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Das war die Konferenz „175 Jahre 1848“

Clemens Ableidinger
Clemens Ableidinger

Am 16. Oktober fand die Konferenz „175 Jahre liberales Wien: 1848–2023“ im Palais Niederösterreich statt. Die wissenschaftlichen Beiträge gingen liberalen Traditionen und Kontinuitäten von der bürgerlichen Revolution bis in die Zweite Republik nach. (Fotos: NEOS Wien, Silvia Nadjivan)

Das Jahr 1848 gehört zu den wenig gefeierten Jubiläen in Österreich. Obwohl in diesem Jahr die Wurzeln der österreichischen Verfassung, der Zivilgesellschaft und des Parlamentarismus liegen, gedenkt das offizielle Österreich dieses Jahres entweder gar nicht oder nur in sehr kleinem Rahmen. Auch die politische Parteien, die alle auf das Revolutionsjahr referenzieren könnten, gedenken ihrer Bezüge zum Jahr 1848 kaum. Eine große Bedeutung haben die „48er“ auch in der Geschichte des österreichischen Liberalismus, die einige Parallelen zum Gedenken an die bürgerliche Revolution aufweist, darunter nicht zuletzt jene, dass sie in Österreich kaum bekannt ist. Gründe genug also, an diesem Zustand etwas zu ändern, weswegen am 16.10. – organisiert von NEOS-Lab-Researcher Clemens Ableidinger – eine international besetzte wissenschaftliche Tagung zu „175 Jahren 1848“ im Palais Niederösterreich stattfand, wo die Revolution im März dieses Jahres ihren Ausgang nahm. 

In seiner Keynote Speech wies Prof. Pieter Judson (European University Institute, Florenz) auch auf den geringen Bekanntheitsgrad des Jahres 1848 und seiner Folgen hin und machte dafür drei Gründe aus:

1. Dass die Geschichtswissenschaft lange – und unrichtigerweise – den Standpunkt vertrat, dass die Revolution gescheitert wäre.

2. Dass viele Historiker:innen die Revolution als Geburtsstunde des Nationalismus – als „Völkerfrühling“ – auffassten.

3. Die falsche Annahme, dass die Revolution in Österreich nur ein „leises Echo“ der 48er-Revolutionen in Westeuropa – ausgehend von Paris – war und liberale Ideen und Praktiken in Ostmitteleuropa letztlich fremd waren und blieben.

Doch das Jahr 1848 ist für die Geschichte Österreichs von zentraler Bedeutung. Die Entwicklung von Verfassung, Gerichtsbarkeit, Bürgerrechten und weiterer fortschrittlicher Reformen – die vor allem ab den 1860er Jahren folgen sollten – gehen auf Ideen des Jahres 1848 zurück. Mit der Bildungsreform von 1869 war Österreich den meisten anderen europäischen Staaten sogar weit voraus. Prof. Judson deutete damit einige Themen an, die in der Folge von weiteren Vortragenden vertieft wurden.

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„Die Emanzipation der Bauernschaft war zum Beispiel eine der wichtigsten Errungenschaften der Revolution. Und diese Emanzipation wurde Teil eines umfassenderen liberalen Programms, das die Monarchie auch in vielerlei anderen Hinsichten umgestalten wollte.“ – Pieter Judson

Im ersten Panel, das sich direkt mit der Revolution von 1848 in der Habsburger-Monarchie auseinandersetzte und von Dr. Andreas Enderlin-Mahr moderiert wurde, sprach Prof. Gabriella Hauch (Universität Wien) über die wichtige Rolle der Frauen in der bürgerlichen Revolution. Trotz des Verbots, das Frauen die Mitwirkung an politischen Vereinen untersagte, setzte sich der demokratische Frauenverein dafür ein, dass Frauen ein Recht auf Erwerbsarbeit, Bildung und nicht zuletzt das aktive und passive Wahlrecht erhalten sollten. Frauen wirkten darüber hinaus auch direkt an den bewaffneten Auseinandersetzungen mit, auch wenn dies oft erforderte, dass sie sich als Männer verkleideten. Trotz der Betonung von Freiheit und Gleichheit perpetuierten die zentralen Akteure der 1848er-Revolution, sowie ihre Nachfolger, den bestehenden Androzentrismus.

Prof. Jana Osterkamp (Universität Augsburg) nahm wiederum den Zusammenhang der Revolution mit dem Aufkommen des Nationalitätenprinzips in Ost(mittel)europa in den Blick. Die Nationen- und Staatswerdung in Polen bzw. der Ukraine, sowie deren Rezeption in Frankreich, zeigten die Relevanz der Geschichte des Jahres 1848 für die heutige Zeit.

Das zweite, von Dr. Nadja Weck moderierte, Panel befasste sich mit dem liberalen Wien sowie dessen politischer Kultur und Öffentlichkeit. Dr. Andreas Pittler referierte unter dem Titel „Universalgelehrter, Macher, Bürgermeister“ über Cajetan Felder, der zwischen 1868 und 1878 als liberaler Bürgermeister der Reichs- Haupt- und Residenzstadt Wien wirkte und maßgebliche städteplanerische Initiativen setzte, die das Gesicht der Stadt bis heute prägen: darunter der Zentralfriedhof, die Gestaltung der Ringstraße und der Bau des Rathauses sowie die Umsetzung der 1. Wiener Hochquellwasserleitung. 

Dr. Pablo Vivanco (Lera Auerbach Center) thematisierte wiederum – ausgehend von der 50-jährigen Gedächtnisfeier – die Erinnerungskultur der 1848er-Revolution und die Rezeption der Revolution innerhalb der entstehenden politischen „Lager“. Besonders der Antisemitismus habe zu einem Abstandnehmen der Luegerianer von den Erinnerungen an 1848 geführt. Die Feier von 1898 sei weitgehend unterdrückt worden und habe nur wenig medialen Widerhall erfahren.

Mit den Themenkreisen Demokratie und Ökonomie setzte sich das dritte Panel unter der Moderation von David Smrček, MA, auseinander. Ass.-Prof. Janek Wasserman (University of Alabama) ging der Geschichte der Österreichischen Schule der Nationalökonomie um Ludwig Mises, Oskar Morgenstern, Friedrich Hayek und Andreas Mayer nach, ergründete deren Wurzeln in der Monarchie und deren Versuch der intellektuellen Wiederbelebung des ökonomischen Liberalismus sowie ihrem Nachwirken im englischsprachigen Raum.

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„Bis heute besteht eine demokratische Schieflage, die in Verbindung steht mit der wirtschaftlichen Position und dem Bildungskapital.“ – Tamara Ehs

Dr. Tamara Ehs erörterte auf Basis des Gemeinderatswahlordnung der Stadt Wien nach 1848 den Zusammenhang von Privilegien und demokratischer Teilhabe. Bis heute bestehe ein Zusammenhang von sozialer Benachteiligung und der Teilnahme an demokratischen Prozessen – wie nicht zuletzt der Zusammenhang von Wahlrecht und Staatsbürgerschaft zeige. Die Erfolgsgeschichte der liberalen Demokratie müsse sich daher dieser Herausforderungen annehmen.

Im vierten Panel, das von Mag. Constanze Jeitler moderiert wurde, ging es wiederum um die Frage des politischen Liberalismus in der Zweiten Republik. Dr. Alfred Gerstl (Universität Wien) wies auf die lange bestehende Abwesenheit eines organisierten politischen Liberalismus nach 1945 hin und analysierte Spuren des Liberalen in den Parteiprogrammen und der politischen Praxis der drei wesentlichen österreichischen Parteien ÖVP, SPÖ und FPÖ. Erst durch die 1993 erfolgte Abspaltung des Liberalen Forums von der FPÖ entstand spät eine Partei, die sich als liberal deklarierte und welche – nach Ausscheiden aus dem Nationalrat – schließlich 2014 mit NEOS fusionierte.

Prof. Anton Pelinka erinnerte schließlich ausgehend von der Formulierung, dass der Liberalismus im Wesentlichen ein „inkonsequenter Anarchismus“ sei, an die Problemstellungen und Herausforderungen des Liberalismus in Österreich von 1945 bis heute. Der ihm zugrunde liegende Universalismus werde zunehmend von beiden Polen des politischen Spektrums herausgefordert. Auch seit der Neoliberalismusdebatte sei der Begriff „liberal“ daher in weiten Teilen der Bevölkerung umstritten, wie Entwicklungen in den USA zeigten.

„Polemisch lässt sich Liberalismus als ,inkonsequenter Anarchismus' beschreiben.“ – Anton Pelinka

 

Der Abschlussvortrag von Dr. Philipp Blom nahm – ausgehend von der 1848-Revolution und den Lebensrealitäten sowie der sozialen Ungleichheit des 19. Jahrhunderts – vor allem die Herausforderungen in den Blick, mit denen die liberalen Demokratien in der globalisierten Welt konfrontiert seien. Ungleichheiten, Wachstumsparadigmen und Klimakrise forderten Politik und das politische System auf besondere Weise heraus. Dazu träte ein Misstrauen gegen akademische und ökonomische Eliten, auf das Vertreter der liberalen Demokratie noch keine überzeugenden Antworten gefunden hätten und somit den Nährboden für populistische Bewegungen bereiteten.

Auf diese Weise spannte der kritische Abschlussvortrag einen Bogen von den Herausforderungen der Vergangenheit zu den Herausforderungen der Gegenwart.

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Dr. Philipp Blom

Programm

Keynote
Prof. Pieter Judson (European University Institute): Die Bedeutung der österreichischen Liberalen: 1848 und sein Erbe neu überdacht


Panel 1: Die 1848er Revolution (Chair: Andreas Enderlin-Mahr)

Univ. Prof. Dr. Gabriella Hauch (Universität Wien): Die 1848er Revolution aus frauen- und geschlechterhistorischer Perspektive

Prof. Dr. Jana Osterkamp (Collegium Carolinum München): 1848 und das Aufkommen des Nationalitätenprinzips


Panel 2: Das liberale Wien – Politische Kultur und Öffentlichkeit (Chair: Nadja Weck)

Mag. Dr. Andreas Pittler (Ferlach): Cajetan Felder. Universalgelehrter, Macher, Bürgermeister.

Dr. Pablo Vivanco (Lera Auerbach Center) – Die 50-jährige Gedächtnisfeier und gegenläufige Erinnerungen an den März 1848 im Wien des Fin de siècle


Panel 3: Liberalismus, Demokratie und Ökonomie (Chair: David Smrček)

Ass. Prof. Janek Wassermann (University of Alabama): The Austrian School of Economics

Dr. Tamara Ehs (Wien): Liberale Demokratie in Wien. Einfluss der 1848er-Revolution auf die Demokratieentwicklung


Panel 4: Politischer Liberalismus in der 2. Republik (Chair: Constanze Jeitler)

PD. Mag. Dr. Alfred Gerstl (Universität Wien): Liberalismus in den Parteien der Zweiten Republik?

Univ. Prof. Dr. Anton Pelinka (Universität Innsbruck): Politischer Liberalismus nach 1945


Abschlussvortrag: Dr. Philipp Blom (Wien)

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