Smartere Strategien statt 
„a la 15. Jahrhundert einfach auf- und zusperren“

Warum Daten in Österreich oft wenig wert sind, und die Südafrika-Mutation wohl schon entkommen ist.

Peter Klimek kennt sich mit Daten aus. Er ist Komplexitätsforscher, arbeitet mit Medizindaten. Seit einem Jahr prognostiziert er vor allem, wie sich SARS-Cov2 in Österreich ausbreitet. Und er sieht tagtäglich, mit welchen Einschränkungen wissenschaftliche Forschung in Österreich konfrontiert ist: "Ein Hemmschuh ist die Digitalisierung der Daten in der Pandemie, ein anderer Hemmschuh ist, dass Daten oft nicht mit Mehrwert versehen sind, sie können etwa nicht mit anderen Gesundheitsdaten verschnitten werden." Das heißt, dass etwa österreichische Forscher wenig über die Vorerkrankungen von Covid-Patienten wissen oder auch keine Risikoprofile für Berufsgruppen erstellen können. Diese Daten gibt es sehr wohl im skandinavischen Raum. In Österreich werden hingegen erst erste Entwicklungsschritte gesetzt, etwa mit dem Austrian Micro Data Center.

Peter Klimek hat zuletzt, etwa in einem Interview mit der Presse, gefordert, dass Österreich auch bei Reisen innerhalb des Bundesgebietes Reisebeschränkungen umsetzt. Nach einem längeren "Bund-Länder-Match" ist es nun soweit, dass Ausreisende aus Tirol einen negativen Test brauchen. Für Klimek hat das politische Tauziehen aber dazu geführt, dass das Virus wohl entkommen ist: „Die Situation ist insofern entglitten, als dass es kein realistisches Szenario mehr ist gibt, dasswie wir die südafrikanische Virus-Variante wieder aus Österreich rauszukriegen. Wir können sie nur noch rauszögern.“

In einem aktuellen Policy Brief hat das Complexity Science Hub Vienna gezeigt, dass sich der Lockdown abnützt. Mit jeder weiteren Maßnahme, von Ausgangsbeschränkungen über Geschäftsschließungen, werden die Effekte auf die Kontaktreduktionen kleiner. Klimek meint aber, dass sich zeige, „dass es nicht darum geht, dass sich die Menschen nicht mehr an die Vorgaben halten WOLLEN. Sondern nicht mehr an die Vorgaben halten KÖNNEN.“ Das sehe man etwa an der Zunahme der psychischen Belastungen. Sollten die Infektionszahlen also steigen, wäre es wichtiger, smartere Maßnahmen als breitflächige Schließungen für Geschäfte und Schulen oder das ganze Bundesgebiet einzusetzen.

Policy Brief

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Eine Analyse von Bewegungsdaten legt nahe, dass sich der Effekt von Lockdowns auf die Mobilität abnutzt. Während Lockdown 1 (März 2020) betrug die Mobilität 30 % verglichen mit dem gleichen Zeitraum im Jahr 2019. Im zweiten Lockdown (November 2020) betrug sie 40 % (von einem vergleichsweise geringeren Niveau von ca. 80 % im Sommer kommend). Im gegenwärtigen dritten Lockdown ist kein deutlicher Einbruch feststellbar. Momentan stehen wir bei ca. 70 % im Vergleich zum Jänner 2020. Zu beobachten ist zudem ein West-Ost-Gefälle mit der stärksten Mobilitätsreduktion im Osten, vor allem in Wien.

#BestOf

Let's Talk@Lunch: 
Wie uns Big Data im Kampf gegen Corona helfen kann

Wenn es nach Komplexitätsforscher Peter Klimek geht, dann "hat Österreich keine Datenkultur." Schon gar nicht, wenn von digitalem Datenmanagement die Rede ist. Über die aktuelle Datenlage, Corona-Fakten & warum es dringend eine koordinierte europäische Handlungsanleitung braucht. #PressPlay für das #BestOf Video.

Den Talk in voller Länge gibt's hier: https://www.youtube.com/watch?v=chFwLMmefT8&feature=emb_logo

 Veranstaltung 

Let's Talk@Lunch: 
Wie uns Big Data im Kampf gegen Corona helfen kann

Intelligente Datenanalyse kann im Kampf gegen die Pandemie helfen, die Vorhersagen von Covid-19-Infektionszahlen erleichtern und beim Finden eines Impfstoffs unterstützen. Expert_innen beurteilen die Datenlage in Österreich eher schlecht und sprechen anstatt von ‚Big Data‘ von ‚Little Data‘. Was sich trotz der schwierigen Datenlage in Österreich an Wissen herauslesen lässt und wie sich darauf aufbauend, politische Entscheidungen treffen lassen, diskutiert Lukas Sustala mit dem Komplexitätsforscher Peter Klimek.


Podium:

  • Peter Klimek, Komplexitätsforscher, CSH
  • Lukas Sustala, Direktor des NEOS Lab (Moderation)