Bildung findet nicht nur innerhalb der Schule statt
Bildungspolitik ist nicht nur Schulpolitik. Wenn wir über brachliegende Potenziale sprechen, sollten wir eine Gruppe nicht vergessen: die Erwachsenen. Eine Analyse von Clemens Ableidinger.

© LifestyleVisuals/iStock
„Wie steht es um die Studierfähigkeit der österreichischen Maturant:innen?“ „Sind Maturant:innen wirklich ‚hochschulreif‘?“ In unregelmäßigen Abständen werden diese oder ähnliche Fragen in der medialen Öffentlichkeit diskutiert. Dieser scheinbare Kompetenzverlust ist aber nicht auf angehende Akademiker:innen beschränkt. So ist es auch selten, dass man von Ausbildungsbetrieben lobende Worte über die durchschnittlichen Basiskompetenzen vieler Lehrlinge findet.
Angesichts dessen könnte man sich dazu verleitet fühlen, sich in einem Kulturpessimismus zu ergehen und sich darüber zu entrüsten, dass „die Jugend […] heutzutage den Luxus [liebt]. Sie hat schlechte Manieren, verachtet die Autorität, hat keinen Respekt vor den älteren Leuten und schwatzt, wo sie arbeiten sollte“, wie ein Sokrates zugeschriebenes Zitat es nennt.
Doch das wäre vorschnell. Denn die OECD erhebt im Rahmen der PIAAC-Studie auch regelmäßig Daten zu den Grundkompetenzen der Erwachsenenbevölkerung, und darin zeigt sich: Die Lesekompetenzen von Erwachsenen liegen in Österreich nicht nur deutlich unter dem OECD-Schnitt, sondern sie sind in den höheren Altersgruppen sogar niedriger als in den jüngeren. Mangelnde Grundkompetenzen betreffen somit nicht nur die Generation Z, sondern im besonderen Maße die „Boomer“ selbst.
Reskilling in der Erwachsenenbildung
Die OECD prüft in ihrer PIAAC-Studie regelmäßig Alterskohorten, d.h. die Personengruppen, die befragt werden, sind nicht dieselben, zumal sich durch demografische Veränderungen (Zuwanderung und Abwanderung) insgesamt verändert. So legen OECD-Zahlen nahe, dass auch Flucht und Migration dazu führen, dass Menschen mit niedrigeren Kompetenzstufen die Durchschnittsergebnisse beeinflussen. Das ist aber nur eine Teilerklärung, denn die Verschlechterung der durchschnittlichen Fähigkeiten betrifft alle Bevölkerungs- und Bildungsstufen. Der Grund ist vergleichsweise simpel: Brachliegende Fähigkeiten, die nicht benützt werden, verkümmern.
Eine Bevölkerung im Erwerbsalter, die aber nicht über ausreichende Fähigkeiten verfügt, um am Wirtschaftsleben teilzunehmen, ist jedoch ein volkswirtschaftliches Problem, in jeder Altersstufe. Bildungspolitisch bedeutet das, dass auch die Erwachsenenbildung, sowie die Ausbildungsschienen jener Gruppen, die derzeit nicht erwerbstätig sind – wie etwa durch das AMS – stärker ergebnisorientiert arbeiten muss. Ein „Reskilling“ der Erwachsenen, die das Erhöhen der unverzichtbaren Grundkompetenzen – Lesen, Rechnen und adaptives Problemlösen – zum Ziel hat, hätte nicht nur positive Effekte für den österreichischen Wirtschaftsstandort, sondern würde auch die Autonomie und Eigenverantwortung der Betroffenen erhöhen.
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