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Rethink Civil Society. Wer rettet die Welt? Bericht und Reflexion, Teil 1

Unter sehr ambitioniertem Titel fand am 26.05.2014 auf der WU der 12. NPO Tag statt. Vorträge (Christoph Badelt, Roland Roth, Ruth Simsa, Eva More-Hollerweger, Michael Meyer, John Clark, Andreas Novy) und der „NPO-Jam“, kleine Diskussionsrunden am Nachmittag (u.a. mit dem Bundesgeschäftsführer der Grünen, Stefan Wallner) haben jedoch wenig zur Beantwortung der Frage beigetragen.

Wer oder was ist denn die Zivilgesellschaft? Oder, frei nach Henry Kissinger, wen rufe ich denn an, wenn ich mit der Zivilgesellschaft sprechen will? Oder, noch mal andersrum: Braucht die Politik die Zivilgesellschaft?

Neben diesen gestellten Fragen wären aber potentiell noch viel brennender jene, wer oder was denn die Zivilgesellschaft von heute und morgen sein kann, wie die Politik diese aktivieren, motivieren, zur Partizipation einladen und welche Rolle diese neue Zivilgesellschaft bei der Ablöse der alten repräsentativen Parteiendemokratie spielen kann.

Rolle der Zivilgesellschaft

Zivilgesellschaft, sind sich alle Vortragenden einig, ist so etwas wie außerparlamentarisches Engagement, das bestimmte Ziele zur Veränderung der gesellschaftlichen, politischen, sozialen, wirtschaftlichen Rahmenbedingungen verfolgt. Zivilgesellschaftliche Betätigung hat immer das Moment des Protestes auf ihrer Seite, hat oft mit Engagement dort zu tun, wo die Politik, der Staat ihre Aufgaben nicht entsprechend wahrnehmen. Eine der klassischen Funktionen von NGOs, die Kontrolle von Staaten, sei sicherlich ausbaufähig, auch darüber herrscht Konsens.

Jetzt frage ich mich aber:

Sind Zivilgesellschaft (wer auch immer diese nun genau sein möge) und Politik wirklich notgedrungen Antagonisten?

Kann/soll die Zivilgesellschaft, also von mir aus der politisch/sozial/gesellschaftlich aktive Teil der Gesamtgesellschaft, nicht der Souverän und als solcher Teil der politischen Sphäre sein – statt deren Antagonist?

Und kann in dieser Rolle die Zivilgesellschaft nicht die überholte Parteiendemokratie ablösen?

Gesellschaftliche Herausforderungen

Wir stecken mitten in jeder Menge Krisen. Bankenkrise, davon ausgelöst Staatsfinanzkrise und durch deren Bewältigungsversuche entstandene Folgekrisen in den Staaten Europas. Die Herausforderungen der initialen Krise des Jahres 2008 sind noch nicht bewältigt, nur aufgeschoben, Es ist nur „gekaufte Zeit“, die wir jetzt konsumieren.

Wann tauchen die ersten kompensatorischen Rückkopplungseffekte auf – oder sehen wir diese längst als Auswirkungen der Austeriätspolitik in den Ländern des Südens Europas? Emmanuel Todt meint, Euro und Sparpolitik zerstörten die Gesellschaften Südeuropas. Muss man nicht so sehen, aber man kann auf jeden Fall Fragen, ob die von Frau Merkel und Herrn Draghi verabreichte Medizin möglicherweise die Ursache für die Krise von Morgen ist.

Peter Drucker und viele andere haben schon vor Jahrzehnten (Drucker sogar schon in den 30er Jahren in The End of Economic Man) das Ende des Industriekapitalismus prognostiziert, das spätestens im 21. Jahrhundert manifest wird. Übrigens, das NEOS Lab wird genau diesen Bruch am 25.06.2014 mit Wolf Lotter diskutieren). Die Zivilgesellschaft hat zu einem Zivilkapitalismus zu führen, der uns konstruktiv aus den heute turbulenten Zeiten führt.
Die Zivilgesellschaft als gestaltende Kraft, nicht „nur“ als Korrektiv, sondern proaktiv tätig, das scheint mir die zentrale gesellschaftliche Herausforderung!

Strukturen

Weder Staat noch Zivilgesellschaft sind homogene Akteure. Zivilgesellschaft ist aber bis dato fast immer so etwas wie eine Gegenmacht. Spannend immer noch und nie endgültig zu beantworten sind die Fragen nach Strukturen und Hierarchien in Organisationen (des Dritten Sektors): Sind sie nötig, hilfreich, hinderlich, Mittel zum Zweck, ermöglichen oder verhindern sie Innovationen?

Die Frage nach den Strukturen der Aufbau- und Ablauforganisation wird am NPO Tag diskutiert, aber kaum der Kontext der neuen technischen Möglichkeiten reflektiert – Stichwort liquid democracy. Viele zivilgesellschaftliche Bewegungen sind gar nicht online präsent (so z.B. laut Ruth Simsa in Spanien nur rund die Hälfte), anderen, Stichwort arabischer Frühling, wird Social Media eine entscheidende Rolle zugesprochen.
Unabhängig von diesen beiden extremen sind neue Medien wichtige Organisationswerkzeuge, die auch diese Frage der Organisationsstrukturen auf eine neue Ebene heben könnten.

Hierarchien sind, so meine Meinung, ganz sicher auch im Dritten Sektor, in der Zivilgesellschaft nötig – einfach weil sie mit der Übernahme von Verantwortung und Schaffung von organisationaler Nachhaltigkeit untrennbar verbunden sind, weil sie formalisierte Strukturen darstellen. Gerade aber in NPOs und Initiativen der Zivilgesellschaft sollte Hierarchie positiv aufgeladen werden – und keinesfalls mit Überwachung (der Untergebenen, sondern besser mit Mann und Luhmann als „Unterwachung“ (der in der Hierarchie oben stehenden) assoziert werden. Organisationale Klarheit und ihre Abbildung in Strukturen ist einfach ein nötiges Mittel zum Zweck der Ziellerreichung, auch bei zivilgesellschaftlichen Initiativen!

Wo ist die Zivilgesellschaft, welche Wirkungen zeitig sie, wo sind die Grenzen zivilgesellschaftlicher Innovation und was hat es mit four funerals in the age of crisis auf sich?

Mehr zum Thema bald hier im Teil 2 des NPO-Blogs.