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Ohne geht’s nicht?

Wie viel Nachhilfe verträgt ein gutes Bildungssystem?

Helga Pattart-Drexler
Helga Pattart-Drexler
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© NEOS Lab

Ich hab ganz viel davon gebraucht. Von Nachhilfe ist die Rede. Bei mir waren es vor allem Latein und Mathematik – meine persönlichen Angstfächer. Während andere offenbar mühelos wussten, warum aqua plötzlich aquae und dann auch noch aquarum wurde, habe ich mich gefragt, warum es dafür eigentlich so viele verschiedene Endungen braucht. Mathematik war ähnlich. Zahlen und ich hatten über Jahre eine eher schwierige Beziehung.

Nachhilfe hat mir geholfen. Und damit war ich nicht allein. Kaum beginnt das neue Schuljahr, startet für viele Familien deshalb auch wieder die Suche nach Nachhilfelehrer:innen. Mathematik, Englisch, Deutsch – im Zweifel alles zusammen. Denn spätestens beim ersten Blick auf den neuen Stundenplan wird manchen Eltern klar: Dieses Schuljahr wird nicht nur für die Kinder anspruchsvoll.

Und inzwischen hat sich rund um die Nachhilfe eine ganz eigene Infrastruktur entwickelt. Allen voran: WhatsApp-Gruppen von Eltern.

Hat jemand die Hausübung schon?“
„Bei Nummer 7 komme ich auf 4,8 – stimmt das?“
„Kann bitte jemand den Lösungsweg fotografieren?“
„Ich glaube, die Aufgabe ist falsch gestellt.“
„Nein, man muss zuerst die Klammer auflösen.“
„Aber mein Sohn hat es anders gemacht und auch 12 herausbekommen.
Whatsapp-Gruppe für Eltern

Und dann sitzt man da und überlegt: Soll man jetzt helfen – oder ist das schon pädagogisch bedenklich? Gebe ich den Lösungsweg weiter? Oder verhindere ich damit, dass das Kind selbst draufkommt? Und warum kann ich eigentlich eine WhatsApp-Gruppe mit 37 Eltern organisieren, aber bei Bruchrechnen versagt meine eigene Kompetenz nach drei Minuten?

Nachhilfe ist also längst mehr als ein paar zusätzliche Stunden vor der nächsten Schularbeit. Sie ist mittlerweile fast schon ein fixer Bestandteil unseres Bildungssystems. Expert:innen haben dafür einen eigenen Begriff gefunden: Shadow Education.

Und genau da wird es interessant.

Denn Nachhilfe ist eigentlich ein ziemlich schönes Bild für etwas Größeres: Wir alle brauchen manchmal Hilfe beim Weiterkommen. Die entscheidende Frage ist nur, wer diese Hilfe bekommt – und wer dafür bezahlen kann.

Bildung sollte nicht davon abhängen, ob am Monatsende noch genug Geld für zwei Stunden Mathematik übrig ist. Wenn Kinder dauerhaft auf private Nachhilfe angewiesen sind, lohnt sich deshalb auch der Blick auf das System selbst: Warum sind so viele Schüler:innen auf Nachhilfe angewiesen? Was muss sich in der Schule verändern, damit das nicht mehr notwendig ist?

Und wenn wir schon dabei sind: Eine kleine Nachhilfestunde könnten vermutlich auch wir Erwachsenen gebrauchen. In Medienkompetenz. Im Umgang mit KI. In politischer Bildung.

Ich jedenfalls bin froh, dass ich meine Angstfächer irgendwann hinter mir lassen konnte. Latein brauche ich heute eher selten. Mathematik schon – auch wenn ich bis heute nicht sicher bin, ob ich wirklich alles verstanden habe, was mir die Nachhilfe damals beigebracht hat.

Aber vielleicht ist das ja auch eine wichtige Erkenntnis: Man muss nicht alles können. Man muss aber wissen, wen man fragen sollte. Die gewisse Inkompetenzkompensationskompetenz. Ein Skill, ohne den ich meine Schulzeit nicht überstanden hätte …

Wer mehr über Nachhilfe, ihre Chancen, Grenzen und die Frage wissen möchte, was ein gutes Bildungssystem leisten sollte, findet mehr dazu in unserem NEOS LAB Policy Brief, Blog und Podcast. Damit haben wir uns im Sommer intensiv beschäftigt, Fakten zusammengetragen und uns natürlich auch die Frage gestellt: Wie viel Nachhilfe braucht ein gutes Bildungssystem eigentlich?

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