Warum Schulen offen sein sollten

Um die Frage von Schulschließungen ist in den vergangenen Wochen in Österreich eine teils sehr emotionale Debatte entbrannt. Doch was zeigt eigentlich die Evidenz? Und welche Folgen haben Schulschließungen abseits ihrer Effekte auf das Infektionsgeschehen. 


Eine Einordnung von Johannes Stolitzka & Lukas Sustala. Stand: 14.11.2020

In den vergangenen Wochen hat das Infektionsgeschehen in Österreich stark an Dynamik gewonnen. Die Zahl der Neuinfektionen in Relation zu einer Million Einwohnern ist im 7-Tages-Schnitt auf zuletzt mehr als 700 gestiegen. Noch vor zwei Wochen lag dieser Wert bei unter 335, vor einem Monat bei 117 (Our World In Data).

Dass im Hintergrund längst Diskussionen um Verschärfungen des zuletzt eingeführten "leichten Lockdown" laufen, ist medial kaum zu überhören. Besonders lautstark werden Schulschließungen diskutiert. Doch tragen Schulschließungen wirklich wesentlich zur Infektionsbekämpfung bei? Bzw. sind Schulen ein Ansteckungsherd? 

Was die Evidenz nahelegt

Ob Schulschließungen im Kampf gegen die COVID-19-Pandemie ein wichtiges Instrument sind, hängt von mehreren Fragen ab: Sind Kinder genauso ansteckend wie andere Altersgruppen? Sind Schulen wegen der sozialen Kontakte Treiber des Infektionsgeschehens? Und welche Schlüsse kann man aus anderen Ländern bzw. aus Studien ziehen? Für Aufsehen hat jedenfalls ein Artikel in der New York Times gesorgt, in dem eine Studienautorin Evidenz zeigen konnte, dass eine schnelle Schulöffnung in Israel zu einer Steigerung der Coronainfektionen führte. 

In Österreich forderten einige Wissenschaftler 9.11. mit schärferen Maßnahmen das Land vor überfüllten Krankenhäusern zu bewahren, weil eine Überforderung von Spitalskapazitäten ab 18.11. drohen. Ab dann könnte es sein, dass Spitäler Menschen nicht mehr aufnehmen könnten, und sich zwischen Patient_innen entscheiden müssten, wenn es zu keinen zusätzlichen Maßnahmen wie Schulschließungen kommt (Der Standard). 

Was ist jedoch an der Hypothese dran, dass das schulische Umfeld einen negativen Effekt auf die Infektionszahlen hat? Zuerst ist es wichtig zu wissen, wie sich die Infektionen auf die verschiedenen Altersgruppen verteilen. Daten aus Großbritannien zeigen etwa, dass die Altersgruppen von 20 bis 59 am häufigsten getestet werden, Unter-9-Jährige Kinder relativ selten getestet werden. Insgesamt haben wir also wenige positive Tests bei Kindern. Aber eben auch insgesamt weniger Tests bei dieser Gruppe. Allerdings sind in Großbritannien dennoch Tests bei Erwachsenen häufiger positiv, was das Argument nicht bestätigt, dass Kinder weniger positive Fälle vorweisen, weil sie weniger getestet werden.

Verstärkt wird diese Einschätzung auch durch aktuelle Zahlen der AGES, die in der ersten Woche des Lockdowns ein Sinken des Anteils der unter 14 Jährigen von 5,7% auf 4,4% am gesamten Infektionsgeschehen feststellten. Und dies obwohl das Land sich in einem Lockdown („Light“) befindet, ausgenommen der Kinder unter 14 Jahren.

 

Nicht nur die Frage von Tests bei Kindern spielt jedoch eine Rolle, sondern der häufig asymptomatische Verlauf. Die Weltgesundheitsorganisation geht davon aus, dass asymptomatische Fälle weniger ansteckend sind als symptomatische und pre-symptomatische Fälle. Immerhin sind das um die 20% (bis 41%) aller Fälle. Und da Kinder unter den asymptomatischen Fällen sehr prominent vertreten sind, ziehen viele Wissenschafter nach wie vor den Schluss, dass Schulen keine große Rolle im Infektionsgeschehen spielen. Dies unterstreicht auch das European Center for Desease Prevention and Control der EU. Denn Schulen zeigten bis jetzt keine großen Auffälligkeiten bzgl. Clusterbildungen. Genauso bleibt der Fakt bestehen, dass sich Kinder eher im Haushalt anstecken, als im Schulunterricht. Zusätzlich zeigt eine Studie des Bonner IZA im Gegensatz zur israelischen Studie, dass insbesondere Schulöffnungen keine Auswirkung auf die Infiziertenstatistik haben. 

Weder in den verschiedenen Altersgruppen (Kinder, Eltern) noch in anderen Gruppen konnten erhöhte Infiziertenzahlen aufgrund von Schulöffnungen festgestellt werden. Wobei auch zu beachten ist, dass Maßnahmen zur Eindämmung des Virus ein enorm wichtiger Faktor sind. Hygienemaßnahmen an Schulen, verpflichtender Mund-Nasen-Schutz, ein zeitversetzter Schulbeginn, um Gedränge zu vermeiden, zeigen Effektivität. Zielführend ist es jedenfalls, ob zum Schutz der Kinder und auch der gefährdeten Pädagog_innen, dass mehr Mittel für die Risikoprävention zur Verfügung gestellt werden sollen. Denn trotz geringer Infektionszahlen bei Kindern, steht der gesundheitliche Schutz aller im schulischen Umfeld an erster Stelle. Die Corona-Ampel-Kommission in Österreich hat sich jedenfalls auch am Donnerstag Abend dafür ausgesprochen, die Bildungseinrichtungen möglichst lange offen zu halten. 

Zusammenfassend ist festzuhalten, dass Schulen nach aktueller Wissenslage keine großen Treiber des Infektionsgeschehens sind. Dass Kinder also wesentlich zum Infektionsgeschehen beitragen und Schulen geschlossen werden sollten, ist nicht mit der derzeitigen Wissenslage begründbar. Denn Kinder tragen durch eine hohe Anzahl von asymptomatischen Fällen sehr wahrscheinlich nicht maßgeblich zum exponentiellen Wachstum der Covid-19-Infektionen bei. Gelindere Mitteln gäbe es tatsächlich einige:

 

Folgen von Schulschließungen 

Ein Lockdown hat allerdings nicht nur gesundheitspolitische Effekte, sondern auch soziale, wirtschaftliche oder familiäre Folgen. Während die positiven Effekte von Schulschließungen auf das Infektionsgeschehen eher umstritten ist, sind die negativen Effekte von Lockdowns auf Schüler und ihre Lernerfolge gut dokumentiert. Das liegt nicht nur daran, dass Österreichs Schulsystem vor der Pandemie nicht auf Distanzunterricht ausgerichtet waren – und es jetzt auch nicht sind. Der 8 Stufen Plan des Bildungsministeriums sieht eine Digitalisierung in den nächsten Jahren vor, was angesichts der akuten Herausforderung aus der Zeit gefallen wirkt. 

Unabhängig von einem fehlenden Kontakt zwischen Schüler_innen und Lehrer_innen, was auch nicht zu mehr Lernerfolg beitragen wird, ist es für manche Familien überhaupt nicht möglich Homeschooling zu betreiben. Insbesondere in sozial schwachen Familien fehlen einfach die Mittel und die Zeit um Kinder geeignet von zuhause zu unterrichten. 36% der Kinder die für Lehrer_innen nicht digital erreichbar waren, kamen aus sozial schwachen Familien. Zudem müssen viele Eltern, die einem (oder mehreren) Job(s) nachgehen, sich die Zeit fernab von ihrem Beruf nehmen. Immerhin haben die Hälfte der erwerbstätigen Eltern Kinder unter 12 Jahren zu betreuen und sind deswegen besonders von Schulschließungen betroffen. Das ergibt insbesondere für Mütter, die noch immer in den meisten Fällen weniger verdienen als Väter, einen Backlash zurück in die 1950er. Frauen geben also ihre Arbeit für die Kinder auf und Väter gehen weiterhin arbeiten. Schulschließungen könnten den Bemühungen der Frauenpolitik der letzten Jahrzehnte also einen weiteren Dämpfer hinzufügen.

In einem Policy Brief argumentieren Forscher des Instituts für Höhere Studien, darunter IHS-Direktor Martin Kocher, dass die kurz-, mittel- und langfristigen Kosten von Schulschließungen zur Pandemiebekämpfung vielschichtig sind. Sie haben psychische, soziale und ökonomische Kosten zur Folge. Die ökonomischen Kosten dokumentiert das IHS vor allem 

  • im Zusammenhang mit den späteren Einkommenseinbußen der betroffenen Kinder und Jugendlichen im Zusammenhang mit geringerem Kompetenz- und Wissenserwerb,
  • im Zusammenhang mit der größeren Wahrscheinlichkeit später arbeitslos zu sein, gerade bei Kindern aus benachteiligten Haushalten, und
  • im Zusammenhang mit Produktivitätseinbußen bei den Eltern, die Betreuungs- und Unterstützungsleisten erbringen müssen und daher weniger produktiv bei ihren Erwerbsbeschäftigungen sein können

Die Effekte auf die Kinder selbst sind jedenfalls höchst unterschiedlich. Eine Studie fand heraus, dass je jünger ein Kind ist, desto schwerwiegender sind die Langzeitfolgen von Ausbildungsunterbrechungen. Kinder, die jetzt einen Bruch in ihrer Bildungskarriere erleben, werden in Zukunft auch weniger verdienen als Kinder die eine krisenlosen Bildungskarriere erlebt haben. Dieses Szenario wiegt bei Kindern aus sozial schwachen Familien schwerwiegender. 

Die obere Grafik verdeutlicht, dass Kinder aus gut situierten Familien in schulfreien Zeiten besser unterstützt werden können und somit in der langfristigen Lernkurve einen Vorteil gegenüber Kindern aus sozial schwachen Familien haben.

Da die Lage des Bildungssystems an vielen Stellen schon vor der Coronakrise eine prekäre,  sind Schulschließungen ein zusätzlicher Treiber von Ungerechtigkeiten. Denn Kinder deren Muttersprache nicht Deutsch ist, Kinder die Probleme mit Lesen, Schreiben und Rechnen haben oder sich schwer konzentrieren können, haben es außerhalb des regulären Schulbetriebes schwer. Zusätzlich scheint es dem Bildungsministerium und der Regierung nicht möglich zu sein, adäquate Maßnahmenpläne zur Digitalisierung der Schüler_innen und Lehrer_innen aufzustellen. Insbesondere ein Lockdown muss auch zu schnellen Hilfen führen und sollte in Absprache mit den Ländern aber insbesondere mit den Direktor_innen erfolgen, weil jene am besten wissen was ihr Personal und Schüler_innen benötigen. Zuletzt ist aus medizinischer Sicht mit dem derzeitigen Wissensstand Schulschließungen nicht ausreichend begründbar, weil Schulen nicht als Corona-Hotspots gelten und Kinder oft asymptomatisch und damit wohl weniger infektiös sind. Ein Schulbetrieb muss also mit adäquater Risikoprävention möglich sein.

Weiterführende Lektüre

Erwähnte und weitere Studien: 

Azevedo, J. et al. (2020): Simulating the Potential Impacts of COVID-19 School Closures on Schooling and Learning Outcomes: A Set of Global Estimates. World Bank Policy Research Working Paper. Link: https://doi.org/10.1596/1813-9450-9284.

Fuchs-Schündeln, N. et al. (2020): The Long-Term Distributional and Welfare Effects of Covid-19 School Closures. CEPR Discussion Paper 15227. Link: https://www.wiwi.uni-frankfurt.de/profs/fuchs/staff/fuchs/paper/CEPR-DP15227.pdf

Hanushek, E. / Wössmann, L. (2020):The Economic Impacts of Learning Losses. OECD. Link: https://www.oecd.org/education/The-economic-impacts-of-coronavirus-covid-19-learning-losses.pdf.

Kocher, M. / Steiner, M. (2020): Kosten von Schulschließungen zur Pandemiebekämpfung. IHS Policy Brief 20. Link: https://irihs.ihs.ac.at/id/eprint/5529/.

Lorenz, H. (2020): Bildung in Zeiten der Pandemie. Agenda Austria Policy Brief. Link: https://www.agenda-austria.at/publikationen/bildung-in-zeiten-der-pandemie/

Schappelwein, J.-S. / Famira-Mühlberger, U. (2020): Ökonomische Folgen von Schulschließungen. WIFO Research Briefs 18/2020. Link: https://wifo.ac.at/jart/prj3/wifo/resources/person_dokument/person_dokument.jart?publikationsid=66599&mime_type=application/pdf.