Impfen: Die vergessene Zielgruppe

13. Januar 2022
Johannes Stolitzka

Das chaotische Pandemiemanagement lässt Österreich seit Herbst 2021 zunehmend schlechter dastehen als viele andere Länder. Die Erklärung hierfür scheint vielen nicht ganz klar zu sein, schließlich haben wir vergleichsweise strenge Maßnahmen und ein gut ausgebautes Gesundheitssystem. Doch die niedrige Durchimpfung der älteren Bevölkerung, sprich der Risikogruppen, unterscheidet sich eklatant von anderen Ländern, die seit Herbst relativ glimpflich durch die Pandemie kommen.

Das Coronavirus macht keinen Unterschied, ob jemand Österreicher_in oder Dän_in ist. Aber wie ein Land auf das Virus reagiert, macht offenbar sehr wohl einen großen Unterschied in der Bekämpfung der Pandemie. Denn es zeigt sich, dass Österreich im Vergleich zu anderen Ländern schlecht abschneidet. Insbesondere die 4. Welle sorgte, trotz strenger Maßnahmen, für viele Infektionen, viele schwere Verläufe und eine hohe Übersterblichkeit. Damit erlebt Österreich seit dem Herbst 2021 eine Pandemieentwicklung, die sich von den meisten westlichen Ländern teilweise stark unterscheidet. 

Um den österreichischen Weg einzuordnen, wollen wir uns im folgenden auf eine Ländergruppe fokussieren, die immer wieder Spitzenrollen einnimmt: die nordischen Länder Dänemark, Schweden, Finnland und Norwegen.

Was zunächst einmal auffällt, sind die strengen Maßnahmen zur Coronabekämpfung, die Österreich gemessen am Oxford Stringency Index über lange Zeit implementiert hat. Die skandinavischen Länder setzten hier weitestgehend auf mildere oder weniger Maßnahmen.

Trotz einer teuren Teststrategie und vielen Maßnahmen scheiterte der österreichische Versuch des "Containment", also die Verbreitung des Virus einzudämmen. Die Infektionszahlen im Herbst 2021 schossen insbesondere bei der gefährlichen Deltavariante in die Höhe – in Österreich wesentlich stärker als anderswo.

Die Impfung von Risikogruppen und Älteren haben viele Leben gerettet und die Spitäler in allen Ländern mit hohen Impfquoten entlastet. Österreich schaffte es aber weniger die erhöhten Infektionszahlen von der Belastung der Intensivbetten zu entkoppeln, was sich an mehr schweren Verläufen im Herbst 2021 als in anderen Regionen zeigte.

In letzter Konsequenz hat Österreich auch eine deutlich höhere Übersterblichkeit im Vergleich zu den meisten westlichen Ländern aufgewiesen. In der deutschsprachigen Region liegt man mittlerweile vor der Schweiz, die deutlich weniger bundesweite Maßnahmen setzte. Und im Vergleich zu Schweden sind in Österreich in Relation zur Bevölkerung mittlerweile sogar mehr Menschen verstorben.

Die Mischung aus vielen, teils teuren Maßnahmen und vielen schweren Krankheitsverläufen und Todesfällen zeigt, dass die ohnehin schlechte Pandemieperformance Österreichs im Vergleich zu anderen Ländern sogar noch einmal schlechter geworden ist. Doch was ist der Grund?

Eine mögliche Antwort liegt recht nahe: eine höhere Impfquote. Dabei ist nicht unbedingt die allgemeine Impfquote ausschlaggebend. Viel mehr ist die Impfquote in den Altersgruppen relevant, die von Corona stärker betroffen sind. Österreich schneidet nämlich genau bei den Älteren schlechter ab: Und das sind nicht nur die größten Kohorten, sondern sie haben auch ein um einiges höheres Risiko, schwer zu erkranken. Die nächste Grafik zeigt, dass Österreich bei der 50- bis 59-jährigen Generation der Babyboomer und Älteren eine weit unterdurchschnittliche Impfquote aufweist. In dieser Gruppe und bei allen älteren Personen ist jeder Prozentpunkt einer größeren Impflücke gefährlicher als bei Jüngeren.

Österreichs Impfkampagnen erreichen trotz vieler Lippenbekenntnisse für "zielgruppenspezifische Kampagnen" die Risikogruppen offenbar nicht ausreichend. Das könnte uns auch weiterhin schwierige Zeiten verschaffen. Omikron ist deutlich ansteckender als bisher bekannte Varianten, und könnte bei einer schnellen Durchseuchung auch die kritische Infrastruktur bedrohen. Das kann schlussendlich auch dazu führen, dass andere Länder mit deutlich milderen Maßnahmen als Österreich durch die nächsten Wochen kommen werden und somit wirtschaftlich besser durch die Krise. 

Wie kann sich nun Österreich gegen eine Überlastung des Gesundheitssystems und der kritischen Infrastruktur stellen? Der CSH hat in seinem Ende 2021 erschienenen Policy Brief drei Strategien gegen Omikron geschildert:

  • Containment und Impfkampagne
  • Verlangsamung der Durchseuchung
  • "Laufen lassen" - schnelle Durchseuchung

Die Gefahren einer unkontrollierten Durchseuchung sind offensichtlich. Sie würde riskieren, die Spitäler erneut zu überlasten, und auch einen Personalausfall in der kritischen Infrastruktur durch Krankheit, oder Quarantäne, zu verursachen. Der CSH warnt auch, dass diese Überlastung der Spitäler auch die Versorgung von anderen Krankheiten verschlechtern und so die Übersterblichkeit in Österreich noch zusätzlich erhöhen könnte. Für Containment und eine schnelle Impfkampagne ist es allerdings zu spät um Omikron abzufangen.

Aufgrund des chaotischen Pandemiemanagements und der fehlenden Durchimpfung der Risikogruppen müssen wir uns wohl auch noch länger mit Maßnahmen auseinandersetzen, mit all ihren negativen Effekten auf die Wirtschaft, die (psychische) Gesundheit und die politische Polarisierung. Während sich die Politik mit Kleinklein aufhält – etwa einer Sperrstunde um 22 Uhr oder einer Maskenpflicht im Freien – wird eine zentrale Maßnahme vergessen: eine zielgruppenspezifische Impfkampagne mit Fokus auf die ältere Bevölkerung – wie von den meisten Wissenschafter_innen und dem CSH empfohlen –, um zukünftige Systemüberlastungen effektiv zu verhindern.