« Zurück zur Übersicht

WTF is Storytelling?

Doris Hager-Hämmerle, NEOS Vorarlberg Landesteam & NEOS Lab Trainerin bloggt über a G‘schicht aus der NEOS Lab Summerschool 2016.

„Wos is die G‘schicht?“, soll der Radio-Redakteur den Radio-Journalisten jedes Mal gefragt haben, wenn letzterer ersterem seine neue Geschichte erzählt hatte. Also zog er von dannen, der Journalist, um tags darauf mit der G‘schicht zur Geschichte wiederzukommen. Der Redakteur war zufrieden. So oder so ähnlich stimmte uns der Referent Claus Faber auf das Training „Storytelling – Was ist die G‘schicht?“ ein.

„Mit Geschichten können wir Beziehung schaffen und dadurch eine Grundlage für Wohlwollen, Vertrauen und Zugehörigkeit bilden“, verhieß uns das Trainingsprogramm im Vorfeld. Storytelling ist Beziehungsarbeit. Man kann Storytelling als Marketinginstrument einsetzen. In der Werbung macht man das, weil es immer schwieriger wird, potentielle Kund_innen mit Informationen und Fakten für ein Produkt zu interessieren. In der Politik macht man das, weil es immer schwieriger wird, potentielle Wähler_innen mit Informationen und Fakten für Kandidat_innen, Programme, Parteien zu interessieren. Ob eine Geschichte richtig oder falsch ist, spielt dabei keine Rolle. Ob eine Geschichte „gut“ ist, entscheidet im einen Fall der Kunde bzw. die Kundin, im anderen der Wähler bzw. die Wählerin. Das ist das Manipulative an Storytelling. Das ist zeitgeistig. Was diese Art von Storytelling im politischen Kontext anrichtet, erleben wir gerade. Um das Manipulative geht es Claus Faber daher nicht, weil „die Welt in der wir leben, bereits voll von Manipulation ist“.

Wenn wir Politik als den Ort begreifen, wo wir uns ausmachen, wie wir miteinander leben wollen, dann ist Storytelling als Beziehungsarbeit im politischen Kontext dennoch legitim und notwendig.

Im theoretischen Teil des Trainings widmeten wir uns der psychologischen, der soziologischen, der politischen und der systemischen Definition des Phänomens „Geschichte“. Der Mensch als sinn-suchendes Wesen sucht Orientierung für sein Leben, um handeln zu können strebt er nach kausalen Erklärungen und Normen. Beides kann er in Geschichten finden. Ein gemeinsames Narrativ als sinnstiftende Erzählung befähigt Menschengruppen entlang der gemeinsamen Wirklichkeit, gemeinsamer Kultur und gemeinsamer Normen kollektiv zu handeln. Als Herrschaftsinstrument dienen Narrative dazu, Macht zu legitimieren oder zu illegitimeren. Als soziale Konstruktionen können sie unser Wohlbefinden, Denken und Handeln lang andauernd, erheblich und konsistent beeinflussen.

Es ist einem sehr guten Referenten und einer sehr engagierten Teilnehmerrunde zu verdanken, dass ich verstanden habe, dass die G‘schicht das ist, was die Geschichte mit mir zu tun hat und was ich mit der Geschichte zu tun habe. Was ist mein Teil an oder in der Geschichte? Was ist meine Beziehung zu dem Ganzen? Was oder wie ist meine Beziehung zu dem, dem ich die Geschichte erzähle?

Die Geschichte der Operation Libero erzählte uns zwei Tage später die Schweizerin Flavia Kleiner im Rahmen einer kurzweiligen Plenum Session auf ganz besondere Art und Weise: Wann, wo, warum, mit wem, wie und wozu alles begann. Was mich in Bann zog war die Gefühlswelt hinter ihren Worten, Gesten und ihrer Mimik; ihre eigene Betroffenheit, der sie damit zum Ausdruck verhalf: Schock, Wut, Widerstand, Entschlossenheit, Mut, Durchhaltevermögen. Wir hätten uns auch Zahlen, Daten und Fakten über die Operation Libero herunterladen und uns mit Informationen begnügen können. Aber es ging uns darum miteinander in Beziehung zu treten. Dazu brauchten wir ihre Geschichte. Erreichst du die Menschen nicht dort, wo sie etwas mit deiner Geschichte zu tun haben und mit dem, was du mit der Geschichte zu tun hast, werden sie nicht Teil deiner Geschichte weil deine Geschichte letztlich keine Relevanz für sie hat.

Es war ein bemerkenswerter Nachtmittag, der mich noch lange zum Nachdenken anregen wird. Mir kommen bei der Frage, bis zu welchem Grad Storytelling im politischen Kontext legitim ist, Sokrates‘ drei Siebe in den Sinn. „Hast du das, was du mir sagen willst, durch die drei Siebe gesiebt?“, fragt er jenen, der ihm dringend was erzählen will. „Wenn das, was du mir da erzählen willst, weder erwiesenermaßen wahr, noch gut, noch notwendig ist, so lass es begraben sein und belaste dich und mich nicht damit!“

Ich danke Claus Faber, dem NEOS Lab und den anderen Teilnehmern für eine spannende und sinn-gebende Lebenszeit.