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Lehren aus dem AfD-Wahlsieg in Sachsen-Anhalt

Bei den Landtagswahlen im ostdeutschen Sachsen-Anhalt verfehlte die gesichert rechtsextreme AfD nur knapp die absolute Mehrheit. Die Wahlbeteiligung lag bei 77,8 Prozent. Warum Populismus so erfolgreich ist und was man ihm entgegensetzen kann. 

Silvia Nadjivan
Silvia Nadjivan
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© Victor Golmer/iStock

Der stets freundlich lächelnde Spitzenkandidat Ulrich Siegmund hat mit einem Wahlsieg von 43,8 Prozent nur knapp die Absolute verfehlt. Der gesichert rechtsextremen Partei Alternative für Deutschland (AfD) hat das einen historischen wie höchst besorgniserregenden Triumph beschert. Denn das erste Mal seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs und damit des Nationalsozialismus fand eine rechtsextreme Partei so viel Zuspruch. 

Die Suche nach den Ursachen 

Warum es so weit kommen konnte, wird gerade intensiv analysiert. Zuallererst straften die AfD-Wähler:innen die unpopulären Reformpläne der Bundesregierung unter dem ebenso unbeliebten Bundeskanzler und CDU-Politiker Friedrich Merz im Gesundheits- und Pensionsbereich ab. 

Hinzu kommt, dass die strukturellen Unterschiede zwischen West- und Ostdeutschland bis heute fortbestehen – und das, obwohl seit der Wiedervereinigung massiv in die neuen Bundesländer investiert wurde. Zudem begannen vor allem junge, hochqualifizierte Menschen nach der Wende abzuwandern. Zurückgeblieben sind somit viele von Depopulation (Abwanderung) gezeichnete Gemeinden. All diese Entwicklungen haben wiederum das Gefühl der Benachteiligung vor Ort zusätzlich verstärkt. Es ist also ein Teufelskreis entstanden

Toxisches Erfolgsrezept populistischer Parteien 

Was populistische Parteien besonders gut beherrschen, ist, dieses Gefühl des Abgehängtwerdens, der Benachteiligung und der großen Ungerechtigkeit unvermindert anzusprechen und mit dichotomen Freund-Feind-Bildern zusätzlich anzuheizen. Für komplexe sozioökonomische Probleme finden sie vereinfachte und damit unrealistische Lösungen, indem schnell Sündenböcke gefunden werden – ob nun die sogenannten „Bonzen“ oder „Ausländer“ – und damit die Gesellschaft unter Rekurs auf das sogenannte gemeinsame, ethnisch reine Volk polarisieren. Ihr Fokus liegt daher auf gesellschaftlicher Spaltung, nicht sozialer Kohäsion durch lösungsorientierte, nachhaltige Politik.

Gute-Laune-Populismus à la Ulrich Siegmund 

Was den Wahlsieg von Ulrich Siegmund besonders befeuert hat, war die Kombination aus mehreren Faktoren: die breite Unzufriedenheit mit der Bundesregierung genauso wie mit der Situation vor Ort, und das gepaart mit einer diffusen Sehnsucht nach der „guten alten Zeit“ bzw. gewissen DDR-Nostalgie.

Diesen Gefühlsmix hat der frischgebackene Spitzenkandidat Ulrich Siegmund für sich nutzen können. Als gelernter Handelskaufmann und Vertreiber von Aromadüften hat Siegmund jahrelange Erfahrung im Verkauf. Dadurch kann er seine werbewirksamen Auftritte in einen besonderen Gute-Laune-Populismus bzw. Affekt-Populismus packen und so seine Zielgruppe für sich gewinnen – in einer sozusagen zuckersüßen Demagogie. Das populistische Grundwerkzeug stammt von der „Schwesterpartei“ FPÖ. 

FPÖ als „Geburtshelfer“ der AfD 

Obwohl die FPÖ und AfD (nach einem Streit mit dem französischen Rassemblement National) auf europäischer Ebene unterschiedlichen Parteienfamilien angehören – und zwar den Patrioten für Europa (PfE) und dem Europa der Souveränen Nationen (ESN), pflegen FPÖ und AfD intensiven Kontakt und Austausch. So besuchte die AfD-Chefin inmitten des Wahlkampfs in Sachsen-Anhalt für ihr ZDF-Sommergespräch die FPÖ in Wien, um die Vorbildwirkung der FPÖ besonders hervorzuheben. 

Die FPÖ wird mittlerweile nicht nur als Lehrmeister, sondern auch als „Geburtshelfer“ der AfD bezeichnet – wie zuletzt vom Politikwissenschafter Peter Filzmaier in der ZIB 2 am 7. September 2026.

Nicht abwegig wären Ratschläge in die Richtung, durch Kompromisslosigkeit eine Pattstellung im Landtag zu provozieren, dadurch Neuwahlen in Sachsen-Anhalt herbeizuführen und auf diese Weise dann doch die Absolute zu erlangen – was der FPÖ im Zuge der gescheiterten Koalitionsverhandlungen 2025 bekanntlich nicht gelungen ist. Außer das linkspopulistische Bündnis Sahra Wagenknecht (BWS) lässt sich auf eine gemeinsame autokratisch orientierte Koalition ein. Nicht umsonst wird Sahra Wagenknecht auch als „menschgewordener Hitler-Stalin-Pakt“ bezeichnet. 

Welche Lehren zu ziehen sind 

Was populistische, antidemokratische Parteien nur zu tun vorgeben, müssen liberale und liberaldemokratische Parteien authentisch tun – und zwar die Sorgen und Ängste der Menschen ernst nehmen, den direkten Dialog suchen, nachhaltige Lösungen bieten und diese auch laufend kommunizieren. 

Demokratie und Regierungsarbeit besteht ständig aus Kompromissen. Das muss den Menschen auch laufend vermittelt werden. Andernfalls würde das auch in Europa ein Leben unter autokratischer Herrschaft bedeuten. Was der antieuropäische und antidemokratische Affekt-Populismus nur vorgibt zu bieten, kann liberale und liberaldemokratische Politik schon längst authentisch liefern, und zwar das gute Gefühl bzw. Good Feeling, in einer freien, pluralistischen Gesellschaft selbstbestimmt zu leben. 

Was das autoritäre Playbook (Stichwort: Project 2025) in negativer Hinsicht propagiert, kann das liberale Playbook im positiven Sinn bieten: die Menschen in den Schutz der resilienten Demokratie einbinden und mit hoffnungsvollen Erzählungen statt Angst Zuversicht geben. Der Weg ist zwar momentan steinig, aber alles andere als unüberwindbar. Wir müssen nur tun. 

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