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Was ist bürgerlich?

01.04.2016 Josef Lentsch

Die Bundespräsidentschaftswahl wirft angesichts der Auswahl an Kandidat_innen eine interessante Frage auf: Was ist heute eigentlich bürgerlich? Dazu diskutiere ich morgen bei einer Veranstaltung unter anderem mit Heinrich Neisser, und nehme das zum Anlass für einen blog.

Geschichtlich ist der Bürger-Begriff eng verknüpft mit der Stadt. Die griechische Polis, konkret die attische Demokratie, schuf den europäischen Ur-Bürger, nachdem es erst das Königtum und dann die Oligarchie des Adels überwunden hatte. Der Bürger-Begriff Athens war aber immer noch sehr eng gesteckt – mitbestimmen durften nur die Männer, und auch da nur die Vollbürger, im Gegensatz zu den Sklaven. Sie waren Teil einer politischen Gemeinschaft, mit direktdemokratischen Rechten und Pflichten, Freiheit und Eigentum. All das blieb in weiterer Folge konstitutiv für die Idee des Bürgertums.

Was du erworben…

Im Gegensatz zum Adel wurde der Status des Bürgers erworben, nicht ererbt, was sich später noch im mittelalterlichen „Stadtluft macht frei“ wiederfindet – in der Stadt ansässig gewordene Unfreie konnten von ihren Leibherren nach Fristablauf nicht mehr zurück gefordert werden.

Das deutsche Wort Bürger selbst geht dazu passend auf das mittellateinische „Burgus“ zurück – einer von Mauern geschützten, mit Privilegien ausgestatteten Siedlung. Die Bürger waren also die Kaufleute und Handwerker innerhalb der Burgmauern. Im Französischen findet sind das Wort bis heute im „Bourgeois“ wieder. Der durch die Burgmauer geschützte Raum symbolisiert die Dialektik des Bürgertums, mit einem konservativen Element (der Abgrenzung nach außen, etwa mit der Gründung der Gilden und der späteren Handelsmonopole) und einem liberalen Element (dem freien Handel, dem Fortschritt, und der Offenheit und Diversität der Stadt).

Diese Dialektik findet sich auch in unterschiedlichen Konstruktionen des Bürger-Begriffs wieder: im 16. Jahrhundert bildete sich in Abgrenzung zum „bourgeois“ der „citoyen“ heraus, der zwar auch auf die Stadt (cité) zurückgeht, sich aber später bei Rousseau und im Zentrum der französischen Revolution ganz anders begreift als der selbstbezogene Bourgeois: „Der Citoyen ist ein höchst politisches Wesen, das nicht sein individuelles Interesse, sondern das gemeinsame Interesse ausdrückt.“ Im Geiste der Aufklärung nimmt der citoyen als freier Bürger am Gemeinwesen teil (so etwa auch im Englischen: „citizen“, von city).

Bourgeois versus Citoyen

Das Erstarken der Citoyens war auch eine Folge Bildungsreformen des 18. Jahrhunderts, wie etwa der Einführung der allgemeinen Schulpflicht – damit entstand das Bildungsbürgertum, das sich vor allem aus Professoren, Ärzten und leitenden Beamten rekrutierte. Dieses wiederum war instrumentell in die Schaffung der freien Marktwirtschaft.

Der Wohlstand des gehobenen Bürgertums, im krassen Gegensatz zu den Arbeits- und Besitzverhältnissen der Arbeiterschaft, führte Karl Marx im 19. Jahrhundert dazu die „Bourgeoisie“ als herrschende Klasse zu bezeichnen.

Im 20. Jahrhundert erlebte das Bürgertum mit dem Ende des Zweiten Weltkriegs erst die „Große Kompression“, und dann einen fast ununterbrochenen Aufstieg. Das Bürgertum wurde noch heterogener – an neuen Bürgerklassen kamen etwa BoBos (Bourgeois-Bohemiens) oder Hipster dazu. Bei aller Abgrenzung sind auch hier wirtschaftliche Unabhängigkeit und Eigentum weiter zentrale Komponenten des Bürgerbegriffs. So geht es bei der bürgerlichen Sharing Economy darum, Eigentum zur Verfügung zu stellen, was Eigentum voraussetzt. Damit ist Sozialismus, und die damit verbundene Aufhebung des Privateigentums, im klaren Widerspruch zu Bürgerlichkeit.

Bürgerlichkeit als Tugend

Bürgerlichkeit kann aber, in der Tradition der citoyens, auch als Tugend verstanden werden. Im Englischen findet sich etwa die Unterscheidung von „civil“ und „civic“: bürgerlich und bürgerschaftlich. Letztes bedeutet, sich als Teil der Zivilgesellschaft zu begreifen, Autoritäten zu hinterfragen, und sich als Bürger_in in die eigenen Interessen einzumischen.

Diese Idee von Bürgerlichkeit, so meine ich, hat sich seit der attischen Demokratie wenig verändert – gleichzeitig sind aber Freiheit, Unabhängigkeit, Eigentum, Mitbestimmung und Engagement für die Gemeinschaft nach langem und hartem Kampf nicht mehr auf eine privilegierte Klasse beschränkt. Ebenso hat die Idee den ummauerten Raum der Stadt lange überwunden. Aus dem Stadtbürger entwickelte sich mit der Herausbildung der Nationalstaaten im 19. Jahrhundert der Staatsbürger. Im 21. Jahrhundert stehen wir vor der Herausforderung, uns auch als Bürger_innen Europas und der Welt begreifen zu lernen. Wollen wir einen Beitrag für kommende Generationen leisten, müssen wir uns alle ein wenig mehr zu „Citoyens du monde“ – Weltenbürger_innen werden.