« Zurück zur Übersicht

Platon Reloaded: Politik als Wissensarbeit?

Die Anforderungen an das Profil einer Politikerin oder eines Politikers haben sich im 21. Jahrhundert auch durch die Digitalisierung des Alltags und den Imperativ einer uneingeschränkten Authentizität verändert. Die Beschleunigung des politischen, aber auch des gesellschaftlichen Lebens scheint ernstgemeintes, zukunftsorientiertes und evidenzbasiertes politisches Handeln ad absurdum geführt und unmöglich gemacht zu haben; ein Zustand der zahlreiche Gefahren birgt. Was aber kann und soll die oder der Politiker_in eigentlich leisten und wäre angesichts der vielfältigen Herausforderungen ein Neuentwurf dessen was politisches Handeln in seinem Kern ausmacht nicht dringend notwendig?

Dieser Frage stellte sich bereits Platon, zu einer Zeit, als das Recht auf politische Teilhabe auf eine Minderheit beschränkt war, aber auch zu einer Zeit als das Nachdenken über Politik aus unserer Perspektive noch etwas Visionäres innehatte. In seinem Spätwerk „Politikos“ geht Platon der Frage nach dem Wesen des (damals ausschließlich in seiner männlichen Ausprägung gedachten) Staatsmannes nach. Zudem geht es ihm darum festzustellen, worin eigentlich die Aufgabe der „wahren Staatskunst“, also des politischen Handelns besteht. Wie in Platons Werken üblich, arbeitet er sich an diesen Fragen ab, indem er ein fiktives, literarisch angehauchtes Gespräch zwischen zwei Personen, Sokrates dem Jüngeren und einem Fremden, wiedergibt. Gemeinsam versuchen die beiden auf Grundlage eines dialogischen (oder besser gesagt dialektischen) Prinzips zum wahren Wesen und zur eigentlichen Aufgabe des Staatsmannes vorzudringen. Hierbei stoßen sie insbesondere deswegen auf zahlreiche Schwierigkeiten, weil sie merken, dass sehr viele Aufgaben, die für den Erhalt und die Stabilität der Gesellschaft notwendig sind, nicht vom Staatsmann, sondern von anderen Personen und (Berufs-)Gruppen durchgeführt werden. Wozu braucht es also den Staatsmann?

Zur Klärung dieser Frage führt Platon die Metapher des „Webens“ ein. Das Tuchweben ist eine Kunst, die vieler anderer Künste bedarf (z.B. der Herstellung von Fäden durch das Spinnen) und im weitesten Sinne darin besteht, aus unterschiedlichen Elementen einen einheitlichen und stabilen Stoff herzustellen, der zum Beispiel in Form eines Kleidungsstücks die Funktion hat zu wärmen, also im weitesten Sinne die Bevölkerung zu schützen auf eine Weise, die über militärischen Schutz hinausgeht und die Befriedigung von Grundbedürfnisse betrifft.

Übersetzt besteht die Kunst des Regierens also darin, Elemente der Gesellschaft, unterschiedliche Identitäten, Narrative, Diskurse und Bedürfnisse so miteinander zu verbinden, dass sie einen Zusammenhalt trotz Diversität ermöglichen. Hierzu gehört Platon zufolge auch eine kluge Personalpolitik und die Einbindung von Expert_innen, damals vor allem des Philosophs. Wissen im Allgemeinen und Fachwissen im Besonderen sind hierbei zentrale Elemente. Platon definiert Wissen als „begründete wahre Meinung“ (justified true belief) und unterscheidet u.a. zwischen Erfahrungswissen, das jede_r in der Auseinandersetzung mit Realitäten erwirbt und Fachwissen, das immer auf Methoden beruht, auf welche sich die Mehrheit der Expert_innen zuvor geeinigt hat. Begründetes Wissen über die Gesellschaft in Kombination mit einem Blick für das richtige Maß sei im Idealzustand, Platon zufolge sogar ausreichend, um Gesetze zu ersetzen. Ein weniger an Gesetzen fördere Innovation und Fortschritt, andererseits brauche es Gesetzte um Willkürherrschaft zu verhindern. Wissensarbeit avanciert zur Alternative für diktatorisches, nicht legitimiertes, korruptes und nicht im öffentlichen Interesse stehendes politisches Handeln. Wozu braucht es also den „Staatsmann“?

Meine Interpretation: Zur Strukturierung von Wissensarbeit, die nötig ist, wenn man „optimales Regieren“, so wie es Platon tut, mit der Orientierung an wissenschaftlichen Grundsätzen und Erkenntnissen verbindet. Ein wichtiges Element des Regierens, allgemeiner ausgedrückt des politischen Handelns, besteht in der Zusammenführung von Informationen und der Herstellung von Wissen über die optimale Ausgestaltung gesamtgesellschaftlicher Prozesse. Die Überlegenheit des optimalen Staatsmannes bestehe zudem in seiner Fähigkeit vor dem Hintergrund seines Fachwissens das richtige Maß zu finden für die Ordnung der Gesellschaft. Bei Platon, wie auch bei Aristoteles, spielen hier auch die unterschiedlichen Gemüter und Charaktere der Menschen eine Rolle, die es so zu kombinieren und „verflechten“ gilt, dass das Konfliktpotential minimiert und die Harmonie in der Gesellschaft aufrechterhalten werden kann

In unsere heutige Zeit projiziert erlaubt diese Erkenntnis die Frage nach der Ausgestaltung von Demokratie neu zu stellen. Zwar scheint Wissen und Information über den Zugang zu Bildung und die Digitalisierung von Wissensbeständen weitestgehend demokratisiert, was jedoch als wahres Wissen gilt, das zur Legitimierung politischer Entscheidungen herangezogen wird, bleibt oftmals Sache der Entscheidungsträger_innen. Welche Expert_innen herangezogen, welche Gutachten für glaubwürdig und welche Daten für relevant erklärt werden bleibt verbunden mit den Träger_innen von Problemdeutungshoheit und der Macht.

Politik ist Wissensarbeit und eine Veränderung politischer Rahmenbedingungen erfordert nicht nur eine Reform des rechtlichen Rahmens, sondern auch eine Änderung der Art und Weise wie politisch gehandelt und „gewusst“ wird. Die Reduktion von Wissensarbeit auf eine Technik zur Erhaltung von Macht muss aufgebrochen werden zugunsten einer partizipativer Form der Auseinandersetzung mit politischen Inhalten und gesellschaftlichen Rahmenbedingungen. Politiker_innnen nehmen hierbei eine wichtige Rolle als Gatekeeper_innen für relevantes Wissen ein und werden hierdurch zu zentralen Figuren des Wissensmanagements und der Problemdeutungshoheit. Dies sollte kritisch reflektiert und als Ausgangspunkt herangezogen werden für die Herstellung von Räumen, in denen Wissensarbeit als Form der politischen Partizipation stattfinden und politischen Wandel einleiten kann.

Dies ist nicht nur Anspruch von NEOS Lab sondern Kerngedanke der Themengruppen, die als experimentelle Räume partizipativer Wissensarbeit gedacht sind und wesentlich zu evidenzbasierter Politik bei NEOS beitragen.