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Politische Partizipation als neues Narrativ für Europa?

Bei der Veranstaltung New Narrative: Ein neues Leitmotiv für Europa am 13.5.2014 im Haus der Europäischen Union diskutierten Franz Fischler (Präsident des Europäischen Forum Alpbach), Martin Eichtinger (Botschafter und Sektionsleiter der Auslandskultur), Artemis Vakianis (Sprecherin von AiM – Alpbach in Motion), Anika Nussgraber (Studentin) und Richard Kühnel (Leiter der Vertretung der Europäischen Kommission in Österreich) über die Entwicklung eines neuen Narrativs, also Leitmotivs für die Europäische Union.

Derzeit herrscht in Europa eine deutliche Diskrepanz zwischen einem objektivem Befund und der subjektiven Wahrnehmung der Europäischen Union. Auf der einen Seite, so Fischler, verlangt man von der EU Mammutaufgaben wie beispielsweise eine schnellstmögliche Senkung der Jugendarbeitslosigkeit in Europa. Auf der anderen Seite sind aber drei von vier Österreicher_innen mit der Richtung, in welche sich die EU entwickelt, unzufrieden.
Basierend auf dieser nicht nur in Österreich vorherrschenden Stimmung, entschlossen sich die Europäische Kommission und das Europäische Parlament die Frage zu stellen, auf welchem geistigen Fundament Europa nun aufgebaut werden soll. Um hier Klarheit zu schaffen und um eine neues Narrativ zu entwickeln, formulierten die Mitglieder des Kulturausschusses ein neues Leitmotiv für Europa.
Dieses, so Fischler, kann zusammengefasst als „Mens sana in corpore sano“ bezeichnet werden. Fischler deutete den gesunden Geist als „die moralische Instanz Europa“, die die Bürger_innen inspirieren soll. Den gesunden Körper interpretierte Fischler als das gesunde Zusammenspiel aller Elemente (Politik, Wirtschaft, Kultur, etc.).

Martin Eichtinger verwies in der Diskussion auf die zentrale Rolle, die die Kultur im Prozess einer Identitätsbildung spielen muss, appellierte aber gleichzeitig an die Eigenverantwortung des/der Einzelnen, diesem großartigen Projekt eine eigene Identität zu geben. Als den Kern dieser Identität sehen aus seiner Sicht junge Menschen dabei hauptsächlich den Frieden.

Dem widersprach Annika Nussgraber und stellte fest, dass Europa eine neue Identität braucht, die auf die Gemeinsamkeiten statt wie bisher auf Unterschiede fokussiert. Denn mit dem Claim „in Vielfalt geeint“ kann man aus ihrer Sicht nicht die Herzen der Menschen erreichen, die sich nicht als Teil von Europa fühlen. Man solle sich darauf konzentrieren, die Angst vor dem Fremden zu nehmen und die Gleichheit und nicht die Unterschiede zu betonen.

Artemis Vakianis hakte hier ein und widersprach, denn Unterschiede zu anderen spielen bei der Identitätsbildung eine zentrale Rolle. Gleichzeitig bestärkte Sie aber Nussgraber und merkte an, dass es besonders positive Emotionen sind, die auch die „Zweifler“ berühren und sie für ein gemeinsames Europa begeistern können.

Es stellt sich nun also die Frage, welches das neue Leitmotiv Europas sein könnte? Was folgt auf Frieden und Wohlstand?
Hier argumentierte Fischler dafür, dass es einen wirklichen europäischen Think Tank, der sich mit neuen politischen Konzepten beschäftigt, die heutigen Methoden in Frage stellt und gleichzeitig ein systemisches Denkmodell verfolgt, dringend benötige. Denn nur mit intensivem Nachdenken, so Fischler, können wirklich neue Lösungen, seien es nun wirtschaftliche, gesellschaftliche oder politische, entwickelt werden. Besonders bei komplexen Aufgabenstellungen muss man sich vom rein logischen Denken lösen und durch das Einbinden einer Vielzahl an Denkansätzen (Künstler, Wissenschaftler, Politiker, Wirtschafter, etc.) Neues schaffen. Im Zusammenführen von unterschiedlichen Expertisen und Hintergründen liegt also die wahre Innovationskraft.

Ich bin überzeugt davon, dass das NEOS Lab ein solcher Think Tank werden kann. Der NEOS Weg Politik zu begreifen und zu leben, stellt uns als Lab vor eine große Herausforderung: Wie kann Politik und politische Partizipation im 21. Jahrhundert aussehen? Eine Akademie sollte aus meiner Sicht einen Raum für kritisches Denken, für selbstbestimmtes Lernen und für einen offenen Diskurs schaffen, wo Menschen mit den unterschiedlichsten Hintergründe und Expertisen zusammenkommen und ihre Ideen einbringen können. Die NEOS Themengruppen sind für mich der Kontext des Zusammenkommens und das NEOS Lab stellt die Räume zur Verfügung, „in denen Wissensarbeit als Form der politischen Partizipation stattfinden und politischen Wandel einleiten kann“ (Vadrot, 2014).

Ich glaube zutiefst, dass politische Partizipation durchaus ein neues Narrativ und identitätsstiftend für Europa sein kann. War es zuerst die Sehnsucht nach Frieden, dann das Streben nach Wohlstand, so ist es aus meiner Sicht nun der Wunsch nach politischer Teilhabe. Man muss den Bürger_innen also die Chance geben nicht mehr nur ihre Konsumbedürfnisse, sondern eben auch ihre Sinnbedürfnisse zu befriedigen. NEOS bietet diese Chance indem es eine Teilhabe an Politik ermöglicht, die Themengruppen geben dafür den Kontext und die Akademie schafft den nötigen Raum. Also auf geht‘s, gestalten wir aktiv ein neues Narrativ für Europa! Gemeinsam!