomische Kompetenz. Dass es hier Defizite gibt, ist schon lange bekannt. Was Lösungen anbelangt, hatte das Podium leider nicht allzuviel beizutragen.

Ökonomische Bildung die neue Politische Bildung?

Der Fokus auf formelle Bildung in Schulen, und die Feststellung, dass es ja schon eine Vielzahl von Studien gäbe, die immer wieder zu den gleichen Ergebnissen kommen, erinnerte dabei an eine andere Debatte: die um die Verbesserung der Politischen Bildung, die sich seit vierzig Jahren im Kreis dreht.

Ein Problem scheint zu sein, dass zu institutionalisiert und zu insularisiert gedacht und gehandelt wird. Dazu passend war kein_e Vertreter_in der Zivilgesellschaft auf das Podium geladen – eine Frage dazu quittierte der WKÖ-Moderator mit „Wir sind alle Zivilgesellschaft.“

If you want to go fast, go alone. If you want to go far, go together.

Was es für echte Verbesserung braucht, sind strategische Allianzen zwischen und Plattformen von öffentlichen Institutionen, Privatwirtschaft und Zivilgesellschaft (was die Vertreterin der OECD bestätigte, und ein anderer Podiumsteilnehmer als „Arbeitskreiskultur“ abkanzelte). Was es braucht, ist ein Fokus auf die Steigerung von Kompetenz statt eine Beschränkung auf formelle Bildung. Was es braucht, sind neue Methoden wie Gamification, die selbstgesteuertes Lernen möglich machen, statt nur auf Vermittlung durch Lehrpersonen zu fokussieren.

Effektive Ansätze für Lösungen sind also bekannt. Den Glauben daran, dass sie in absehbarer Zeit umgesetzt werden, hat die Podiumsdiskussion allerdings nicht erhöht.