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Wiener Bahnhöfe und Europas Zukunft

22.09.2015 Josef Lentsch

Andreas Koller schreibt in seiner Kolumne „Der große Kontrollverlust“, Europas jetziger Zustand müsse fast unweigerlich zu einem Erstarken der Rechtsparteien führen. Doch es gebe auch Positives: „Das Positive sind die Menschen, die an den Bahnhöfen und an den Grenzübergängen selbstlos und selbstverständlich helfen. Für viele Junge wird dies wohl ein politisches Erweckungserlebnis sein ganz ähnlich, wie frühere Generationen durch ‚1968’, ‚Zwentendorf’, ‚Hainburg’ oder den Regierungseintritt der Haider-FPÖ politisch erweckt wurden.“

Bahnhöfe sind in Europa seit jeher sowohl Symbol der Vernichtung als auch der Hoffnung. Wie werden wir die Weichen der Geschichte diesmal stellen?

Das Lager am Wiener Hauptbahnhof (Foto: privat)
Das Lager am Wiener Hauptbahnhof (Foto: privat)

1989: Der Westbahnhof als Wiens Hauptbahnhof

Der große Historiker Tony Judt schreibt in seinem unbedingt empfehlenswerten „Postwar – A History of Europe since 1945“: „Ich entschied mich zum ersten Mal dieses [2005 veröffentlichte] Buch zu schreiben, als ich Züge wechselte am Westbahnhof, Wien’s Hauptbahnhof.“ Das war im Dezember 1989, ein paar Wochen nachdem die Berliner Mauer gefallen war. Damals war der Westbahnhof Wiens mondänes Tor zur westlichen Welt, und der Südbahnhof das grindige zur östlichen. Wien war Europa, mit all seinen Widersprüchen, und seiner komplizierten Vergangenheit. „Eine Ära endete, und ein neues Europa war geboren“. Auch dieses neue Europa kam unter Schmerzen auf die Welt: Bei seinem nächsten Besuch war Wien damit beschäftigt, zehntausende Flüchtlinge aus Kroatien und Bosnien unterzubringen.

1999, zehn Jahr nach dem Mauerfall, fand er den Westbahnhof zugepflastert mit Plakaten von Jörg Haider und der FPÖ, die in der folgenden Wahl 27% gewann, indem sie „die Ängste und das Unverständnis der Österreicher_innen über die Veränderungen in deren Welt in der voran gegangenen Dekade mobilisierten.“

Vom Nachkriegseuropa zum Nahkriegseuropa

Heute, sechzehn Jahre später, spielt sich die Geschichte wieder einmal auch an den Bahnhöfen ab. Mit dem mehr als symbolischen Unterschied, dass der Südbahnhof mittlerweile zum Hauptbahnhof geworden ist. Und wieder ist Wien Europa: eine Ära geht zu Ende, und wieder werden die Ängste der Bürger_innen mobilisiert.

Aus Nachkriegseuropa wird Nahkriegseuropa: wir können nicht mehr die Augen verschließen, und uns den Entwicklungen in wenigen tausend Kilometern entziehen. Dass die Zivilgesellschaft entschlossen anpackt, gibt Hoffnung. Hier wächst ein neues Europa heran. Aber auch die Politik ist gefordert, mutige und konkrete Pläne umzusetzen, wie Matthias Strolz und Angelika Mlinar sie präsentiert haben.

Fast überall in Europa sind Rechtsparteien am Vormarsch, doch sie bieten nur einfache Antworten, keine Lösungen. Diesen Zug gilt es zu stoppen, und die Weichen Richtung positiver Veränderung zu stellen – in Wien wie in Europa.