Kindergartenstudie | Dezember 2021

Hyggelige Kindergärten - Wie Österreich zu skandinavischen Kinderbetreuungsverhältnissen kommt

13. Dezember 2021
Johannes Stolitzka

Österreich nimmt zwar Milliardenbeträge für verschiedenste Corona-Hilfsmaßnahmen und die Bezuschussung der Pensionen in die Hand, spart jedoch bei den Kleinsten. Doch genau im Bereich der Kindergärten wäre das Geld gut investiert, wie wir an anderen Ländern wie Dänemark erkennen können. Und wie eine aktuelle Studie zeigt, würde das die Republik verhältnismäßig wenig kosten – und viel bringen.

Was kostet und bringt ein massiver Ausbau der Kinderbetreuung für die unter 3-Jährigen? Dieser Frage ist das Wirtschaftsforschungsinstitut Eco Austria nachgegangen. Österreich ist nämlich weit von selbst gesteckten Zielen, wie den Barcelona-Zielen, entfernt. Dabei ist deutlich, wieso es einen Ausbau der Kinderbetreuung unbedingt braucht.

Positive Effekte von früher Kinderbetreuung

Die positiven Effekte von früher Kinderbetreuung bzw. von frühkindlicher Bildung sind in der Forschung weitgehend bekannt. Hier ist es besonders wichtig zu sehen, dass die Effekte auf mehreren Ebenen wirken. Denn die frühkindliche Bildung eines Kindes hat positive Auswirkungen nicht nur auf das Kind selbst, sondern auch auf Mütter, den Arbeitsmarkt u.v.m.

Einerseits haben Studien und Daten der OECD gezeigt, dass Kinder mit intensiver frühkindlicher Bildung bessere Ergebnisse bei PISA-Tests vorwiesen als ihre Mitschüler_innen und andererseits höhere Bildungsabschlüsse, niedrigere Kriminalität, sowie bessere Karrierechancen bis hin zu gesünderem Lebensstil vorzeigen konnten. Doch genauso wichtig sind die positiven Effekte für Eltern und insbesondere Mütter, die es in Österreich oft schwer haben gegenüber der männlichen Bevölkerung Karrierechancen und Erziehung unter einen Hut zu bringen. Denn in Österreich lassen die Öffnungszeiten und Schließtage der Kinderkrippen und Kindergärten oft zu wünschen übrig. Somit gibt es zwar ein großes Kinderbetreuungsangebot, die Öffnungszeiten lassen jedoch oft nur eine Teilzeitanstellung der Mütter zu. Das stärkt eine Ungleichstellung von Frauen nicht nur am Arbeitsmarkt, da Karrieresprünge besonders bei langer Teilzeitbeschäftigung schwieriger zu erreichen sind. Die genauen Folgen von Vereinbarkeit von Familie und Beruf und die Versäumnisse der letzten Jahrzehnte hat Dieter Feierabend in einem NEOS Lab Blog schon vor einigen Wochen genauer dargelegt.

Aber kurz zusammengefasst, erreicht Österreich kläglich nicht die 2002 beschlossenen EU-weiten Barcelona-Ziele für Kinderbetreuung und frühkindliche Bildung um gerechte Bildungschancen für alle Kinder und Abbau von Hemmnissen, die Frauen vom Erwerbsleben abhalten zu stärken. Die Betreuungsquote bei unter 3-Jährigen liegt bei gerade einmal 23%, und damit 10% unter dem Barcelona-Ziel von 33%. Hier fehlt es schlichtweg an einem Vollzeitangebot, dass eine höhere Betreuungsquote erlauben würde. Denn besonders bei den unter 3-jährigen gibt es die Chance durch eine qualitativ hohe frühkindliche Bildung Effekte aufgrund des sozioökonomischen Hintergrunds, wie auch generelle negative Bildungseffekte abzufangen. Zudem würde es Mütter einen früheren Wiedereintritt in das Erwerbsleben ermöglichen.

Hier macht es Dänemark Österreich vor. Über 66% (2019) der Kinder unter 3 Jahren sind in einer staatlichen oder privaten Kinderbetreuung. Und während in Österreich im Coronajahr 2020 die Zahlen der Kinderbetreuung (21%, laut Statistik Austria: 27,6%) sanken, sind sie in Dänemark (67.7%) sogar gestiegen. Österreich reiht sich somit weiterhin nicht nur hinter dem Barcelona-Ziel ein, sondern ist auch weit unter dem EU-Schnitt, wie unsere Grafik zeigt. Dänemark hat gleichzeitig - im Gegensatz zu Österreich - eine hohe Vollzeitbeschäftigungsquote von Frauen und eine weit niedrigere Teilzeitquote als Österreich (laut Eurostat: trauriger 2. Platz in der EU mit 47,1%).

Was Österreich auf Dänemark fehlt

Was also braucht es für die dänischen Verhältnisse? Also für eine Betreuungsquote von 2/3 der unter 3-Jährigen und längere Öffnungszeiten? Laut Eco-Austria wäre ein Anstieg der durchschnittlichen Öffnungszeiten von 9,1 auf täglich 10,8 Stunden (=Ø-Öffnungszeiten in Wien) notwendig, um Vollzeitbeschäftigung für Mütter zu ermöglichen.  Zusätzlich müsste beachtet werden, dass besonders bei unter 3-Jährigen die Gruppengröße stets klein gehalten wird, wodurch sich ein niedrigerer Betreuungsschlüssel ergibt, was wiederum zusätzliche Mittel bedürfe.

Das würde bedeuten, dass Österreich sein Budget für einen Gesamtausbau der Kinderbetreuung von 2,9 Mrd. € auf 4,521 Mrd. € erhöhen müsste. Somit würden sich die aktuell vergleichsweise niedrigen Ausgaben um 1,6 Mrd. € erhöhen. Wenn Österreich ausschließlich die Öffnungszeiten der Institutionen auf 10,8 Stunden ausweitete, so würde das Mehrkosten von 295 Mio. € bedeuten (Teilszenario 1). Wenn man darauf wert legen würde ausschließlich die Betreuungsquote der unter Dreijährigen auf 2/3 zu erhöhen, so würde das Mehrkosten von 1,33 Mrd. € bedeuten. Diese Ausgaben haben jedoch nicht nur langfristig positive Effekte auf die Wirtschaftsleistung und Gesellschaft, sondern bereits kurzfristig wirken sie sich positiv auf geleistete Arbeitsstunden, höhere Produktivität, höhere Bildungsabschlüsse, einen höheren Konsum, höhere Chancengerechtigkeit zwischen Männern und Frauen, und sogar eine höhere Fertilität aus. 

Fazit

Das Angebot an Kinderbetreuungsplätzen ist in Österreich, insbesondere bei den unter 3-Jährigen, im europäischen Vergleich dürftig. Die negativen Effekte gehen über die Langzeitbildungsfolgen von fehlender frühkindlicher Bildung bei Kindern hinaus. Denn um Chancengerechtigkeit in der Gesellschaft und am Arbeitsmarkt zu garantieren, muss man für Mütter ein adäquates Betreuungsangebot schaffen, das sie aus der endlosen Teilzeitfalle befreit. Denn wer lange in Teilzeitbeschäftigung bleibt, wird es schwer haben, am Arbeitsmarkt zu bestehen und muss zusätzlich mit einer niedrigeren Pension rechnen. Verglichen mit den Kosten für umfangreiche Covid-19-Hilfspakete sind Mehrkosten von 1,6 Mrd. € ein kleiner Beitrag, um die Zukunft der Kinder Österreichs chancenreicher zu machen und um Hemmnisse für Mütter auf den Weg zurück in das Erwerbsleben abzubauen. Die Mittel sind also vorhanden, der Wille muss es jedoch auch sein.