Policy Brief: Independent Voltage
Europa braucht eine unabhängige Energieversorgung
Europa muss in vielen Bereichen global unabhängiger werden, so auch bei der Energiegewinnung und Stromversorgung. Und das geht nur gemeinsam. Wie das funktionieren kann, wurde auf der Konferenz „Independent Voltage“ in Brüssel besprochen.
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Die Konferenz „Independent Voltage“ (Energieunabhängigkeit) wurde vom NEOS Lab gemeinsam mit dem European Liberal Forum (ELF), der Boris Divković Foundation (BDF) aus Sarajevo und Fundalib in Madrid am 30. Juni 2026 im EU-Parlament organisiert. Die Grundlage für die facettenreiche Diskussion bildete die gemeinsame dort präsentierte Studie der Projektpartner unter dem gleichnamigen Titel „Independent Voltage. European Grid Resilience, Energy Sovereignty and EU Compability Standards“. Beide, also Studie und Konferenz, sollen dem European Grids Package (EU-Netzpaket) noch wesentliche Erkenntnisse und Handlungsempfehlungen mit auf den Weg geben. Schließlich soll das EU-Parlament – in Übereinstimmung mit dem Rat der EU – das EU-Netzpaket im Oktober 2026 beschließen.
Schlag auf Schlag
Gerade im Energiebereich scheinen sich die Pläne zu erforderlichen Reformschritten gerade zu überschlagen. Nur wenige Tage nach der ELF-Konferenz, am 2. Juli 2026, beschloss der Ausschuss für Industrie, Forschung und Energie (ITRE) des Europäischen Parlaments ein umfassendes Maßnahmenpaket hinsichtlich schnellerer Genehmigungsverfahren für erneuerbare Energieprojekte. Daran federführend beteiligt war NEOS-Europaabgeordnete Anna Stürgkh, die in ihrem Vorwort zur „Independent Voltage“-Publikation auf die Notwendigkeit umfassender Investitionen verwies: zwei Billionen Euro bis zum Jahr 2050. Denn nur so könnten die europäische Wirtschaft, Wettbewerbsfähigkeit und Sicherheit unter den neuen globalen Bedingungen bestehen. Zu tun gibt es daher viel.
Unabhängigkeit durch Ausbau und Modernisierung
Beim European Grids Package – bzw. umfassender formuliert: European Grids Resilience Package (EU-Paket zur Stärkung der Resilienz der Stromnetze) – geht es um viel mehr; nämlich darum, mit den entsprechenden Investitionen die Stromnetze europaweit auszubauen und zu modernisieren und dabei die Strompreise für die Verbraucher:innen zu senken.
Weitere Ziele sind, eine klimaneutrale Energieversorgung zu erreichen, die Netze stärker auszurüsten und eine grenzüberschreitende Netzplanung umzusetzen. Zudem sollen Strominfrastruktur und Stromnetze vor physischen wie auch vor Cyberangriffen besser geschützt und damit resilienter werden.
„Wir brauchen mehr Europa, nicht weniger“, forderte somit Valérie Hayer, MEP und Präsidentin der Renew Europe Group, denn die richtige „Therapie“ sei nicht „Isolation oder gar Abhängigkeit von externen Energielieferungen, sondern Integration“, um die Energie wieder zurück auf den europäischen Kontinent zu bringen.
Saubere Energie werde daher auch in Zukunft die „billigste Energie“ sein, so Alva Finn, Geschäftsführerin des European Liberal Forum (ELF). Aktuell hohe Energiepreise seien allerdings laut Maurice Fermont, Politikberater der Renew Europe Group, „ein Alarmsignal“. Ein Grund mehr, Klimaschutz und Marktwirtschaft zusammen zu denken und voranzubringen.

Alva Finn und Helmut Brandstätter
Gemeinsames Ziel: Energiesouveränität
Unverzichtbare Grundlage für den Klimaschutz und die dringend notwendige Energiewende sei gesellschaftliche Akzeptanz und Vertrauen, das erst gewonnen werden müsse. Darin waren sich alle drei Studienautoren einig. Denn: „Wenn man Energiesouveränität erreichen will, muss man in Technologien, aber auch in Menschen investieren“, so Markus Fischer, NEOS-X-Mitglied und Autor des Kapitels zum österreichischen Fallbeispiel.
Nihad Harbaš, Geschäftsführer und Berater bei nLogic Advisory sowie Autor des Kapitels zu Bosnien-Herzegowina, empfahl eine noch stärkere europaweite Diversifizierung bei der Energiegewinnung, genauso wie Nicht-EU-Mitglieder bei der Energieversorgung rechtzeitig miteinzubeziehen. Schließlich seien „zögerliche Investitionen ein Risiko für ganz Europa“.
Für einen verstärkt „energieorientierten Ansatz“, sprich energiebewussten Zugang bei der Planung und Umsetzung aller Maßnahmen, plädierte William Wang, Assistenzprofessor an der Europäischen Universität Madrid und Autor des Kapitels zu Spanien: „Die gesetzlichen Grundlagen allein reichen nicht aus. Wir brauchen ausgebildete Ingenieure“, so Wang.
Enormer Kostenfaktor
Die Verknüpfung von Wirtschaftsmarkt und Stromversorgung genauso wie die europaweite Integration bzw. Harmonisierung von Infrastruktur, Produktion und Distribution seien das Gebot der Stunde. Denn nur der Weg in Richtung Integration mit dem Fokus auf Erneuerbare ermögliche langfristig niedrige Energiepreise. Auf den Punkt brachte das Tom Howes, Berater für die Energiewende und Regulierung der Energiemärkte bei der der Europäischen Kommission: „Je stärker wir integrieren, desto kosteneffizienter wird alles.“ Voraussetzung dafür ist klarerweise die gesellschaftliche Akzeptanz, denn diese braucht man für rasche Reformen und die hierfür erforderlichen Großinvestitionen.
Make it sexy: Elektrizität
Was in Sachen Zielvorgabe vielversprechend erscheint, erweist sich in der Kommunikation als höchst herausfordernd, weil für viele Menschen – abgesehen von der eigenen Stromrechnung – Themen wie Energieversorgung und Elektrizität nicht gerade spannend sind. Das problematisierten gleichermaßen Emma Wiesner, MEP der Renew Europe Fraktion, und Manon Dufour, Geschäftsführerin des Brüsseler Büros von E3G. Wiesner untermauerte, dass die Arbeit der Europäischen Kommission in diesem Bereich keinesfalls unterschätzt werden dürfe, die breite Öffentlichkeit allerdings über die bisherigen Meilensteine und Erfolge viel zu wenig wisse, weil eben viel zu wenig darüber berichtet und gesprochen werde. Daran anschließend appellierte Dufour in kraftvollen Worten: „Lasst uns Elektrizität sexy machen, sodass alle darüber denken und ihre politische Perspektive ändern.“ Soll heißen, hohe Stromkosten nicht mehr so hinzunehmen.

Resilienz – das Um und Auf
Wie schon im Namen „European Grids Resilience Package“ festgehalten, geht es bei diesem Stromnetz-Paket auch um die Widerstandsfähigkeit gegenüber physischen und hybriden Angriffen, genauso wie gegenüber möglichen Stromausfällen. Der massive Blackout auf der Iberischen Halbinsel in Spanien im April 2025 hat eine zentrale Lehre mit sich gebracht, wie Roxana Nicula, Geschäftsführerin von Fundalib, festhielt: „Dieser Blackout war ein sehr teurer Weg, die veralteten Stromnetze zu erneuern und gegen zukünftige Ausfälle zu wappnen.“
Auf die notwendige Resilienz gegenüber hybriden Angriffen verwies Helmut Brandstätter, MEP und Präsident von NEOS Lab. Dabei problematisierte er die technologische Abhängigkeit Europas von den USA. Denn gerade das Beispiel von Anthropic verdeutliche, wie vulnerabel hier Europa ist. Das müsse dringend geändert werden, so Brandstätter, und zwar mit europäischen Lösungen: „Wir brauchen eine europäische Cloud.“ Schlicht nach dem Prinzip: Innovated, designed and made in Europe.
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