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Platon Reloaded II- Themengruppen als demokratische Innovation

In einem ersten Blog zum Thema „Politische Partizipation als Wissensarbeit“ habe ich unter Verweis auf den „Politikos“ von Platon argumentiert, dass Wissensarbeit in der Politik nicht auf eine Technik zur Erhaltung von Macht reduziert werden darf. Sie muss zugunsten einer partizipativer Form der Auseinandersetzung mit politischen Inhalten aufgebrochen werden. Platon argumentierte zwar, dass der gekonnte Umgang mit Wissensbeständen eine zentrale Aufgabe des damals lediglich in seiner männlichen Form gedachten Politikers (eigentlich des Philosophen) ist, hat aber die Bedeutung von Wissensarbeit als Form der politischen Partizipation nicht erkannt.

Wissensarbeit als politische Partizipation zu verstehen ist mit der Annahme verbunden, dass die gemeinsame Erarbeitung von Wissen ein zentrales Element für funktionierende Demokratien darstellt und politische Partizipation erst ermöglicht. Dies ist von besonderer Bedeutung im parteipolitischen Kontext. Parteien haben, was ihre Rolle als Anknüpfungspunkt für die Beteiligungen von Bürger_innen angeht, an Bedeutung verloren. Gleichzeitig ist das Bedürfnis von Bürger_innen sich zu beteiligen, bzw. das Bedürfnis nach alternativen Räumen und Formen der Beteiligung – so unsere Annahme – gestiegen. Im Zeitalter der sogenannten Wissensgesellschaft, die mit einer Demokratisierung des Wissens einhergeht – etwa aufgrund des erleichterten Zugangs zu Wissen und Information –, hat sich die Art der Kommunikation und die Entstehung von Wissen verändert. Wissenserwerb ist verbunden mit Selektion, also der Frage, welches Wissen für wen und in welchem Kontext von Bedeutung ist. Selektion ist notwendig, um Komplexität zu reduzieren. Gleichzeitig aber bedeutet Selektion auch Exklusion, weswegen Wissenserwerb und Wissenserzeugung mit Deutungshoheit und Machtverhältnissen einhergeht.

Vor diesem Hintergrund bedeutet gemeinsame Wissensarbeit an der Schnittstelle zwischen Parteipolitik und Zivilgesellschaft per se ein Mehr an Demokratie, an politischer Bildung und Beteiligung und eine Öffnung der Gesellschaft. Dieses Politik- und Demokratieverständnis befruchtet die Wissensarbeit bei NEOS, die auf dem Engagement von inzwischen mehr als 1500 Mitarbeiter_innen in über 100 Themengruppen bundesweit besteht. (Auf Bundesebene sind 30 Gruppen aktiv).

Die Themengruppen sind das pulsierende Herz der langfristigen programmatischen Arbeit von NEOS und Teil von NEOS Lab. Sie stehen im Zentrum eines NEOS Lab Forschungs­projektes, das sich mit der Frage beschäftigt unter welchen Bedingungen Wissensarbeit als Form politischer Partizipation funktionieren kann. Die Themengruppen stehen hierbei für das, was NEOS Lab unter partizipativer Wissensarbeit im parteipolitischen Kontext versteht. Sie fungieren daher als experimenteller Raum für demokratische Innovationen, die NEOS Lab nicht nur gestalten sondern auch wissenschaftlich begleiten möchte. Als ersten Schritt hierzu haben wir im Jänner 2014 eine Onlineumfrage unter Tahemengruppenleiter_innen und Mitgliedern durchgeführt, mit dem Ziel mehr über die Eigenwahrnehmung, die Bedürfnisse und Ziele der einzelnen Gruppen zu erfahren. In weiterer Folge wurden die Themengruppen Kernbestandteil der inhaltlichen Arbeit des NEOS Labs. Als demokratische Innovation stehen sie im Zentrum der Vision, Wissensarbeit und ziviles Engagement als Modus politischer Partizipation und eventuell auch als neues Narrativ für Europa zu begreifen.

Im Rahmen der ersten NEOS Lab Publikation mit dem Titel „Wissensarbeit als politische Partizipation: Themengruppen als demokratische Innovation – Hintergrundinformationen“ werden die Ergebnisse der Studie und die Grundlagen für die Weiterentwicklung der Themengruppen als demokratische Innovation präsentiert. Auch enthält der Bericht eine zusammenfassende Betrachtung der Ergebnisse, auf dessen Grundlage die unterschiedlichen Funktionen der Themengruppen benannt werden.
Die Publikation schließt mit Empfehlungen, die in 9 ½ Punkten aufgelistet werden und die langfristige Vision für die Weiterentwicklung der Themengruppen widerspiegeln.

Studie: Wissensarbeit als politische Partizipation
Studie: Wissensarbeit als politische Partizipation