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Wo Wertschätzung endet

20.07.2015 Josef Lentsch

Vor 70 Jahren beschrieb Karl Popper in Die offene Gesellschaft und ihre Feinde „das Paradox der Toleranz: Uneingeschränkte Toleranz führt mit Notwendigkeit zum Verschwinden der Toleranz.“

Demokratie ist nichts Selbstverständliches, sie braucht Grenzen um zu existieren. Die offene Gesellschaft muss sich wehren können. Sie mit laissez-faire zu verwechseln, heißt sie aufs Spiel zu setzen. Dazu ein anderer Philosoph, Michael Walzer:

„Eine offene Gesellschaft ist eine historische Errungenschaft – schwierig und langwierig zu erreichen, und immer gefährdet. Ist sie einmal verwirklicht, muss sie verteidigt werden; denn sie ist nicht selbsterhaltend, ganz im Gegenteil. Die Grenzen, von denen sie abhängt [etwa die Gewaltenteilung oder die Grundrechte], müssen behauptet und verteidigt werden gegen mächtige Feinde. Und diese Notwendigkeit erzeugt, ob wir es wollen oder nicht, harte Konflikte.“*

Gegen wen gilt es die offene Gesellschaft zu verteidigen?

  • gegen Populisten und Extremisten, die die offene Gesellschaft als ganze in Frage stellen, ihre Errungenschaften zerstören wollen, und für Menschenverachtung anstelle von Toleranz stehen.
  • gegen überbordende Bürokratie und Amtsinhaber, die ihren Einflussbereich auf Kosten der Bürger_innen laufend ausweiten. Stichworte wie Parteienförderung und Inserate schießen einem durch den Kopf: in Österreich, und ganz besonders in Wien, wurde so die offene Gesellschaft über die letzten Jahrzehnte systematisch ausgehöhlt und strukturell korrumpiert.

Zur Verteidigung der offenen Gesellschaft gilt es, beide mit klaren Worten zu konfrontieren und verantwortlich zu halten – auch wenn das, wie von Walzer beschrieben, zu harten Konflikten führt.

Wertschätzung endet dort, wo die offene Gesellschaft angegriffen wird.

 

*Vortrag Isaiah Berlin Konferenz, Harvard 2009; Übersetzung des Autors

  • Eva Marschall

    Gibt es denn so etwas wie „uneingeschränkte Toleranz“?? Sie kann nicht angewendet werden gegenüber destruktiven Mechanismen oder Verhalten, man würde gleichzeitig die Toleranz gegenüber dem Schutz der Gesellschaft und des Individuums über Bord werfen… Abgesehen davon, dass Toleranz häufig mit Duldung oder Gleichgültigkeit verwechselt wird! Nachdem Toleranz ( Persönlichkeits- ) Bildung, Ethik und Empathie voraussetzt, wir sie leider nie zum Massenphänomen! Derzeit fürchte ich mich eher vor zu eingeschränkter Toleranz!

  • Wolfgang Rohm

    Ein zuviel an Offenheit und Toleranz ist in Österreich derzeit ohnehin nicht feststellbar. Um „tolerant“ sein zu können, ist es notwendig, über die entsprechende Macht zu verfügen. Ohne Macht keine Toleranz. Wie könnte man auch tolerant sein, wenn man ohnehin Nichts zu sagen hat. Und diejenigen, die in Österreich derzeit was zu sagen haben, bemerken offenbar ihren offenen Machtmissbrauch nicht einmal mehr