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Schöne neue Arbeitswelt? Ein Gespräch mit Katharina Körber-Risak

Maria Lutz
Maria Lutz

Die Arbeitswelt von morgen: KI-gestütztes Arbeiten frei von Bullshit Tasks, mehr Freizeit dank Arbeitszeitverkürzung und keine Teilzeitfallen für Frauen dank fair verteilter Care-Arbeit. Reine Utopie oder realistisches Szenario? Teil II unseres Interviews mit der Rechtsanwältin und Arbeitsrechtsexpertin Katharina Körber-Risak.

Haben wir Teil I unseres Interviews vor allem der Frage gewidmet, wie „verstaubt“ das österreichische Arbeitsrecht ist, wagen wir im weiteren Gespräch einen gemeinsamen Blick in die (mögliche) Arbeitswelt der Zukunft. Wie beurteilt die Arbeitsrechtsexpertin die Nutzung von KI im Arbeitsalltag? Müssen wir sie als Bedrohung oder als Chance begreifen? Eine weitere große Herausforderung für die Arbeitswelt von morgen stellt die Tatsache dar, dass nach wie vor (zu) viele Frauen in Österreich, vor allem Mütter, in der „Teilzeitfalle“ und später nicht selten in Altersarmut landen.

Erst kürzlich zeigte der Equal Pension Day 2023, heuer am 4. August, den deutlichen Unterschied bei der Pensionshöhe („Gender Pension Gap“) zwischen Frauen und Männern auf: 2023 sind die Pensionsbezüge von Frauen in Österreich um 40,55 Prozent niedriger als jene von Männern. Darüber hinaus ist Österreich im Geschlechtergleichstellungsindex (herausgegeben vom Weltwirtschaftsforum) weit von Spitzenpositionen entfernt und rutschte zuletzt auf Rang 47 unter 146 Ländern ab.

„Frauen am Arbeitsmarkt, das ist mein Lieblingsthema“, meint dazu die Expertin – und jedenfalls eines, bei dem Handlungsbedarf besteht. Wie „verhelfen“ wir Frauen zukünftig zu mehr Vollzeitarbeit und allgemein zu mehr Gleichberechtigung in der Arbeitswelt? „Da gibt es im Arbeitsrecht einige Stellschrauben, an denen man relativ schnell drehen könnte.“

Maria Lutz: Welche wären das unter anderem, Frau Körber-Risak?

Katharina Körber-Risak: Vorwegschicken möchte ich eines: Wir gehen grundsätzlich immer davon aus, dass Frauen am Arbeitsmarkt eingeschränkt sind, weil sie den größten Teil der Care-Arbeit übernehmen, nicht nur für Kinder, sondern auch für pflegebedürftige Angehörige. Das ist eine Prämisse, die mir an sich wehtut.

Aber es ist ein Fakt, und eigentlich müsste man genau da ansetzen und ändern, dass die Care-Arbeit einseitig bei einer Hälfte der Bevölkerung liegt. Da geht es um Themen wie Kinderbetreuung oder gewisse finanzielle Anreize wie Kinderbetreuungsgeld, das man vielleicht nur bekommt, wenn man Halbe-Halbe mit dem Partner macht. Würde man gewisse Anreize und Vergünstigungen an eine 50:50-Aufteilung „binden“, wäre das ein mega Anreizsystem. Dass Kinderbetreuung für alle im Erwerbsleben stehenden Personen wichtig ist, ist eine Binsenweisheit, die allerdings der Politik anscheinend völlig egal ist. Sonst könnte man sich die – vor allem in den Bundesländern – wirklich dramatische Kinderbetreuungssituation nicht erklären.

Elternteilzeit: Schutz oder Schaden?

Aber kann eine verbesserte Kinderbetreuungssituation alleine für eine fairere Verteilung der Care-Arbeit und dadurch weniger Teilzeit bei Müttern sorgen?

Eine Sache, die oft vergessen wird, ist aus meiner Sicht das Unterhaltsrecht nach Trennungen. Die Politik scheint, was das betrifft, nicht immer im Blick zu haben, dass viele Eltern sich irgendwann wieder trennen. Wenn bereits vor der Trennung ein Einkommensgefälle da war, ist es für Frauen mit dem geltenden Unterhaltsrecht sehr, sehr schwierig, genauso viel zu arbeiten wie der Mann. Im Wesentlichen bekommen sie dann nämlich keinen Unterhalt mehr, auch nicht für die Kinder. Dadurch werden die Einkommensunterschiede noch gravierender. Ich glaube, man müsste einmal sehr genau und ideologiefrei schauen, ob man nicht durch das Unterhaltsrecht diese einseitige Verteilung der Care-Arbeit in Wirklichkeit noch fördert. Oft bleiben die Kinder im Falle einer Trennung ja hauptsächlich bei der Frau, beim Vater sind sie jedes zweite Wochenende oder so ähnlich. Er kann also super Vollzeit arbeiten und sie ist sozusagen zur Teilzeitarbeit gezwungen, was durch Unterhaltszahlungen ausgeglichen wird. Das betoniert eben auch alte Stereotypen.

Zum „Schutz“ der Mütter bzw. Elternteile gibt es ja auch die Elternteilzeit. Wie beurteilen Sie diese als Expertin für Arbeitsrecht? Nutzt oder schadet sie den Frauen mehr?

Die Elternteilzeit-Bestimmungen, die wir haben, sind aus meiner Sicht ein bisschen zu lang. Elternteilzeit ist eine gute Sache, natürlich sollen frischgebackene Eltern beim Wiedereinstieg in den Job nicht in der Angst leben, sofort gekündigt zu werden. Die Frage ist, ob die geschützte Elternteilzeit andauern muss, bis die Kinder sieben sind. Kriegt man dann nämlich noch ein zweites Kind, was ja viele Menschen relativ bald nach dem ersten tun, kann man fast 15 Jahre in geschützter Teilzeit bleiben. Dadurch wird aber sozusagen eine Weiche gestellt, die dann kaum noch zurückgestellt werden kann, weder im Pensionskonto noch im Fall einer Trennung. Logischerweise sind auch die Karrierechancen nachweislich geringer, wenn laufend in Teilzeit gearbeitet wird. Ich wäre da ehrlicherweise für eine drastische Verkürzung: Zwei, drei Jahre, bis es einen verpflichtenden Kindergartenplatz-Anspruch gibt, danach gelten gleiche Regeln für alle. Ich glaube tatsächlich, dass eine Verkürzung etwas FÜR die Frauen wäre und nicht gegen sie.

Welche anderen Stellschrauben gibt es, an denen „geschraubt“ werden muss, um Frauen aus der „Teilzeitfalle“ zu helfen?

Generell mehr Anreize schaffen für Männer-Care-Arbeit. Über die Familienbeihilfe, das Kinderbetreuungsgeld oder Elternteilzeit, die man nur kriegt, wenn man sie sich teilt – wie auch immer. Ich glaube, solche Dinge wären neben der „Riesenstellschraube“ Kinderbetreuung enorm wichtig. Aber wie gesagt, ich möchte gar nicht, dass es immer heißt, die Kinderbetreuung würde die Frauen vom Arbeiten abhalten, denn es gibt auch Väter, die übernehmen könnten. Es scheint gesellschaftlich und auch für die Politik irgendwie schwer vorstellbar, dass man vielleicht einfach mal den Vätern die Hälfte der Care-Arbeit übergibt. Dann hätte man das Problem sowieso gelöst.

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Katharina Körber-Risak ist Rechtsanwältin mit Schwerpunkt Arbeitsrecht. Sie ist Eigentümerin der Körber-Risak-Rechtsanwaltskanzlei, Autorin zahlreicher Fachpublikationen unter anderem über Arbeitszeit und Homeoffice, Vortragende und Lektorin an Universitäten.

KI am Arbeitsmarkt

Stichwort schwer vorstellbar. Neben dem eklatanten Arbeitskräftemangel ist eine weitere aktuelle Herausforderung, vor der die Arbeitswelt steht: KI, die künstliche Intelligenz am Arbeitsplatz. Was kommt da auf uns zu?

Seit einigen Monaten sieht auch die breite Öffentlichkeit, wie viele sogenannte „Bullshit Tasks“ sich durch KI erledigen lassen, zum Beispiel durch ChatGPT. Und das entwickelt sich rasant weiter. Ich glaube, in der Arbeitsmarktpolitik ist man sich noch gar nicht so bewusst, dass das eigentlich ein völlig gegenläufiger Trend zum Fachkräftemangel ist.

Inwiefern?

Der Punkt, den viele im Augenblick noch ganz übersehen, ist, dass KI in nicht so ferner Zukunft viele Jobs ersetzen und sehr viele Jobs erleichtern wird, weil man sie in kürzerer Zeit erledigen wird. Das könnte mit der Arbeitszeitverkürzung Hand in Hand gehen, denn was machen wir mit der frei gewordenen Zeit? Eine Verkürzung der Arbeitszeit, die jetzt noch unvorstellbar und völlig utopisch scheint, könnte dann auf einmal kommen. Das ist eine Wechselwirkung, die man in der ganzen Diskussion um den Fachkräftemangel nicht übersehen darf. Dass auch Regulierung im Einsatz von KI ein Thema ist, hinsichtlich Datenschutz und so weiter, ist sowieso klar.

Womit wir wieder beim Thema Kontrolle im Arbeitsalltag angelangt wären. Sowohl für Arbeitgeber:innen als auch Arbeitnehmer:innen tun sich da ja Fragen auf wie: Was darf ich überhaupt an eine KI auslagern, inwieweit darf ich sie für meine Arbeit verwenden?

Das ist etwas, womit sich Unternehmen dringend beschäftigen sollten, denn vom Gesetzgeber gibt es diesbezüglich noch keine Idee. Als Chat GPT jetzt der breiten Masse bekannt wurde, ist den Menschen das Potenzial von KI für den Alltag, aber eben auch für arbeitsbezogene Tasks bewusst geworden. Auf den Universitäten ist man teilweise panisch vorgegangen und wollte KI verbieten, was man aus Sicht der Studierenden relativ lächerlich finden kann, weil es nicht nachvollziehbar ist. Dasselbe geschieht jetzt bei Arbeitgeber:innen. Im Endeffekt wird man lernen müssen, damit zu leben, und sollte sich genau deshalb dringend Spielregeln überlegen. Wo kann der Einsatz sinnvoll sein? Wo möchte ich ihn wirklich ausschließen? Welche Bereiche sind sensibel? Vor allem muss den Menschen Kompetenz im Umgang mit KI vermittelt werden, weil die durchschnittlichen Arbeitnehmer:innen, mich selbst als Durchschnittsperson eingeschlossen, ja die Kompetenz brauchen, um diese Programme überhaupt bedienen zu können. Auch muss man wissen, was das ist und wie es funktioniert; dass es im Endeffekt nämlich eine Wahrscheinlichkeitsrechnung ist, die keine Gewähr auf Richtigkeit hat. Wenn Sie bei Chat GPT beispielsweise eine juristische Frage eingeben, kommt als Antwort ziemlicher Unsinn heraus. Gewisse andere Sachen sind aber gar nicht so schlecht, man muss dann eben ein bisschen „drüberarbeiten“.

KI vs. Arbeitskräftemangel

Sie sind also davon überzeugt? Was sagt die Arbeitsrechtsexpertin eigentlich selbst zu KI am Arbeitsplatz?

Das Thema KI beschäftigt mich extrem, aber gar nicht so sehr wegen des regulatorischen Aspekts, sondern aus dem Arbeitsökonomie-Aspekt. Wir sind zwar jetzt mitten im Fachkräftemangel, aber ich glaube tatsächlich, dass KI darauf einen massiven Einfluss haben kann. Wenn Sie sich vorstellen, dass Verwaltungsstrafverfahren mit KI geführt werden, da könnte man – ich weiß gar nicht, wie viele – Leute ersetzen! Es ist ein wirklich riesiger Anwendungsbereich.

Aber genau dieser Aspekt ist ja für viele Menschen so beängstigend: „Hilfe, die KI klaut meinen Job …“ Sie haben vorhin auch selbst gesagt, die KI „wird viele Jobs ersetzen“ …

Genau deswegen muss man ja irgendwie einen Diskurs schaffen und die Leute abholen.

Wie werden wir diese Angst, oder zumindest diese große Skepsis, also los? Welche Rolle kommt dabei Politik und Unternehmen zu?

Ich glaube, einerseits ist es wirklich Bildung, also den Menschen so schnell wie möglich beizubringen, mit der KI umzugehen. Andererseits natürlich ganz massiv Regulierung, was auf EU-Ebene bereits ziemlich angekommen ist. Dass man vom österreichischen Gesetzgeber dazu gar nichts hört, die österreichische Regierung das Thema nicht einmal irgendwo erwähnt oder man sonst irgendwie die Wahrnehmung haben könnte, jemand würde darüber nachdenken, finde ich ein bisschen verstörend, muss ich sagen. Entweder hat man wirklich den Plan, das Thema komplett der EU zu überlassen, oder man hat einfach keine Gedanken dazu. Viel kann man dazu ja auch noch nicht sagen, weil es einfach komplett neu ist, zumindest als Massenanwendung. Aber wenn beispielsweise Arbeitnehmer:innen in der Marketingabteilung sagen, „heute schreibe ich den Text nicht selbst, sondern gebe der KI ein paar Schlagworte“: Why not, aber dann muss man sich dafür Spielregeln überlegen. Und die Fragen, die sich dadurch, wie gesagt, wirklich stellen, sind: Was wird an Zeit-Potenzial frei, wenn das gut funktioniert? Haben dann alle erstmals Zeit, ihren eigentlichen Job zu machen, weil sie die bisherigen „Bullshit Tasks“ loswerden? Was mache ich mit diesem Zeit-Potenzial? Gehen dann alle in die Arbeitszeitverkürzung? Ich glaube, je früher man als Unternehmen auf diesen Zug aufspringt, desto besser. Denn ganz oben ist im Augenblick, wie gesagt, nur Vakuum.

Vielen Dank für das Gespräch, Frau Körber-Risak!

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Interview Teil I

Ob das österreichische Arbeitsrecht immer noch verstaubt ist, wie und wohin die Verhandlungsmacht sich durch den Arbeitskräftemangel verschiebt und welche offenen rechtlichen Fragen es beim Thema Homeoffice gibt.

Verstaubtes Arbeitsrecht? Katharina Körber-Risak im Interview

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