Wenn Jobs in Österreich nicht mehr so attraktiv wie vor 20 Jahren sind

Was jetzt zu tun ist, um den Arbeitskräftemangel zu entschärfen

22. Dezember 2021
Die Einkommenskluft zu den meisten osteuropäischen Nachbarstaaten ist deutlich kleiner geworden. Das macht es für österreichische Unternehmen schwerer, von dort Mitarbeiter anzuwerben. Um Österreichs Wettbewerbsposition zu stärken und die Nettoeinkommen zu erhöhen, braucht es eine ambitionierte Entlastung des Faktors Arbeit. Eine Abgabenquote, wie sie Holland hat, brächte den Steuerzahlern und Steuerzahlerinnen 16 Milliarden Euro an Steuersenkung. Die Abschaffung der kalten Progression wäre ein erster Schritt.
 Von Günther Oswald. 

Viele Unternehmen haben bereits vor dem vierten bundesweiten Lockdown von Schwierigkeiten bei der Mitarbeitersuche berichtet. Immer wieder ist zu hören: Mitarbeiter aus ost- oder südosteuropäischen Ländern nehmen lieber Jobs in ihrer Heimat an, die zwar schlechter bezahlt, aber sicher sind, als in Österreich auf Kurzarbeit oder den nächsten Lockdown zu warten.

In einem neuen Policy Brief zum Thema Fachkräftemangel sehen wir uns im Neos Lab an, was zu tun ist, um den Arbeitskräftemangel zu entschärfen. Auch die Entwicklung der Einkommen in ausgewählten Nachbarländern haben wir uns dafür angesehen. Wir wollten wissen, wie stark der Aufholprozess – auch dank der EU-Osterweiterung - in den vergangenen Jahrzehnten war und wie attraktiv Österreich noch ist.

Die folgende Grafik, die auf Eurostat-Daten basiert, vergleicht die Nettoeinkommen mit umliegenden Ländern bzw. Staaten, aus denen traditionell viele Arbeitskräfte nach Österreich kommen. Für die Frage, ob man einen Job im Ausland annimmt, ist aber natürlich nicht nur die absolute Höhe des Einkommens relevant, sondern auch, was man sich damit kaufen kann. Die Daten wurden daher kaufkraftbereinigt, beruhen also auf Kaufkraftstandards (KKS). Mit KKS werden Unterschiede zwischen den nationalen Preisniveaus ausgeglichen. Es wird unterstellt, dass man sich mit einer Währungseinheit überall dieselbe Menge an Waren und Dienstleistungen kaufen kann.

Die Auswertung des Neos Lab, über die auch "Die Presse" bereits berichtete (Link: https://www.diepresse.com/6077114/arbeiterquelle-osteuropa-versiegt), zeigt folgendes Bild: Zwar verdient man im Schnitt noch immer deutlich mehr in Österreich, die Kluft ist in den vergangenen 20 Jahren aber deutlich kleiner geworden (außer zur Slowakei). In Polen und der Türkei kamen Arbeitnehmer und Arbeitnehmerinnen im Vorjahr bereits auf gut 60 Prozent des hiesigen Einkommenslevels. 

In Tschechien, Rumänien, Slowenien und Ungarn haben durchschnittliche Nettoeinkommen einen Wert von rund 53 bis 54 Prozent eines österreichischen Durchschnittsnettoeinkommens. Das entspricht in etwa der Höhe des österreichischen Arbeitslosengeldes (die Ersatzrate liegt bei 55 Prozent des Nettoeinkommens). In Kroatien, Bulgarien und der Slowakei liegen die durchschnittlichen Nettoeinkommen gemessen in Kaufkraftstandards noch knapp unter 50 Prozent des österreichischen Niveaus.

Deutlich höher liegen die Werte natürlich für die "alten" EU-Länder Deutschland (102,9 Prozent) und Italien (73,2 Prozent) sowie die Schweiz (137,2 Prozent). Für Mitarbeiter aus diesen Ländern spielen aber ohnehin spezifische Chancen in einer Branche oder in einem Unternehmen eine größere Rolle als die generellen Möglichkeiten, in Österreich ein deutlich höheres Einkommen zu erzielen.

Dabei spielt auch das Steuersystem eine große Rolle. Die Belastung des Faktors Arbeit ist – und bleibt auch trotz der jüngsten Steuerreform – sehr hoch. Würde man die Steuerlast auf niederländisches Niveau senken, könnten die Steuerzahler und Steuerzahlerinnen um rund 16 Milliarden Euro entlastet werden.

Fazit: Für Menschen aus Ost- und Südosteuropa ist es angesichts der Unsicherheiten am heimischen Arbeitsmarkt und dem gestiegenen Wohlstand in den Herkunftsländern attraktiver geworden, sich in den Heimatstaaten einen Job zu suchen. Gerade im Tourismus, der in Österreich besonders unter der Krise leidet, bietet es sich zudem für viele Arbeitskräfte an, in die Schweiz auszuweichen. Das Nachbarland war mit Einschränkungen in diesem Wirtschaftsbereich deutlich zurückhaltender. Die Einkommen sind bei den Eidgenossen ohnehin deutlich höher.

Angesichts dieser Entwicklungen wäre es sinnvoll, ambitioniert an einer echten steuerlichen Entlastung zu arbeiten. Um die Nettogehälter im Vergleich zu den Arbeitskosten dauerhaft zu erhöhen, sollte die schon oft angekündigte Abschaffung der kalten Progression endlich umgesetzt werden. Die Tarifstufen sollten also an die Inflation angepasst werden. Angesichts der aktuell gerade sehr hohen Inflation wäre auch ein Vorziehen der nächsten Entlastungsschritte (die dritte Tarifstufe sinkt 2022 de facto nur von 35 auf 32,5 Prozent, die vierte 2023 von 42 auf 41 Prozent) ein Beitrag zur Kaufkraftstärkung.

Zudem müssen bürokratische Hürden bei der Rot-Weiß-Rot-Karte beseitigt werden. Ein praxisnahes Modell wäre ebenfalls ein Beitrag zur Verringerung des Arbeitskräftemangels.

Artikel in der Presse zur Lab-Auswertung.

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