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Das österreichische politische System wartet auf seine schöpferische Zerstörung

22.04.2016 Josef Lentsch

In den letzten Tagen häufen sich die Kommentare in den Medien, dass die Bundespräsidentschaftswahl einen Wendepunkt für das politische System darstellt. Als Grund dafür wird das sich abzeichnende Waterloo für SPÖ und ÖVP angeführt. Es werden „Auflösungserscheinungen“ und „Endzeitstimmung“ attestiert. Gleichzeitig können die Kommentator_innen „noch keine zukunftsträchtigen Muster“ ausmachen, wiewohl sie daran glauben, „dass andere Angebote ganz sicher kommen werden.“

Gemäß dem Diktum, was Peter über Paul sagt, sagt immer auch etwas über Peter aus, möchte ich den Leitartiklern dieses Landes etwas zurück spiegeln: dass nämlich diesen Kommentaren die Erwartung zugrunde liegt, dass plötzlich eine fix fertige neue politische Landschaft dasteht. Das Neue, das bereits da ist, wird als nicht tragfähig oder überhaupt nicht wahrgenommen.

Letztlich ist das Denken in revolutionären Dimensionen – die Hoffnung, dass das politische System aus einem offenbar nicht mehr zukunftsfähigen Zustand in einen neuen, nachhaltigen kippt. Ja, hier wartet etwas auf Zerstörung. Aber Revolution ist die falsche Metapher, nicht nur weil solche Umstürze in der Geschichte selten friedlich abgelaufen sind. Der politische Markt in Österreich braucht keine Revolution, er braucht Disruption. Um mit Joseph Schumpeter zu sprechen: Das österreichische politische System wartet auf seine schöpferische Zerstörung. Und die ist schon längst unterwegs.

Quelle: https://www.welovesolo.com/colorful-fireworks-holiday-celebratory-vector-05/
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Der Begriff Disruption geht auf Clayton Christensen von der Harvard Business School zurück, und bezeichnet eine Innovation, die eine bestehende Technologie, ein Produkt oder eine Dienstleistung vom Markt verdrängt. Anfangs sind solche disruptiven Produkte und Dienstleistungen etablierten Produkten oft unterlegen, etwa aufgrund der erst einmal zu überwindenden Markteintrittshürden. Diese sind bei politischen Systemen wie dem in Österreich außerordentlich hoch. Ist die Nachfrage aber gegeben, kann es sehr schnell gehen – wie beispielsweise die Erfolge von Ciudadanos und Podemos in Spanien zeigen. Auch Frankreich hat mit „En Marche“ seit Kurzem eine potenziell disruptive Partei, die mutatis mutandis auch für ein Zweitparteiensystem wie das der USA, deren politischer Markt auch dringend Innovation braucht, wegweisend sein könnte.

Der Punkt bei der Disruption ist die Gleichzeitigkeit des Alten und Neuen: das Alte ist noch nicht ganz weg, das Neue noch nicht ganz da. Aber es schlägt bereits Wurzeln in der Gegenwart. 2012, ein Jahr vor der letzten Nationalratswahl, wurde NEOS gegründet. Heute, maximal zweieinhalb Jahre vor der nächsten Nationalratswahl, gibt es ähnliche Überlegungen in einem anderen Bereich des politischen Spektrums, rund um die Online-Plattform Mosaik, wo linke Politiker, Wissenschafter und Aktivisten publizieren. Um mit William Gibson, dem Visionär und amerikanischen Science Fiction-Autor, zu sprechen: Die Zukunft der österreichischen Politik ist schon hier, sie ist nur ungleich verteilt.