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Vertrauen statt Kontrollzwang: Was das Schulsystem wirklich braucht

Clemens Ableidinger
Clemens Ableidinger

In der Bildungspolitik sind sich ÖVP und SPÖ ähnlicher, als es zunächst scheint. In beiden Lagern regiert schulpolitisches Misstrauen gegenüber Lehrer:innen und Schüler:innen. Der Vorschlag zur Abschaffung der Matura ist dafür ein gutes Beispiel.

Verordnungen, Anträge und Dokumentationen sind ein großer Teil des Lehreralltags. In einer repräsentativen Befragung der Bildungsinitiative „Talente blühen!“ gaben 85 Prozent der befragten Lehrer:innen an, dass sie aufgrund von überbordender Verwaltungstätigkeit zu wenig Zeit für ihre eigentlichen pädagogischen Aufgaben haben. Dass „Verwaltungsreformen“ – wie die Schaffung der Bildungsdirektionen – nicht wie geplant zur Verschlankung der Bürokratie geführt haben, ist für den gelernten Österreicher nicht weiter überraschend. Ebenso sprechend ist, dass jede Form von pädagogischer Eigeninitiative und Autonomie für die engagierte Pädagogin zunächst erst einmal mehr Antrags- und Dokumentationsaufwand bedeutet und nicht weniger. Um es zugespitzt zu formulieren: In Österreich herrscht das bürokratisch organisierte Misstrauen. Dieses Misstrauen gilt im Schulsystem – vom Bildungsminister abwärts – auch Lehrerinnen und Schülern.

Dieses mangelnde Vertrauen wird allen überdeutlich, die Gelegenheit hatten, einen Blick auf das estnische Bildungssystem zu werfen. Der Kleinstaat hat bei der PISA-Studie von allen EU-Staaten am besten abgeschnitten. Jenen, die sich nun fragen, was „die eine“ Maßnahme sein könnte, um den schulpolitischen Leistungsverlust – denn die Leistungen laut PISA-Ergebnissen zeigen in Österreich und Deutschland seit Jahren nach unten – zu bremsen, sei gesagt: Es sind mehrere Parameter, die diesen Erfolg herbeiführen, und sie alle basieren auf einem einfachen Prinzip: dem Vertrauen.

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Bildungsreise in den norden

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Hohe Wertschätzung für Bildung im hohen Norden

In den meisten nordischen Staaten ist die Wertschätzung für Bildung und Wissen sehr hoch. Folgerichtig stellen diese auch hohe Anforderungen an ihr Bildungspersonal. Im Gegenzug bringt man diesem ein hohes Maß an Vertrauen entgegen. Lehrerinnen sind Profis und werden auch als solche behandelt. Aus diesem Vertrauen folgt die sehr weitgehende Autonomie – in Budget-, Personal- und pädagogischen Fragen usw. –, die die einzelnen Schulen genießen. Lehrer mit unzähligen Formularen und Dokumentationen permanent überwachen? Undenkbar! Stattdessen liefern estnische Schulleiterinnen regelmäßig Daten über die Schule – darunter Leistungen, Personalzusammensetzung, vorhandene Erstsprachen, laufende Begleitprogramme, wie z.B. zur Mobbingprävention – an eine zentrale Datenbank, die öffentlich von allen eingesehen werden kann. Der Aufwand ist überschaubar, spielt die Pädagoginnen frei für ihre eigentliche Aufgabe und liefert trotzdem einen besseren Überblick über die Leistungen und Herausforderungen aller Schulen als die österreichische Zettelwirtschaft. Denn wer glaubt, dass all die Formulare, Papiere und Dokumente von irgendwem für schulpolitische Maßnahmen herangezogen werden, irrt. Von einer öffentlichen Einsehbarkeit ganz zu schweigen.

Eigenverantwortliches Arbeiten

Vertrauen wird aber nicht nur den Lehrern entgegengebracht, sondern auch den Schülerinnen. Das zeigt sich nirgendwo so direkt wie an den sogenannten Selbstlerntagen, die einige estnische Schulen etabliert haben. Ein Selbstlerntag bedeutet, dass die Schüler für diesen Tag Arbeitsprogramme bekommen, die sie bis 14 Uhr desselben Tages abgeschlossen haben müssen. Der Witz an der Sache? Diese Arbeitsprogramme müssen nicht an der Schule durchgeführt werden, sondern können auch von zu Hause aus erledigt werden. Um 8 Uhr gibt es einen digitalen „Check-in“ aller Schülerinnen mit dem Lehrer, und um 14 Uhr einen Check-out. Dazwischen steht die Pädagogin für Fragen zur Verfügung. Das Faszinierende an diesen Selbstlerntagen? Sie funktionieren! Die Schülerinnen lernen auf diese Weise, Verantwortung für ihren Lernprozess zu übernehmen. Es wird – nach einem Heranführen an diese Arbeitsweise – selbstverständlich davon ausgegangen, dass jeder Jugendliche dazu imstande ist. Man vertraut den Fähigkeiten und der Mündigkeit junger Menschen und gesteht ihnen allen zu, diese Leistungen erfüllen zu können.

Bildungsstrategie nach dem Prinzip Vertrauen

Dazu gehören sowohl in Estland als auch in Finnland im Übrigen auch Reifeprüfungen am Ende der Schullaufbahn. Bei aller berechtigten Kritik an zentral vorgegebenen Leistungszielen und deren Erhebung: In fast allen OECD-Ländern, die schulische Autonomie mit externen Leistungserhebungen – zum Beispiel in Form von Reifeprüfungen – verbinden, haben sich die Leistungen der Schüler:innen verbessert, worauf der Bildungsökonom Ludger Wößmann kürzlich in einem Vortrag in Wien hinwies. Zu den Ausreißern, deren Leistungsbilanz seit Jahren nach unten zeigt, gehören Deutschland und Österreich. Auch vom Bildungswissenschaftler – und Standardisierungskritiker – Stefan Hopmann wurde die Forderung, die Matura abzuschaffen, als „Blödsinn“ abqualifiziert. Selbst wenn man sich sprachlich etwas gemäßigter ausdrücken möchte, muss man festhalten: Die Abschaffung der Matura ist jedenfalls eine bildungspolitische Themenverfehlung und zeugt von mangelndem Vertrauen in die Fähigkeiten junger Menschen. Schließlich steigt die Zahl der Maturant:innen seit Jahrzehnten kontinuierlich, und die Matura selbst wird von mehr als 90 Prozent aller Kandidat:innen bestanden.

Sinnvoller wäre es, nach dem Vorbild Estlands und Finnlands eine Bildungsstrategie zu entwickeln, die auf dem Prinzip des Vertrauens basiert und aus diesem klare Handlungsempfehlungen und Parameter ableitet. Dazu gehört eine Entlastung der Lehrer:innen durch mehr Stützpersonal ebenso, wie eine Reduktion des Verwaltungsaufwands und ein Prozess zur Autonomisierung der einzelnen Schulen. Estland hat gezeigt, wie das funktionieren kann.

Bild: StphaneLemire/iStock

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