Depressionen haben sich verdoppelt, die Therapieplätze nicht

10. November 2021
Dieter Feierabend

Neue Daten zur psychischen Gesundheit zeigen, wie sich diese in vielen Gruppen während der Pandemie verschlechtert hat. Diese Erkenntnisse werden jedoch politisch kaum berücksichtigt. Drei Maßnahmen zur Verbesserung der Situation.

Die Pandemie ist nicht vorbei. Dies gilt nicht nur für die aktuellen COVID-19 Fallzahlen oder die Hospitalisierungsraten, sondern für unsere Gesundheit ganz allgemein. Ein Themenfeld, das oftmals wenig diskutiert wird und immer noch mit Stigmatisierung zu kämpfen hat, ist die psychische Gesundheit. Dabei ist längst bekannt, dass sich während der Pandemie die psychische Gesundheit teils massiv verschlechtert hat. Neue Daten der OECD Studie "Gesundheit auf einen Blick", die heute veröffentlicht wurden, bestätigen dies.

Deutlicher Anstieg an Depressionen während der Pandemie

Fast drei Mal so viele Menschen in Österreich (21%) weisen 2020 depressive Symptome wie vor der Pandemie (7,7%). Dieser deutliche Anstieg ist in allen beobachteten Ländern feststellbar. Ebenso zeigt sich in Ländern, die Daten für 2021 erhoben haben, ein leichter Anstieg zu den Vorjahreswerten. Neben Depressionen werden international auch Angststörungen erhoben. Hier zeigt sich ein ähnliches Bild, wie bei Depressionen.

Länder wie beispielsweise Kanada, Niederlande oder Frankreich liefern mittels Panelstudien weitere Erkenntnisse dazu, wer besonders von Depressionen oder Angstzuständen betroffen ist, weil sie Langzeitmessungen zur Psychischen Gesundheit der Bevölkerung durchführen. Diese Studien zeigen zwei wesentliche Effekte für das Zusammenspiel von Psychischer Gesundheit und der COVID-19 Situation.

Prävalenz von Depressionssymptomen in Frankreich 2020/2021

Prävalenz von Symptomen für Angststörungen in Frankreich 2020/2021

Erstens weisen bestimmte Gruppen eine höhere Rate im Vergleich zur Gesamtbevölkerung auf. Hierzu zählen neben Personen mit einer schlechten sozioökonomischen Lage oder Personen, die schon vor der Pandemie an Depressionen oder Angststörungen litten, insbesondere Jugendliche und junge Erwachsene.

Zweitens ist zu beobachten, dass bei Depressionen ein dynamischer Verlauf feststellbar ist. Mit dem Rückgang der Fallzahlen im Sommer dieses Jahres, sind auch diese gesunken. Bei Symptomen für Angststörungen ist jedoch kein Rückgang feststellbar, Jugendliche und junge Erwachsene weisen weiterhin eine hohe Rate für Angststörungen auf.

Was nun zu tun ist

Neben dem Pandemiemanagement ist es weiterhin wichtig, auch auf das psychische Wohlbefinden einen politischen Fokus zu legen. In der NEOS Lab Studie "Psychische Gesundheit in Österreich", haben wir im Dezember 2020 aufgezeigt, welche Lösungsvorschläge für die Politik besonders relevant sind. Neben der Aufstockung der Psychotherapieplatze, die bisher leider kaum erfolgt ist, könnten die folgenden drei Maßnahmen die Situation verbessern.

Erstens müssen die telemedizinischen Angebote in Österreich ausgebaut werden. Hierbei ist deutlich Luft nach oben. Wie Daten von Eurofound zeigen, haben viele Länder ihr telemedizinisches Angebot deutlich stärker ausgebaut als Österreich.

Für die psychische Gesundheit kann Österreich von Kanada und den Niederlanden lernen. Kanada hat letztes Jahr kostenlose Onlinetools zur Selbsteinschätzung der psychischen Gesundheit angeboten und, bei schlechten Werten,  niederschwellige SMS oder Onlineangebote  realisiert. Die Niederlande hat seit der Jahrtausendwende eine große Reihe von online Behandlungsmodulen für Erkrankungen (u.a. Depressionen, Angstzustände, oder Stress bei der Arbeit) entwickelt haben. Da bei der Entwicklung Effektivität und Kostenwirksamkeit zentrale Parameter waren, konnte ein flächendeckendes Angebot schnell entwickelt werden.

Zweitens verweist die OECD darauf, dass trotz der erheblichen sozialen und arbeitsmarktpolitischen Folgekosten von psychische Erkrankungen, psychische Unterstützungsangebote in der Sozial-, Arbeits- und Jugendpolitik kaum eine Rolle spielen. Gerade für Jugendliche wäre es wichtig, niederschwellige Angebote in der Schule zu etablieren. Mögliche Maßnahmen wären ein erhöhter Einsatz therapeutisch geschulten Personals an Schulen und eine flächendeckende Bereitstellung niederschwelliger Beratungsangebote, eine Erhöhung des Unterstützungspersonals im psychosozialen Bereich und ein flächendeckendes Screening Angebot für die psychosoziale Gesundheit im Schulumfeld.

Drittens ist langfristig ein Ausbau der Gesundheitsinfrastruktur notwendig. Dies beinhaltet neben einer Kassenregelung für Psychotherapie auch einen Ausbau von niedergelassenen Angeboten, insbesondere in ländlichen Regionen und eine gute Gesamtplanung von Leistungen, Angeboten und Indikatoren für Wirkungsketten.

 

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