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Die letzte Veranstaltung im Ort ist gut besucht

Gründe schaffen, um wiederzukommen

NEOS Lab Blog Header Kolumne Sodala - Helga - 09-2025-1600x899

Früher fuhr man am Wochenende „heim“. Heute fährt man „runter“. Runter vom Tempo, runter von den Push-Nachrichten, runter von diesem permanenten „Du hast noch nicht alles gesehen“. Digital Detox nennt man das dann, wenn man dorthin fährt, wo der Empfang so schlecht ist, dass selbst die eigenen Gedanken wieder durchkommen.

Also: Hinein in jene Gemeinde, in der man aufgewachsen ist und die sich inzwischen anfühlt wie ein liebevoll konserviertes Relikt. Man erkennt noch alles. Und gleichzeitig nichts mehr.

Schön, dass wir uns wieder einmal sehen

Der Anlass? Na ja. Sagen wir so: Die Frequenz der Besuche ist inzwischen eng mit dem örtlichen Bestattungsunternehmen abgestimmt. Man sieht sich wieder – allerdings in Schwarz. „Schön, dass wir uns mal wieder sehen“, sagt dann jemand, und dann kommt er, dieser eine Satz, der immer fällt: „Schöner wär’s natürlich auf einer Hochzeit.“ Alle nicken. Alle wissen: Stimmt. Aber auch: Passiert eher selten.

Ein Dorffest wäre auch nett. Oder zumindest ein Frühschoppen. Aber die finden auch nicht mehr so richtig statt. Es fehlen die Leute.

Die Gemeinde selbst wirkt wie ein Gruppenchat, in dem keiner mehr antwortet. Die Häuser stehen noch da, geschniegelt und gestrichen, die Fensterläden wie eh und je – nur dahinter ist es still. Manchmal geht noch ein Vorhang zur Seite, und ein Blick folgt dem Auto mit dem fremden Kennzeichen. Fremd, obwohl es das eigene ist.

Am Friedhof ist dann plötzlich wieder Betrieb. Fast wie früher, nur ohne Musik. Man begrüßt sich mit einem kurzen Innehalten zwischen Grabstein und Lebenslauf. „Und, bist du noch in …?“ – „Ja, ja, schon lange.“ – „Aha.“ Mehr muss man gar nicht sagen. Die Lebensläufe haben sich längst von den Herkunftsorten emanzipiert. Nur die Körper kehren zurück. Spätestens am Ende.

Eigenartige Form der Heimkehr

Es ist eine eigenartige Form der Heimkehr: Man kennt die Wege, aber sie führen nicht mehr zu den gleichen Menschen. Das Elternhaus wird irgendwann zum „ehemaligen Zuhause“, das Wirtshaus zum „war einmal legendär“ und der Fußballplatz zum Biotop für ehrgeizige Maulwürfe. Die einzige Institution, die zuverlässig floriert, ist – nun ja – du weißt schon.

Und trotzdem: Da ist etwas, was bleibt. Vielleicht ist es nicht die Gemeinde selbst, sondern die Erinnerung an sie. Das Gefühl, irgendwo dazuzugehören, auch wenn man längst woanders lebt. Man lacht über die gleichen alten Geschichten, erinnert sich an dieselben Streiche, und für einen kurzen Moment ist alles wieder da: die Jugend, die Leichtigkeit, der Geruch von Sommer und Asphalt.

„Wir sollten uns echt öfter sehen“, sagt dann jemand. Und diesmal klingt es fast wie ein Vorsatz, nicht nur wie eine Floskel.

Sehnsuchtsort

Und vielleicht ist genau das der eigentliche Luxus dieser Orte geworden: nicht das, was noch da ist – sondern das, was dort fehlt. Kein Empfang, keine Eile, keine Termine. Nur Zeit. Und die leise Sehnsucht, irgendwann nicht nur zu kommen, wenn es etwas zu betrauern gibt – sondern vielleicht tatsächlich einmal wieder zu einer Hochzeit. Oder einfach so. Zum Durchatmen. Zum Auftanken. Zum Runterkommen.

Und genau darin liegt vielleicht auch die eigentliche Aufgabe: Diese Orte wieder zu solchen Anlässen zu machen. Zu Orten, an denen man nicht nur erinnert, sondern wieder erlebt. Wo man nicht nur zusammenkommt, wenn etwas endet, sondern auch, wenn etwas beginnt. Ortskernbelebung klingt oft nach Förderprogramm und Konzeptpapier – dabei geht es im Kern um genau das: Gründe schaffen, wiederzukommen. Und zu bleiben.

Wie das gelingen kann – und warum so viele überhaupt gegangen sind –, damit beschäftigen wir uns bei den diesjährigen NEOS Lab Gemeindetagen von 19. bis 20.6.2026 in Graz ebenso wie in unseren aktuellen Blogbeiträgen zum Thema Abwanderung. Vielleicht ist das ja der Anfang von etwas Neuem. Im besten Fall sogar von mehr Hochzeiten als Begräbnissen.

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